«Es bräuchte einen zweiten Gott, um die Welt zu beschützen»: Was sich Jugendliche im Advent wünschen
Was denken 15- und 16-Jährige heutzutage so über Gott? Ein Besuch in der dritten Oberstufe in Rotkreuz ZG zeigt, Jugendliche haben auf den ersten Blick mit Spiritualität nicht viel am Hut. Bei genauem Hinhören spürt man jedoch: Sie machen sich sehr wohl viele Gedanken machen. Über Gott und die Welt.
Wolfgang Holz
Im Anfang war das Wort. Sprich: viele bohrende Fragen eines Journalisten, der sich mit sieben Teenagern der dritten Oberstufe in Rotkreuz zu Gott und Religion unterhalten darf.
Was bedeutet Euch Gott? Habt Ihr das Gefühl, Ihr seid Gott schon mal begegnet? Geht Ihr gern in den Religionsunterricht? Betretene Blicke. Schulterzucken. Grinsen. Irgendwie ist aller Anfang schwer, um Türen zu öffnen. Einen Zugang zueinander zu finden.
Sprechen mit einem Stein und einem Dornbusch
Dann erzählen Dylan (16) und Joel (15), dass sie neulich im Religionsunterricht mit einem Stein und mit einem Dornbusch hätten reden müssen. «Das war schon irgendwie sehr speziell», sagen sie und schütteln nachträglich den Kopf. Hört sich cool an.
Madeleine Annen, ihre Religionslehrerin erklärt, dass sie mit ihren Schülerinnen und Schülern über das Gleichnis vom Sämann in der Bibel gesprochen habe. «Es ist ja nicht immer klar, wohin der Samen fällt und was daraus entsteht. Darüber habe ich mit ihnen im Unterricht gesprochen», sagt die 54-Jährige und lächelt. Sie hat einen guten Draht zu ihrer Gruppe. Und weiss, das Interesse der Jugendlichen zu wecken.
«Advent ist für mich die Vorfreude auf Weihnachten.»
Tamara (15)
Apropos. Wie ist das denn jetzt eigentlich mit der Adventszeit, die nun beginnt? «Das ist für mich die Vorfreude auf Weihnachten», sagt Tamara (15). Mit Adventskalender und Schoggi. «Ich habe auch schon mal einen Kalender für eine Kollegin mit Täschli und kleinen Sachen drin gebastelt.» Zuhause sei es sehr schön, wenn jetzt die Kerzen angezündet werden. Joel pflichtet ihr bei, und meint, ihm gefalle das «warme Licht» der Kerzen.
«Käse- und Schoggi-Fondue»
An Weihnachten freuen sich alle sichtlich auf Zeit mit der Familie und auf das gemeinsame Essen. «Käse-Fondue und Schoggi-Fondue», kann Dylan empfehlen. Manche machen Spiele zuhause. Geschenke sind für alle wichtig.
«Ich habe an Weihnachten mein erstes Handy bekommen», erinnert sich David (15) an sein schönstes Geschenk. «Schön ist es auch, wenn es an Weihnachten schneit», sagt Joel und lässt wissen, dass er Snowboard am Stoos fährt. Auch seine Klassenkameraden fahren gerne Ski über Weihnachten.
«Ich gehe mit meinem Bruder in den Wald und säge einen Christbaum ab.»
Dylan (16)
Gefühle klingen durch, als das Gespräch auf den Christbaum kommt. Ohne ist nicht. «Ich gehe mit meinem Bruder in den Wald und säge einen Christbaum ab», berichtet Dylan. Noel (15), dessen Name übersetzt Weihnachten bedeutet, gefallen Kugeln und Kerzen am Baum.
Religionslehrerin Madeleine Annen schwärmt ihrerseits, dass der frische Duft und Geruch von Tannen sehr heimelig sei. Und da sind ja noch die «Weihnachtsguetzli», die allen schmecken: Anisguetzli, Mailänderli, Zimtsterne.
«Guetzli»-Backen im Religionsunterricht
Mit einigen ihrer Schülerinnen und Schüler bäckt Madeleine Annen vor Weihnachten sogar «Guetzli» im Rahmen des Religionsunterrichts. «Da freuen wir uns schon drauf.» Sie erinnert ihre Religionsgruppe aber auch daran, dass Jesus ein armes Flüchtlingskind gewesen sei. «Er wurde im Stall geboren. Die Eltern waren nicht verheiratet. Maria – eine blutjunge Mutter.» Alle hören aufmerksam zu.
Nach Weihnachten geht auch der Alltag der Schülerinnen und Schüler weiter. Mit Schule. Dann Lehre. Handy nonstop. Netflix. Unihockey im Verein.
«Gehofft, nicht gebetet»
Noel sagt, dass er schon spontan mal «gebetet» habe. Er wisse noch nicht, was er nach der «Sek» machen wolle. «Ich habe im KV-Bereich und als Hochbauzeichner geschnuppert», erzählt er. Joel, der eine Lehre als Architekturzeichner beginnen wird, räumt ein, dass er vor einem Bewerbungsgespräch mal «gehofft» habe, dass es klappt. «Gehofft, nicht gebetet», betont er.
Noemi (15) will Fachfrau Apothekerin werden: «Weil es so ein abwechslungsreicher Beruf ist, der viel mit Menschen zu tun hat.» Ihre Freundin Tamara schlägt den Weg zur Fachfrau Gesundheit ein. Im Kantonsspital in Luzern durfte sie schnuppern. «Ich helfe gerne anderen Menschen», versichert sie. Das Praktikum im Spital habe sie interessant gefunden. Sie hat in dieser Zeit auch miterlebt, wie ein Patient an Corona verstorben ist. «Danach waren alle traurig auf der Station.»
«Ich würde gerne bei der Euromillion-Lotterie 120 Millionen gewinnen.»
Joel (15)
David macht eine Lehre zum Elektroinstallateur. Beda (15) möchte Confiseur werden. Dylan Landmaschinenmechaniker. Letzterer fährt gerne Traktor zuhause auf dem Bauernhof und bei Arbeiten im Wald.
«Manchmal habe ich Glück, manchmal habe ich Pech», ist der 16-Jährige überzeugt – wenn mal irgendetwas Unvorhergesehenes bei Arbeiten passiere. An Schutzengel mag er nicht so recht glauben.
In die Kirche geht er momentan wenig – wie alle anderen auch in seiner Religionsunterrichtsgruppe. «Dabei war es damals als Ministrant eigentlich ganz nett. Wir sind zum Beispiel in den Europapark gefahren.» Jetzt begleite er seine Grossmutter noch ab und zu in die Kirche.
Hat man als Teenager auch schon einen Lebenstraum? «Ich würde gerne bei der Euromillion-Lotterie 120 Millionen gewinnen», sagt Joel. Mit viel Geld könne man alles machen, ist er überzeugt. Noemi und Tamara denken, dass sie später gerne mal eine eigene Familie haben wollen.
«Wenn Gott ein DJ wäre…»
Dann zeigt Madeleine Annen einen Kurzfilm mit dem Titel «Spin oder wenn Gott ein DJ wäre». Ein Film, in dem ein Discjockey durch das Vor- und Zurückdrehen des Plattentellers, tragische Ereignisse und Unfälle wieder zurückdrehen kann. Ungeschehen machen kann.
Jedes menschliche Schicksal hat der DJ allerdings nicht im Griff. Nachdem er am Schluss für ein Kind den abgetrennten Kopf einer Puppe wieder heil angebracht hat, packt er seine Sachen und verschwindet. Sein Handeln ist ihm sichtlich über den Kopf gewachsen.
«Christus selbst hat das Leiden nicht erklärt, er hat es getragen.»
Madeleine Annen, Religionsunterricht
«Es bräuchte heute wohl einen zweiten Gott oder zehnmal Gott, um die Welt zu beschützen», bemerkt Dylan und erwähnt den aktuellen Krieg als Beispiel für die vielen Missstände auf dieser Welt. Noel ist sich sogar sicher, dass «Gott sich von der Welt verabschiedet hat, nachdem Jesus am Kreuz gestorben ist». Berührende, erstaunliche Ansichten.
Madeleine Annen erklärt den Jugendlichen, dass der christliche Glaube das Leiden dieser Welt nicht erklärt: «Christus selbst hat das Leiden nicht erklärt, er hat es getragen. Gott bewahrt uns nicht vor dem Leid, aber im Leid.»
Jugendliche auf ihrem Lebensweg begleiten
Auch der menschenfreundliche Gott kam zur Sprache. Wenn in der Bibel zu lesen sei, dass ein Blinder durch Jesu Hilfe wieder sehen könnte, bedeute dies in erster Linie, dass der Blinde wieder eine Perspektive habe. «Gott gab ihm den (Lebens-) Sinn zurück.»
Diese Sehnsucht nach Leben, nach Momenten, die berühren, spürt Annen auch unter ihren Schülerinnen und Schülern im Religionsunterricht. «Das Engagement kostet zwar viel Kraft. Und manchmal komme ich mir auch eher wie ein Betreuungsprogramm für Jugendliche vor, die während des Unterrichts einfach nicht gamen dürfen.» Doch sie findet es schön, die jungen Menschen auf ihrem Lebensweg ein Stück weit zu begleiten. Mit Hilfe von Gott.
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