Doris Reisinger (geb. Wagner), Theologin und Philosophin, am 18. Februar 2019 in Münster.
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Doris Reisinger: «Es gibt Missbrauch und dessen Entschuldigung in allen denkbaren Formen und Verbrämungen»

Priester vergehen sich an Gläubigen, die Kirche vertuscht: Seit Jahrhunderten sorgt sexueller Missbrauch durch Kleriker für Skandale. Das hat nichts mit der Freizügigkeit der Gesellschaft zu tun, meint Theologin und Philosophin Doris Reisinger. Aber mit dem kirchlichen Recht, das blind ist für die Opfer der Taten.

«Über Jahrhunderte gab es Missbrauch in der Kirche und ein öffentliches Wissen über diesen Missbrauch in der Gesellschaft. Aber im allgemeinen Gedächtnis blieb immer wieder die antikirchliche Instrumentalisierung der Missbrauchsfälle haften, während die Missbrauchsfälle selbst aus dem Gedächtnis verschwanden».

Die lange Geschichte des sexuellen Missbrauchs durch Priester belegt unter anderem eine lange Reihe einschlägiger kirchlicher Gesetze, die vom päpstlichen Schreiben «Sacramentorum sanctitatis tutela» vom Anfang des 21. Jahrhunderts über «Crimen sollicitationis» (1922) Jahrhunderte weit zurückreichen, bis zum wohl ältesten rechtlichen Text der Christenheit, der «Didache» aus dem 1. und 2. Jahrhundert.

Auch heute gibt es noch Versuche, die Missbrauchskrise als eine Art antikatholischen Kulturkampf zu deuten. Aber sie sind nicht mehr meinungsbildend. Zu den historischen Entwicklungen der jüngeren Zeit, ohne die man die gegenwärtige Kirchenkrise nicht verstehen kann, gehört die schwindende Deutungshoheit der Kirche. Damit ist aber der Ausbruch der Krise noch nicht erklärt. Die schwindende Überzeugungskraft der kirchlichen Selbstinszenierung ist nur ein Baustein eines viel tiefer gehenden Phänomens.

Ob klerikale Täter sexuelle Übergriffe bagatellisieren mit Aussagen wie, «dass es zwischen jungen Männern und Priestern doch etwas unbefangener zugeht», wie Pilz, oder ob sie die Taten mit moralistischen Spitzfindigkeiten zurechtbiegen, indem sie wie Kleutgen darauf verweisen, während der Taten keine Erregung empfunden zu haben: Es gibt Missbrauch und dessen Entschuldigung in allen denkbaren Formen und Verbrämungen.»

Diese Aussagen machte Doris Reisinger, Theologin und Philosophin, von der Goethe-Universität in Frankfurt in einem Artikel der «Neuen Zürcher Zeitung». (woz)


Doris Reisinger (geb. Wagner), Theologin und Philosophin, am 18. Februar 2019 in Münster. | © KNA
1. Oktober 2023 | 09:07
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