Schweiz

Dritter Advent: Es werden Tage sein

Sie konnte es nicht in sich bewahren –

wie auch?

Sie wollte keine Sklavin sein

und das Kind nicht in irgendeiner verschämten Ecke

ins Dunkel der Welt hinauspressen

Sie fragte nicht um Erlaubnis

Sie bat nicht, dass er mitgeht

Sie trug die prophetische Fracht hoch ins karge Land

Wer anders sollte sie verstehen denn sie

die selber das Unerhörte erwartete

Noch den Staub der Bergwinde im Haar

lobte sie die Grösse der Ewigen und die eigene 

 – von nun an preisen mich 

Sie hatte wie ihr Volk nichts zu sagen

Sie durfte in der Synagoge nicht reden

Sie konnte nicht lesen, nicht schreiben und –

sie konnte nicht schweigen

und sang sich die Lungen frei zum Schrei

und den Hochmut zu Fall

der nach den Frauen griff

der den Stolz der Männer brach

Kein Bettelliedchen um Almosen –

ein Gesang, atemlos, von verwaisten Thronen

auf denen das alte Spiel nicht in neuer Besetzung weitergehen

sondern allein noch die Gerechtigkeit sitzen würde

Ein Gesang von machtlosen Herrschern

weil die Menschen ihre Angst verloren hatten

von Frauen, die das Land der Freiheit schauten

von Armgemachten mit Brot und Recht in Händen

von Verstummten, die zu Wort kamen –

ihretwegen hatte sie der Flügel gestreift

ihretwegen der Himmel sich in ihr eingenistet

Schon schlug sein Puls gegen die weichen Wände

Unaufhaltsam drängte das Rettende ans Licht

angewiesen auf ihren Leib

auf die Leiber und Liebe aller

die miteinander am Stern webten 

Jacqueline Keune, Theologin und Autorin


Junge Frau | © photocase.com
12. Dezember 2020 | 06:45
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