«Er machte das Leben von kirchlichen Schwadroneuren nicht immer leicht»: Trauer um Ursicin Derungs
Er war Benediktiner, Theologe, Professor. Später machte ihm die Kirche den Prozess, weil er sich laisieren liess. Der Bündner Theologe Ursicin G.G. Derungs ist im Alter von 89 Jahren gestorben.
Raphael Rauch
Ursicin Gion Gieli Derungs war überzeugt: Die christliche Botschaft ist nicht kompliziert, sondern einfach. Das zeigte Derungs in einem Text über Emmaus: «Emmaus ist ein Programm, ein Lebensgleichnis, eine Situation, von Zweifel und Enttäuschung gezeichnet, aber nicht beherrscht. Denn das Suchen herrscht im Gespräch, in den Fragen und im Zurücklegen einer Wegstrecke vor und wird dabei von einem unbekannten Weggenossen begleitet und gestützt. Emmaus steht zwischen Kreuz und Offenbarung.»
Emmaus-Geschichte lebt von Gastfreundschaft
Für Derungs stand fest: Die Emmaus-Geschichte lebt von Gastfreundschaft («Bleibe bei uns…»), vom gemeinsamen Mahl und davon, dass sich in der konkreten, unkomplizierten Mitmenschlichkeit Offenbarung zeigt und den Weg öffnet, «nach Jerusalem» zurückkehren zu dürfen.
Ursicin G.G. Derungs wurde 1935 in Vella im Val Lumnezia geboren. Er studierte nach der Mittelschule an der Klosterschule Disentis Theologie und Philosophie in Einsiedeln, Rom und Tübingen, wurde Mönch und Priester, lehrte an der Klosterschule und folgte schliesslich einem Ruf als Professor für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der benediktinischen Hochschule St. Anselmo in Rom.
Heirat nach Klosteraustritt
1975 trat er aus dem Kloster aus und heiratete die Theologin und Philosophin Maria Cristina Bartolomei. Er wurde Lehrer an der Scuola Svizzera in Mailand, wo er ebenso wie in Vella GR lebte.
Der Schritt aus dem Kloster, das Laisierungsverfahren, verlief schmerzhaft. Einem Ordensmann werde «im wahrsten und im übertragenen Sinne ‹der Prozess gemacht›», kritisierte Derungs später in seiner Autobiographie. Mitbrüder machten aus Mönchen, die das Kloster verlassen wollten, zu «Untreuen» und «Verrätern».
Die Schattenseite der Kirche
Derungs lernte auf schmerzhafte Weise die Schattenseite der Kirche kennen. Zuvor hatte er die Sonnenseite genossen: Er gehörte zu einer Generation von Theologen, die von der Aufbruchsstimmung des Zweiten Vatikanischen Konzils profitierten.
Auch wenn er sich selbst so nie bezeichnet hätte: Derungs war eine Art 68er-Theologe, der zu jenen jungen Priestern gehörte, die das Aggiornamento des II. Vatikanischen Konzils ins Rätoromanische übersetzten. Mit der bleiernen Zeit und dem Mief, der vom Churer Bischofshof später ausging, hatte Derungs nichts zu tun. Er wollte Hierarchien abschaffen, die Kirche öffnen – und er hinterfragte den Pflichtzölibat und die Sexualmoral.
Jahrzehntelanges literarisches Schaffen
Bis zuletzt blieb Derungs seiner Heimat verbunden, die er jahrzehntelang mit seinem literarischen Schaffen mitprägte. Er beliess es nicht nur bei lokalen und christlichen Stoffen, sondern wagte sich auch an das schwierige Genre Holocaust-Literatur heran.
Der Holocaust-Überlebende Primo Levi stellt in seiner Autobiografie die Frage: «Ist das ein Mensch?» Die Antwort lautete für Levi: «Mensch ist, wer tötet, wer Unrecht zufügt oder erleidet. Kein Mensch hingegen ist, wer darauf wartet, dass sein Nachbar endlich stirbt, damit er ihm ein Viertel Brot abnehmen kann, kein Mensch ist jener, der noch im Todeskampf beständig sein ›Jawohl’ murmelt.»
Von Primo Levi tief beeindruckt
Derungs war von Levi tief beeindruckt und übersetzte dessen Text vom Italienischen ins Romanische. «Das Thema ist immer noch aktuell, nämlich dass Menschen andere Menschen unterdrücken oder sogar zerstören. In Levis’ Fall ist die Zerstörung noch viel brutaler und unmenschlicher, denn sie war systematisch und gewollt», begründete Derungs seine Motivation.
Ein Weggefährte Derungs’ war der Bündner Fernsehmann Mariano Tschuor. «Nicht selten musste er grobe, persönliche Kritik einstecken, ja solche, die seine Ehre verletzte, die persönliche Integrität beschmutzte und ohne die Anrufung eines Richters nicht hätte gestoppt werden können», schrieb Tschuor 2020 über Derungs. Es sei «geradezu beschämend», wie kirchliche und klösterliche Stellen mit einem Menschen umgegangen seien, der «zu ihrem innersten Zirkel» gehört habe.
Theologisches Werk bisher nicht übersetzt
Auch bedauert Tschuor, dass Derungs’ theologisches Werk bislang nicht übersetzt wurde: «Es wäre ein Gewinn für viele, würden seine beiden Bände» – gemeint sind «La petta de spigias» und «Il temps dellas tschereschas» – «in eine der grossen Landessprachen der Schweiz übersetzt.»
Zum Tod von Ursicin G. G. Derungs teilt Mariano Tschuor mit: «Für Ursicins Denken und Schaffen gab es zwei massgebliche Grundlagen, ohne das weitere Spektrum der Geisteswelt einzuschränken: die Bibel und die Texte des Zweiten Vatikanums. Auf dieser Grundlage verteidigte er das Gottes-, Menschen- und Kirchenbild luzide und präzise. Als profunder Kenner dieser Grundlagen machte er das Leben von kirchlichen Schwadroneuren nicht immer leicht.»
Mariano Tschuor hat mit Ursicin G. G. Derungs im Rahmen der Bündner «Emmaus-Gruppe» jahrelang Ostern zusammen gefeiert. Nach einem langen, erfüllten und bisweilen auch steinigen Weg hat sich für Ursicin G. G. Derungs am Dienstag im Alter von 89 Jahren der Weg nach Jerusalem geöffnet.
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