Auch seine Stimme ist verstummt: Befreiungstheologe Ernesto Cardenal aus Nicaragua starb 2020.
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Ernesto Cardenal und seine drei Bekehrungen

Ernesto Cardenal (1925-2020), der Dichter, Mystiker und Revolutionär aus Nicaragua, war ein Mensch mit vielen Gesichtern. Durch alle seine Metamorphosen hindurch zeigt sich indes ein roter Faden, der seine drei «Bekehrungen» verbindet.

Mariano Delgado*

Als Sohn einer gut situierten Familie konnte Ernesto Cardenal, geboren vor genau 100 Jahren, in Mexiko und in den USA lange studieren sowie durch Europa reisen. Er war ein spirituell suchender und ein politisch interessierter Mensch zugleich. 1954 nahm er in seiner Heimat an der Aprilrevolution gegen den Diktator Anastasio Somoza teil, bei der einige Freunde das Leben liessen.

Bei den Trappisten in Kentucky

1956 erlebte Cardenal «die erste Bekehrung», die er als eine profunde mystische Erfahrung bezeichnete. Sie führte ihn in die Trappistenabtei Gethsemani im US-amerikanischen Bundesstaat Kentucky, wo der bedeutende Mystiker Thomas Merton Novizenmeister war und ihn nachhaltig prägte. 1959 verliess er die Abtei und studierte Theologie im mexikanischen Cuernavaca, wo Ivan Illich lebte.

Nach der Priesterweihe 1965 gründete er eine Christengemeinde von Fischern und Künstlern auf der Insel Solentiname im Nicaraguasee. Die Gedichte nach der ersten Bekehrung (darunter «Hora 0», «Gethsemani», «Salmos», «Oración por Marilyn Monroe») und «El Evangelio de Solentiname», Ergebnis der Bibelgespräche auf der Insel, sind – literarisch und theologisch – vielleicht die besten Texte, die seiner begabten Feder entsprungen sind. Hierzulande wurden sie aber erst in den 1970er und 1980er Jahren bekannt.

Die Bibelauslegung der «Basisgemeinde» von Solentiname ist eine Art Theologie der Befreiung «avant la lettre», Ausdruck der Sehnsucht der Armen nach einem guten, menschenwürdigen Leben in dieser Welt gemäss den messianischen Werten des Reiches Gottes (Wahrheit, Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden, Solidarität) – im Gegensatz zum Leben unter der Somoza-Diktatur.

Wehen des Heiligen Geistes über Fidel Castro

Der Kubabesuch 1970 löste «die zweite Bekehrung» aus. Er besuchte die Insel mit grosser Sympathie für die Revolution, aber auch mit offenen Augen für manche Defizite, etwa die fehlende Pressefreiheit. Das Buch «En Cuba», das er 1972 schrieb, war daher nicht unkritisch und konnte in Kuba nicht erscheinen.

Aber es war auch geprägt von einer Verherrlichung der Revolution als immanenter Erscheinung des Reiches Gottes auf Erden. Es ist vom Wehen des Heiligen Geistes über Fidel Castro als Zeichen einer neuen Epiphanie die Rede, vor allem aber von einem, quasi erlösten «Neuen Menschen»: «In Kuba werden die Kinder im Geist Che Guevaras erzogen, das heisst im Geist der Nächstenliebe. Und ich glaube, in der kubanischen Jugend sieht man schon sehr deutlich diesen Typ des Neuen Menschen … Der Neue Mensch in Kuba ist der gleiche Neue Mensch, von dem im Neuen Testament die Rede ist, der neue christliche Mensch».

Im Fluss dieser zweiten Bekehrung wurde Cardenal von 1979 bis 1987 Kulturminister und Hofdichter der Sandinisten. In dieser Zeit sind auch bedeutende epische Gedichte entstanden, etwa  «Canto nacional» und «Cántico cósmico» sowie politisch-religiöse Texte, zum Beispiel «La santidad de la revolución» und «Nuevo cielo y nueva tierra».

Abkehr von den Sandinisten

Den Sandinisten um Daniel Ortega, die den Geist der Revolution verraten hatten und auf dem Weg zur neuen Diktatur waren, kehrte Cardenal 1994 den Rücken. Denn er fand darin dieselben Fehlentwicklungen wie in der Kirche: «Klerikalismus, Hypokrisie, Scheinheiligkeit». Dies kann als seine «dritte Bekehrung» bezeichnet werden, die ihn zu einer ethischen Erdung der Utopie führte. Aber er hörte nicht auf, mit den «echten» Sandinisten zu sympathisieren und von einem neuen Himmel und einer neuen Erde in dieser Welt zu träumen. Das war der rote Faden seines Lebens.

Literarisch ist die dritte Phase eher geprägt von verschiedenen Anthologien und Kompilationen seines Werkes, von Übersetzungen in vielen Sprachen und von Lesetouren als «Kultfigur» für Nostalgiker der Revolution mit ihrer politischen Theologie. Cardenal bekam Ehrendoktorate und bedeutende Literaturpreise. Etwa 1980 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. 2005 wurde er für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen).

Rehabilitation durch Papst Franziskus

Und am Ende wurde ihm die Anerkennung seiner Kirche auch nicht versagt. Während er von Johannes Paul II. am 4. März 1983 bei seinem Nicaraguabesuch öffentlich gemassregelt wurde –  das Bild des ermahnenden päpstlichen Zeigefingers auf den knienden Cardenal ging um die Welt – und danach als Priester suspendiert wurde, so hat ihm Papst Franziskus am 17. Februar 2019 die priesterliche Tätigkeit wieder erlaubt.

Denn es ist nicht verboten, sondern sogar eher geboten, dass Christen und Christinnen auf einen neuen Himmel und eine neue Erde hoffen und sich für die Werte des Reiches Gottes in Politik und Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur einsetzen – aber man muss dabei das Prinzip wahren, dass der Zweck die Mittel nicht heiligen kann, und die Augen gegenüber Revolutionen und Parteien offen halten, die zu Pseudokirchen werden.

*Mariano Delgado ist Professor für Kirchengeschichte und Direktor des Instituts für das Studium der Religionen und den interreligiösen Dialog an der Universität Freiburg sowie Dekan der Klasse VII (Religionen) an der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste.

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20. Januar 2025 | 12:00
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