Schweiz

Ein Seelsorger verzaubert die Senioren einer Pfarrei

Alt St. Johann SG, 19.2.17 (kath.ch) Klaus Gremminger ist kein gewöhnlicher Seelsorger. Der Pfarreibeauftragte von Niederuzwil (SG) tritt auch als Zauberer auf. Vor kurzem an einem Seniorennachmittag in Alt St. Johann im Toggenburg. Seine beiden Rollen seien einander «sehr ähnlich», sagt Gremminger nach seinem Auftritt in der örtlichen Propstei.

Regula Pfeifer

«Mit dieser Nase», sagt Klaus Gremminger mit bayrischem Akzent, setzt sich eine rote Clownnase auf und ernet Lacher. «Mit dieser Nase kann ich Düfte wahrnehmen, die ich sonst nicht wahrnehmen kann, etwa den Duft der Magie», sagt der feingliedrige Mann mit schwarzen Hosen und schwarz-rot gestreiftem Blazer und schnuppert in die Zuschauerrunde. Der Duft sei zu schwach, meint er. Plötzlich ist die Clownnase aufs Doppelte angewachsen – und nimmt nun offenbar Magie wahr.

Ferngesteuerte Glühbirne

Gremminger geht auf eine Frau in der vordersten Zuschauerreihe zu. Sie stehe im Geruch der Magie, sagt er und fragt nach: «Haben Sie schon mal gezaubert?» Sie verneint. Gremminger zeigt eine alte Glühbirne in einem durchsichtigen Plastiksack. «Sie dürfen diese Glühbirne zum Leuchten bringen. Sie müssen nur die Hände aufeinanderdrücken.» Das tut sie. «Ah, jetzt hat es aufgeblitzt», sagt Gremminger, relativiert aber: Es sei nur auf seiner Seite zu sehen gewesen. Alle lachen. Dann muss die Frau klatschen. Es blitze in einem Bruchteil einer Sekunde auf, warnt Gremminger. Klatschen. Hat es aufgeblitzt oder nicht, mag sich der eine oder die andere fragen. «So viel Energie, das sprengt jeden Rahmen», lobt Gremminger die Frau. Er hält eine kaputte Birne in der Hand. «Das habe ich auch schon gemerkt», sagt der Mann nebenan. Alle lachen. «Gell, das erstaunt Sie jetzt gar nicht», bestätigt Gremminger. Wieder Lachen.

Was wie eine Aufführung auf einer Kleinkunst-Bühne wirkt, ist ein Seniorenanlass der Seelsorgeeinheit Oberes Togggenburg. Ida Näf hat Klaus Gremminger engagiert. Sie kennt ihn von der Gemeindeleiterausbildung her, erzählt sie gegenüber kath.ch. Schon dort habe der Theologe in den Pausen mit Zaubereien unterhalten. Näf ist nun Pfarreibeauftragte von Neu St. Johann und in der Seelsorgeeinheit für die Seniorenanlässe zuständig. Und Klaus Gremminger, der hier als Zauberer auftritt, ist Pfarreibeauftragter von Niederuzwil-Uzwil (SG) und leitet in der Seelsorgeeinheit Uzwil und Umgebung den Religionsunterricht auf Primarstufe.

Während Gremminger mit zwei weissen Bällen und einem roten jongliert, ab und zu den einen verschwinden lässt – und dabei eine rührende Liebesgeschichte erzählt, schauen die rund 40 älteren Frauen und Männer im Saal der Propstei Alt St. Johann vergnügt zu. Einmal hat ein rotes Seil plötzlich einen weissen Knopf drin, nachdem es mit einem weissen Seil verknotet war. Oder aus einem leeren Sack holt der Zauberer unverhofft ein Ei raus. Dann würgt er fünf solcher Eier aus seinem Mund heraus. Woher die alle kommen und wie er das macht, ist wohl nicht nur für die Journalistin rätselhaft. Auch die Schlussszene verblüfft. Da simuliert Gremminger mit Näf eine Zugfahrt und findet dabei das Wort heraus, das sie sich in einem Buch gemerkt und vorgestellt hat. Es heisst «Lederbündel».

Nicht übersinnliche Fähigkeiten vorgaukeln

Nein, preisgeben wolle er nicht, wie dieses Gedankenlesen gehe, sagt Gremminger im Gespräch mit kath.ch. Sonst könne er es ja nicht mehr zeigen. «Es ist relativ einfach, Leute zu überzeugen: Es gibt wirklich Gedankenlesen», so Gremminger. Tatsächlich es gebe Zauberer, «die bewusst darauf abzielen, die Leute in Zweifel zu ziehen.» Das ist nicht seine Art. «Bei mir wissen die Leute, er zaubert mit Tricks», so Gremminger. Er sei Zauberkünstler. Sich als Mentalisten auszugeben und übersinnliche Fähigkeiten vorzugaukeln, käme für ihn nicht in Frage. «Das wäre einfach unmoralisch», sagt der Zauberer-Theologe. «Denn es wäre der Schritt vom Märchenerzähler hin zum Lügner.»

Der 1975 in München geborene Gremminger ist von der Zauberei fasziniert, «seit in der zweiten Primarklasse ein Zauberer auftrat», wie er sagt. Danach folgten Zauberkästen, Zauberkurse, der Besuch von Zauberläden. Das Interesse an Theologie kam später. «Mit Zauberei hatte das nichts zu tun», so Gremminger. Vielmehr interessierten ihn die theologischen und philosophischen Fragen, die ihn ins Studium und anschliessend in die Seelsorge führten.

Ähnlichkeit bei Kommunikation und Symbolik

Seine beiden Rollen – der Seelsorger und der Zauberer – seien sich aber «sehr ähnlich», wie Gremminger ausführt. «Wenn ich als Theologe den Gottesdienst leite, versuche ich mit vielen Menschen gleichzeitig zu kommunizieren. Genau das mache ich beim Zaubern auch», so Gremminger. «In beiden Fälle geht es darum, Menschen zu berühren, mit Worten, Geschichten, Symbolen.» Das Prinzip sei gleich, Inhalt und Reaktionen aber anders. Das Zaubern ermögliche eine einfachere und lockere Art, mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Das wiederum helfe ihm auch im Gottesdienst, wo die Atmosphäre «etwas strenger und steifer ist».

Auch bezüglich symbolischem Handeln sieht Gremminger Ähnlichkeiten. «Die priesterlichen und seelsorgerlichen Aufgaben beinhalten starke Symbole», sagt er. «Das fasziniert mich.» Als Pastoralassistent steht ihm beispielsweise das Segnen zu. Auch beim Zaubern könne es zu symbolischem Handeln kommen, meint Gremminger. Wenn er eine Zaubergeschichte mit einem Knoten entwickle, könne dieser Knoten durchaus für Integration oder Ausschluss stehen.

Den Zauberer und den Seelsorger will Gremminger gegen aussen bewusst auseinanderhalten. In der eigenen Pfarrei als Zauberer aufzutreten, machte ihm anfangs mehr aus als heute. «Ich versuchte dann, denn Rollenwechsel vor dem Publikum bewusst zu vollziehen». Er entwickelte eine Geschichte, die das Jonglieren mit dem Segnen verband und konnte so den Leuten den Rollenwechsel mitteilen. Dennoch sei der Wechsel nicht immer einfach, so Gremminger. Etwa, wenn er am Tag nach der Zaubervorführung eine Beerdigung leitet, an der dieselben Leute teilnehmen, die Stimmung aber ganz anders ist.

Zauberknoten in der Maiandacht

Ausnahmsweise hat er seine Zauberkunst auch einmal in den Gottesdienst einfliessen lassen. In einer Maiandacht hatte er sich das biblische Thema der Maria Knotenlöserin vorgenommen. «Da zauberte ich verschiedene Knoten in ein Seil und zeigte den Menschen, wie sie sich lösen oder auch nicht oder wie man sie selber aufmachen muss.»

Ein wenig Seelsorger bleibt Gremminger auch am Seniorenanlass. Nach der Vorführung und dem Gespräch mit der Journalistin meint er: «Nun gehe ich nochmals unter die Leute», und mischt sich unter die Kaffee trinkenden Senioren. Die sind durchaus noch dieselben und nicht verzaubert, wie die 91-jährige Leonie Schio in der Zauberpause gewitzelt hatte. «Mal schauen, ob wir Frauen da als Kaninchen wieder raushoppeln», soll sie den Männern vor dem Anlass erzählt haben. Die hätten aber nur einen feinen Kaninchenbraten gerochen.

Hinweis: Klaus Gremminger tourt aktuell mit Reto Trunz als Duo Klaus und Reto durch den deutschsprachigen Raum. Sie zeigen das Programm «Tiger frei!».

Klaus Gremminger | © Regula Pfeifer
19. Februar 2017 | 09:10
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