Schweiz

«Mein Beitrag zur Energiewende: Ich engagiere mich politisch»

Solothurn, 10.5.17 (kath.ch) Am 21. Mai befindet das Schweizer Stimmvolk über das neue Energiegesetz. Den Verzicht auf neue Atomkraftwerke sieht der Basler Bischof Felix Gmür als Chance. Es sei im Energiebereich nötig, jetzt zu handeln, bevor es zu spät ist, sagt Gmür im Interview mit kath.ch. Gmür ist in der Schweizer Bischofskonferenz für den Bereich Umwelt und Arbeitswelt zuständig.

Georges Scherrer

Industrie, Bahn, Autos, Flugzeuge, Computer, Spitäler brauchen Energie, damit sie funktionieren. Was steht für die Schweiz mit der Abstimmung über die «Energiestrategie 2050» am 21. Mai auf dem Spiel?

Bischof Gmür: Es geht um eine Energiepolitik in Verantwortung gegenüber der Schöpfung und gegenüber unseren Kindern und Kindeskindern.

Immer mehr Elektrogeräte begleiten den Alltag der Schweizer: Klimaanlagen, Mixer, Elektroautos, Elektrovelos, Kinderspielzeuge mit Batterien. Die Kernkraftwerke sollen mittelfristig abgestellt werden. Woher soll die Energie für diese Geräte geholt werden?

Gmür: Die Kernkraftwerke werden ja nicht einfach so abgestellt, sondern erst, wenn die Energieeffizienz der Geräte und Maschinen verbessert ist, wir also weniger Strom verbrauchen, und andererseits alternative Energiequellen erschlossen sind.

Die Energiepreise müssen auch 2050 konkurrenzfähig sein.

Ein ziemlicher Zahlensalat begleitet die Vorlage. 2019 wird das Kernkraftwerk Mühleberg abgeschaltet; im Energiebereich gibt es das Strategieziel 2050. Bis 2035 soll der Energieverbrauch um 43 Prozent gesenkt werden. Die Energiewende soll gemäss Befürwortern 40 Franken pro Haushalt im Jahr kosten. Gegner reden von 3›500 Franken. Bundesrätin Leuthard rechnet vor, dass heute Personenwagen fast die Hälfte weniger Treibstoff verbrauchen als vor zehn Jahren. Wie soll sich das Stimmvolk bei den Zahlen, die geboten werden, zurechtfinden?

Unsere Umweltbedingungen dürfen sich nicht verschlechtern.

Gmür: Mein Blick ist theologisch und richtet sich auf die Schöpfung und die nachfolgenden Generationen. Wie bei jedem Entwicklungsprozess entstehen da Kosten und Erträge, die auf der Zeitachse unterschiedlich anfallen. Politisch muss das Ziel sein, dass die Energiepreise auch im Jahre 2050 konkurrenzfähig sind. Das ist auch für die Wirtschaft wichtig.

Innerhalb der Wirtschaft, bei Parteien und auch bei Umweltorganisationen ist man sich nicht einig über die Parolen zum 21. Mai. Ein Beispiel: Pro Natura, der Heimatschutz, der WWF Schweiz sind für die Vorlage. Der Verband Freie Landschaft Schweiz ist dagegen. Woran soll sich das Stimmvolk orientieren?

Gmür: Es gibt viele Partikularinteressen. Wenn ich mich aber frage, ob ich einfach weiterfahren will wie bisher und damit in Kauf nehme, dass sich unsere Umweltbedingungen weiter verschlechtern, dann wird mir rasch klar, dass es besser ist, etwas zu tun, bevor es zu spät ist.

Man kann nicht gleichzeitig den Batzen und das Weggli haben.

Umweltschützer warnen vor dem Einsatz von Windrad-Anlagen. Diese bedrohten die Vogelwelt und verschandelten die Landschaft. Verfangen bei Ihnen diese Argumente?

Gmür: Wie hoch der Anteil des Windstroms im künftigen Energiemix sein wird, ist offen. Mit der Standortwahl muss auf Landschaft und Vögel Rücksicht genommen werden. Am Schluss wird es wohl ein Kompromiss sein, weil man nicht gleichzeitig den Batzen und das Weggli haben kann.

Verschlechterung der Umweltbedingungen und jene im menschlichen Bereich sind eng miteinander verbunden.

Welche Entscheidungshilfe liefert die Umweltentzyklika Laudato si’ von Papst Franziskus aus dem Jahr 2015 für den 21. Mai?

Gmür: Unser Papst ruft dazu auf, die Schöpfung zu wahren. Die Verschlechterung der Umweltbedingungen und die Verschlechterungen im menschlichen und ethischen Bereich sind eng miteinander verbunden, sagt der Heilige Vater. Damit spricht er einen sehr wichtigen Punkt an.

Wo können Schweizerinnen und Schweizer Energie sparen, ohne dass es ihnen weh tut?

Gmür: Was schmerzt, ist individuell unterschiedlich. Nicht schmerzen tun all die kleinen Dinge, die man durch Achtsamkeit im Alltag sparen kann.

Die Jugend ist vom Ergebnis am meisten betroffen.

Wie stehen Sie zu Solarzellen auf Kirchendächern?

Gmür: Weshalb nicht? Wir sollten uns damit auseinandersetzen.

Warum sollen sich junge Katholiken am 21. Mai an die Urne begeben?

Gmür: Weil sie vom Ergebnis der Abstimmung  dereinst am meisten betroffen sein werden.

Was ist Ihr persönlicher Beitrag zur Energiewende?

Gmür: Dass ich mich auch politisch dafür engagiere.

Bischof Felix Gmür | © zVg (Fotomontage: H. Merrouche)
10. Mai 2017 | 10:27
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