Rebellion gegen Missbrauch: Die "Mazze" in der Luzerner Peterskapelle
Schweiz

Eine «Mazze» gegen den Missbrauch in der Kirche: Menschen nageln ihren Protest ins Holz

Die Stadtluzerner Peterskapelle widmet den sieben Todsünden ein einwöchiges Festival. Der Todsünde Zorn konnten jüngst Besucherinnen und Besucher ihren freien Lauf lassen, indem sie ihre Emotionen zum aktuellen Missbrauch in der katholischen Kirche an einen Baumstumpf nagelten. Das visuelle Ergebnis bekommt Bischof Felix Gmür als Foto zugeschickt.

Wolfgang Holz

Die Peterskapelle an der Reuss in Luzern ist immer gut für kreative Ansätze in der Kirche. Zurzeit leuchtet die temporäre Kunstinstallation «Lange Leitung» vom Turm in die Nacht.

Das Werk von Vera Baumann, Simon Iten und Benjamin Heller aus Kunststoffrohren erinnert an Wolken. Man denkt auch an die Dornenkrone Jesu während der Passion. Die Installation stellt die Kirche auch als Denkmal und Monument irgendwie in Frage. Eine brandaktuelle Vision.

Monument Kirche wackelt aktuell

Denn das Monument Kirche ist durch die jüngst publik gewordene Missbrauchsstudie ins Wanken geraten – jene schockierende Studie, die über 1000 Missbrauchsfälle seit 1950 in der katholischen Kirche aufgedeckt hat.

Die "Mazze" in der Peterskirche
Die "Mazze" in der Peterskirche

Was passt da besser, als im Rahmen des Sündenfestivals zu den sieben Todsünden mit der Todsünde Zorn Menschen einen Raum zu geben, in Form von Emotionen wie Ärger, aber auch Trauer, Bestürzung auf diesen Missbrauch zu reagieren.

Mazze-Baumstumpf voll genagelt

Meinrad Furrer, Leiter des Teams Peterskapelle, hat sich zusammen mit Sylvia Stam, Melanie Laveglia, Rektorin für Religionsunterricht und Ethik in Luzern, mit Rafal Lupa, Pfarrer von St. Paul in Luzern und Leiter des Pastoralraums, sowie mit Mentari Baumann von der «Allianz Gleichwürdig Katholisch» dafür etwas Besonderes einfallen lassen. Man liess sich dabei von Ritualspezialistin beraten.

In Fortführung der Walliser Mazze-Tradition durften Besucherinnen und Besucher der Peterskapelle am Donnerstagabend einen Baumstumpf voll nageln: Und zwar mit Meinungen zum Thema Missbrauchsbekämpfung.

Zwei Zettel mit Antworten

Konkret konnte man jeweils zwei Zettel mit persönlichen Antworten zu den Fragen: «Was will ich auf keinen Fall mehr erleben?» und «Wofür setze ich mich mit Klarheit und Leidenschaft ein?» an den Baum nageln.

Antworten wie der Wunsch nach einer freieren, menschlichen Sexualmoral in der Kirche war dort zu lesen. Oder: «Dass Menschen sich nicht mehr in der Kirche fürchten müssen.» «Dass es keinen Machtmissbrauch in der Kirche gibt.» «Keine Falschheit und Heuchelei.» «Dass man ein offenes Herz und offenes Ohr für Betroffene hat.» Und viele weitere berührende Kommentare.

Gemäss dem Historischen Lexikon der Schweiz wird das Wort Mazze vom italienischen mazza (Keule, Streitkolben) abgeleitet und bezeichnet einen symbolischen Gegenstand, der im 15. und 16. Jahrhundert im Wallis bei Aufständen verwendet wurde.

Rebellionsritual

Die Mazze trat in der Geschichte in verschiedenen Formen auf: Zuerst als grosse Holzkeule, dann als geschnitztes, menschliches Antlitz mit entstellten Zügen, das auf das Wurzelholz einer Esche gesetzt wurde. Die Mazze war ein Rebellionsritual und gleichzeitig Sinnbild der Rechte und Freiheiten des Volkes gegen Tyrannei. Wer an dem Protest teilnehmen wollte, konnte einen Nagel einschlagen.

Protest-Mazze an den Bischof

Die Mazze in der Peterskapelle kann sich sehen lassen. Zig Zettel wurden in den Baumstumpf genagelt. Das temporäre Monument des Volkszorns bleibt nun eine Zeit lang in der Peterskapelle stehen. «Ein Foto davon schicken wir an Bischof Felix Gmür», sagt Meinrad Furrer.


Rebellion gegen Missbrauch: Die «Mazze» in der Luzerner Peterskapelle | © Wolfgang Holz
15. September 2023 | 17:00
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