Josip Knezevic im Kaffeehaus Morica han in Sarajewo (Bosnien) | © zVg
Schweiz
Josip Knezevic im Kaffeehaus Morica han in Sarajewo (Bosnien) | © zVg

Ein Pfarrer entdeckt bei Muslimen eine neue Welt

Rüschlikon ZH, 21.3.17 (kath.ch) «Wir kommen nicht darum herum, uns mit dem Islam zu beschäftigen». Das sagt Josip Knezevic (52), katholischer Pfarrer der Pfarrei St. Nikolaus von Myra in Rüschlikon ZH. Er hat diese Erkenntnis selbst umgesetzt und sein Sabbatical mit einer Islam-Weiterbildung in Sarajewo verbunden – und dabei einschneidende menschliche Erfahrungen gemacht.

Regula Pfeifer

Er habe «eine neue Welt entdeckt», sagt Josip Knezevic in bestem Hochdeutsch. Der Pfarrer mit grauen Rossschwanz sitzt im Empfangszimmer der katholischen Pfarrei Rüschlikon und zündet eine Kerze an. Dann erzählt der Energie versprühende Geistliche von seinen neuen Erfahrungen mit dem Islam und den Muslimen in Sarajewo.

Zeichen der Zeit

Knezevic hatte ein Sabbatical zugute und wollte spontan in die Wildnis Kanadas reisen. Doch das Generalvikariat Zürich wünschte, dass die bezahlte berufliche Auszeit der Kirche zugutekomme. Das war vor drei Jahren. Die Diskussion um den Islam lief damals heiss. Der Rüschliker Pfarrer merkte: «Da kommt etwas auf uns zu, das wir nicht kennen, der Islam.» Und damit müsse man sich beschäftigen, darum komme man nicht herum. Obwohl im mehrheitlich muslimisch geprägten Bosnien geboren, hatte der Katholik wenig Ahnung von dieser Religion.

Er beschloss, seine Auszeit dem Thema zu widmen, und erkundigte sich, ob in seinem Heimatland eine Weiterbildung zum Islam angeboten werde. Tatsächlich gab es einen dreimonatigen Lehrgang in Islamwissenschaften an der Fakultät für Islamwissenschaften in Sarajewo. Dieser fand jeweils im Frühling statt. Knezevics Auszeit war aber auf den Herbst 2016 geplant. Dank der Flexibilität der Professoren konnte die Islam-Weiterbildung dennoch absolvieren, unter gewissen Bedingungen. Neun Traktate hatte er zu schreiben und eine Reihe von Vorlesungen zu besuchen. So erstand er das angestrebte Diplom. In der Zeit bewohnte er auf eigenen Wunsch ein Appartement für Professoren des Priesterseminars. Das vermerkt der ehemals unerwünschte Priesteramtskandidat mit leichtem Stolz.

Im Kaffeehaus mit muslimischen Studenten

In den Vorlesungen lernte der erfahrene Geistliche junge muslimische Studierenden kennen. «Ich war der einzige Nichtmuslim unter diesen Muslimen und Muslimas», so Knezevic. Ins Gespräch mit ihnen kam er im Kaffeehaus Morica han, einem alkoholfreien, «wunderschönen Gasthaus», wie der Pfarrer heute noch schwärmt. Im Gebäude seien früher die Lasttiere der Karawanen ausgewechselt worden.

Die Studenten begegneten dem katholischen Pfarrer anfangs mit Misstrauen. «Bist du ein Spion oder was willst du hier?», hätten sie gefragt. Knezevic liess sich nicht abwimmeln. Aufrecht und bestimmt wiederholt er gegenüber der Journalistin seine damalige Rede: «Ich habe gecheckt: Wir können euch nicht alle töten. Und ihr könnt uns nicht alle töten. Also müssen wir zusammenleben. Und damit wir zusammenleben können, sollten wir uns vielleicht kennen lernen. Vielleicht werden wir uns dann erst schätzen können und vielleicht irgendwann mal entdecken, dass wir uns auch gern haben.» Schliesslich sei er von den meisten akzeptiert worden und habe manch schönes Gespräch geführt. Das sei eine «schöne und interessante Erfahrung» gewesen.

Die Begegnungen krempelten Knezevics Vorstellung vom Islam und den Muslimen um. «Vorher war der Islam war für mich ein Stück weit bedrohlich», sagt er. In Sarajewo merkte er: «Das sind anständige, liebe Leute, bemüht, ihr Leben gut zu leben und niemandem Leid anzutun. Sie leben nach dieser Religion, haben da ihre geistige Heimat gefunden und versuchen so glücklich zu sein.» Fanatiker habe er keine kennen gelernt, erzählt Knezevic. Diese seien zwar im Fokus der Öffentlichkeit, bildeten aber eine verschwindend kleine Minderheit und seien für die Muslime ein weit schlimmeres Problem als für alle anderen. Der Katholik merkte bald: «Ich kann doch nicht alle Muslime in einen Sack werfen.» Diese Menschen hätten eine andere Lebensweise als er, aber dieselbe Daseinsberechtigung.

Zu rebellisch, um Muslim zu werden

Selber Muslim werden könne er allerdings nie, stellt der Rüschliker Pfarrer klar. Der Islam sei eine Religion, die stark auf Gehorsam und Ergebenheit gegenüber Allah setze. «Ich bin zu rational, zu rebellisch und zu freiheitlich eingestellt», so Knezevic. Völlige Ergebenheit sei für ihn nicht erstrebenswert.

Seine Beziehung zu Muslimen empfand Knezevic als aussergewöhnlich. Ansonsten lebten die Volks- und Religionsgruppen im heutigen Bosnien-Herzegowina eher neben- statt miteinander. «Der Jugoslawienkrieg hat viel kaputt gemacht», so Knezevic. Davor habe es gut nachbarschaftliche Kontakte über die Volks- und Glaubensgruppen hinweg gegeben. «Wir als katholische Kroaten hatten muslimische und serbische Freunde», erzählt er. Heute seien die Menschen noch nicht bereit, auf die anderen zuzugehen. Das habe auch mit den alten Warlords zu tun, welche die Nationalitätenfrage hochkochten. Solange diese nicht zur Rechenschaft gezogen und die Massenmorde nicht aufgearbeitet seien, sei ein Miteinander schwierig, ist Knezevic überzeugt.

Aufklären und Ängsten vorbeugen

Zurück in der Schweiz will der Geistliche nun vor allem aufklären. Er wolle «aufzeigen, dass der Islam nicht per se gefährlich ist». Die meisten Leute kennten diese Religion ebenso wenig wie er vor seinem Sabbatical in Sarajewo. Das Interesse ist offenbar da. Knezevic war überrascht vom Publikumsandrang, das seine Vorträge am ökumenischen Seniorennachmittag und am Frauentreffpunkt in Rüschlikon hervorrief. Weitere Pfarreien in der Region haben ihn um ein Referat gebeten.

Der Rüschliker Pfarrer kontaktierte auch hiesige Muslime. Gemeinsam mit der Kirchenpflege seiner Pfarrei besuchte er die Gemeinschaft Dzemat der Islamischen Gemeinschaften Bosniens in Schlieren. Deren Imam Muris Begovic sei ein sehr offener Mensch, erzählt er erfreut. Wie er diese Ansätze weiter entwickeln will, weiss Knezevic noch nicht. Wichtig sei aber, dass sich «normale Christen» und «normale Muslime» zusammentun und gemeinsam einen «normalen Weg» suchen. So könne man «verbreiteten Horrorszenarien und Invasionsängsten» entgegenwirken. Und so könnten sich Christen und Muslime gemeinsam gegen Extremisten äussern. «Es liegt aber nicht an den Religionsgemeinschaften, gefährliche Fanatiker juristisch zu verfolgen; das ist Aufgabe von Polizei und Rechtsstaat», sagt der Pfarrer bestimmt.

Demut für die einen, Aufklärung für die anderen

Und was können die beiden Glaubensgemeinschaften allenfalls voneinander lernen, geht die Frage an den Pfarrer. Die Katholiken von den Muslimen die Demutshaltung, findet Knezevic. Diese zeige sich in der Gebetspraxis, etwa wenn sich der Gläubige mit der Stirn voran zu Boden beuge im Bewusstsein der Grösse Gottes. Westliche, aufgeklärte Menschen hätten Mühe, Gottes Grösse zu akzeptieren, so Knezevic. Den Muslimen hingegen wünscht er, den Prozess der Aufklärung ebenso durchzumachen wie die hiesigen Katholiken. Das bedeute, seinen Lebensweg nicht nur voller Gehorsam und Gottesvertrauen zu gehen, sondern auch seine Denkfähigkeit und Vernunft zu gebrauchen. Denn auch diese seien von Gott gegeben. Und dazu gehöre, den Islam in die heutige Zeit zu übersetzen.

Das Sabbatical hat Knezevics Horizont erweitert – und seinen Wissensdurst entfacht. Nach dem viermonatigen Bücherwälzen hat er Lust, eine Dissertation in Angriff zu nehmen. Und zwar zur Frage: Wie arrangierten sich die bosnischen Muslime Ende des 19. Jahrhunderts mit dem neuen christlichen Herrscher von Österreich-Ungarn, nachdem sich die Osmanen zurückgezogen hatten? Ein historischer Rückblick könne Wege aufzeigen, wie sich heutige Muslime in westliche Gesellschaften integrieren könnten, ohne ihre Identität zu verlieren. Ob und wie sich das wissenschaftliche Unterfangen mit seiner Aufgabe als Pfarrer kombinieren lässt, wird sich weisen müssen.


Von Bosnien über Deutschland in die Schweiz

Der katholische Pfarrer von Rüschlikon ZH, Josip Knezevic, wurde am 1. September 1964 in Vidovice im ehemaligen Jugoslawien und heutigen Bosnien-Herzegowina geboren. Nach Grundschule, Gymnasium und Militärdienst studierte er ab 1984 Philosophie und katholische Theologie in Sarajewo. 1987 wurde er vom Priesterseminar und damit auch von der katholischen theologischen Hochschule in Sarajewo verwiesen. Der junge Student hatte gegen die Erziehungsmethoden der Universitätsleitung aufbegehrt, die er als altmodisch empfand. Daraufhin zog er nach Deutschland und schloss sein Studium in Paderborn ab. 1991 wurde er zum Priester geweiht und arbeitete als solcher im Bistum Paderborn. 2001 kam Knezevic in die Schweiz, arbeitete erst als priesterlicher Mitarbeiter in Affoltern am Albis ZH, danach als Pfarradministrator in den Bündner Pfarreien Cumbel, Morissen und Suraua und wechselte auf Anfang 2008 nach Rüschlikon.

Josip Knezevic mit Koran und Bibel vor dem katholischen Pfarreizentrum Rüschlikon ZH  | © Regula Pfeifer
Josip Knezevic mit Koran und Bibel vor dem katholischen Pfarreizentrum Rüschlikon ZH | © Regula Pfeifer
Josip Knezevic mit Koran und Bibel im Pfarreibüro in Rüschlikon ZH  | © Regula Pfeifer
Josip Knezevic mit Koran und Bibel im Pfarreibüro in Rüschlikon ZH | © Regula Pfeifer

Sabbatical für Seelsorgende

Priester und Diakone, die als Seelsorger eine Gemeinde leiten, können nach vierzehn Dienstjahren im Bistum Chur einen bezahlten viermonatigen Sabbaturlaub beantragen. So steht es in der Anstellungsordnung der Katholischen Kirche im Kanton Zürich geschrieben. Einschränkend ist vermerkt, dass die Betreffenden in der Regel mindestens sieben Jahre im Kanton Zürich als Pfarrer, Pfarradministrator vor Ort oder als Gemeindeleiter, Pfarreibeauftragter oder Seelsorgeraumassistent gewirkt haben müssen. Die Bewilligung dazu erteilt der Synodalrat, auf Antrag des Generalvikariats. Während der Auszeit erhalten die Priester und Diakone weiterhin ihren Lohn von der katholischen Körperschaft. (rp)

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