Ein Mann verlässt eine leere Kirche in Bonn am 12. Juni 2020.
Schweiz

Doppelt so viele Kirchenaustritte wie im Vorjahr: «Kirche ist für viele Menschen irrelevant geworden»

Der Schock über die Missbrauchsstudie im September 2023 hat zu einer nie dagewesenen Austrittswelle geführt. Das bestätigt das Schweizerische Pastoralsoziologische Institut (SPI) nun mit neusten Zahlen. Die Austrittsquote lag 2023 bei durchschnittlich 2,6 Prozent.

Regula Pfeifer und Wolfgang Holz

Im Jahr 2023 sind 67’497 Personen aus der katholischen Kirche ausgetreten, das sind rund doppelt so viele Menschen wie im Vorjahr. Denn 2022 traten 34’561 Menschen aus. Der Missbrauchsskandal, der mit der Studie der Universität Zürich bekannt wurde, hatte also eine massive Auswirkung. Ende 2023 zählte die römisch-katholische Kirche der Schweiz rund 2,8 Millionen Mitglieder.

«Explosivartig»

Was die «explosivartige Austrittswelle» in Folge der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie angeht, habe man die Warnung der Gläubigen in Form der insgesamten Verdoppelung der Kirchenaustritte ernst genommen, so Urs Brosi, Generalsekretär der Römisch-katholischen Zentralkonferenz, RKZ. Gleichzeitig sei man sich drohender Austritte bewusst gewesen, weil «die Studie ja von der Kirche selbst in Auftrag gegeben wurde.»

Urs Brosi, Generalsekretär RKZ
Urs Brosi, Generalsekretär RKZ

Sankt Gallens Bischof Markus Büchel räumte ein, dass die Austritte infolge der Missbrauchsstudie aus «Empörung und Entrüstung» auch über die Bischöfe geschehen sei. Man habe damit rechnen müssen.

Synodalität als Lernprozess

Die Austrittswelle sei aber auch durch den langfristigen Trend der Säkularisierung und spirituell-religiösen Individualisierung geschuldet. «Wir als Kirche sind für viele Menschen irrelevant geworden. Die Gestalt der Kirche wird sich deshalb wandeln müssen.» Die Synodalität, so Büchel, werde zu einem Lernprozess werden, um die Kirche aus der Krise herausführen zu können. «Die Kirche muss zuhören und Gleichberechtigung einführen.»

Somit bewahrheiten sich die Prognosen, schreibt das SPI. Die Berichte über die Missbrauchsskandale hätten die Menschen zu Tausenden austreten lassen. Über die gesamte Schweiz liegt die Austrittsquote für 2023 bei durchschnittlich 2,6 Prozent, so das SPI.

Zuvor langsamer Anstieg der Austritte

In den Jahren vor 2022 stiegen die Austrittszahlen zwar auch an, aber nur langsam. 2021 traten 34’182 Personen aus der römisch-katholischen Kirche aus, 2020 31’402 und 2019 31’772.

Die Kantone Genf, Wallis, Neuenburg und Waadt verzeichneten allerdings praktische keine Austritte. Dies, weil es dort es keine formale und mit Kirchensteuerpflicht verbundene Mitgliedschaftsstruktur gibt, aus der man überhaupt austreten könnte, schreibt das SPI.

Bereinigte Austrittsquote: 3,1 Prozent

Das Institut rechnet deshalb die vier Westschweizer Kantone aus der Statistik heraus. Damit erhöht sich die durchschnittliche Austrittsquote schweizweit auf 3,1 Prozent. Das bedeutet: 3,1 Personen pro 100 katholische Mitglieder haben im Jahr 2023 die römisch-katholische Kirche der Schweiz verlassen.

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Einen ähnlichen Effekt von Missbrauchsstudien auf die Austrittszahlen sieht das SPI auch in Deutschland. Da wurde im Jahr 2021 ein vielbeachtetes Gutachten im Bistum Köln veröffentlicht. Demensprechend stieg die Austrittsquote im Jahr 2021 von 1,6 Prozent zu 2,4 Prozent im Jahr 2022 an. Im Jahr 2023 sank sie zurück auf 1.9 Prozent.

Eine Frau empfängt die Erwachsenentaufe.
Eine Frau empfängt die Erwachsenentaufe.

Empfindlicher Rückgang bei Trauungen und Taufen

Was den Rückgang bei den Sakramenten angeht – es gab nur noch 15’142 Taufen und 2234 kirchliche Trauungen, bezeichneten Urs Brosi und Bischof Markus Büchel diese als Prozess einer «anhaltenden Entfremdung von der Kirche». Es gebe damit zu wenig Neueintritte in die Kirche.

Kantonale Unterschiede

Die grössten anteilsmässigen Mitgliederverluste hat das SPI in den Kantonen Aargau, Solothurn und Baselstadt eruiert. Während in Baselstadt im Jahr 2023 4,5 Personen pro 100 Mitglieder aus der katholischen Kirche ausgetreten sind, waren es in den Kantonen Aargau und Solothurn jeweils 4,6 Personen.

Markus Büchel, Bischof von St. Gallen.
Markus Büchel, Bischof von St. Gallen.

Im Unterschied zu den Austritten bewegen sich die Eintritte seit Jahren auf tiefem Niveau. Im Jahr 2023 traten 1’004 Personen in die katholische Kirche ein, 2022 waren es 1’080 und 2021 910. Die Eintrittsrate beträgt gemäss SPI minimale 0,04 Prozent – nur die Kantone mit Angaben eingerechnet.

Was tun jetzt, um den Trend zu stoppen?

Was will die katholische Kirche nun tun, um diesen negativen Trend zu stoppen? Der St. Galler Bischof Markus Büchel nannte dies eine schwierige Frage. «Wir tun das Mögliche, um das, was falsch gemacht wurde, besser zu machen. Wir wollen offen sein dafür, den Gläubigen das zu geben, was sie von der Kirche erwarten.» Gleichzeitig brauche ein derartig grosser Strukturwandel auch Zeit. «Wir müssen kreativ sein, wir müssen kreativ werden», meinte Bischof Büchel.

«Angesichts der gewaltigen gesellschaftlichen Veränderungen in Westeuropa in Sachen Säkularisierung und Individualisierung kann man diese Entwicklung nicht einfach stoppen.»

Urs Brosi bemühte fast gar Dimensionen von Naturgewalten in dieser Frage. Verglich er doch den enormen Reformdruck, der auf der katholischen Kirche lastet, sowie den Aderlass an Mitgliedern und die Vertrauenskrise der Kirche mit dem zu erwartenden Bergsturz in Brienz, den auch niemand stoppen könne. «Angesichts der gewaltigen gesellschaftlichen Veränderungen in Westeuropa in Sachen Säkularisierung und Individualisierung kann man diese Entwicklung nicht einfach stoppen», so Brosi.

Der Schuttstrom verfehlte das Dorf Brienz nur knapp im Juni 2023.
Der Schuttstrom verfehlte das Dorf Brienz nur knapp im Juni 2023.

«Weg der Ehrlichkeit und Transparenz weitergehen»

Gleichzeitig könne die Kirche aber versuchen, künftig näher bei den Menschen zu sein, sie in ihren existenziellen Sinnfragen zu begleiten und eine Gemeinschaft aufzubauen. «Wir sind uns bewusst, was die Missbrauchsstudie an Vertrauen in die Kirche zerstört hat – ich glaube aber, dass wir den Weg der weiteren Aufarbeitung und Transparenz, der Klarheit und Ehrlichkeit weiter gehen müssen.»

Freiwilliges Engagement stabil

Trotzdem hatte das SPI auch etwas Positives zu vermelden. Es ging der Frage nach, ob sich auch die Freiwillig engagierten aus der Kirche zurückziehen. Dazu analysierte es die Freiwilligen-Zahlen der vergangenen fünf Jahre im Bistum St. Gallen – sowie die Zahlen der Ministrantinnen und Ministranten in der Deutschschweiz seit zehn Jahren.

Und kam zum Fazit: «Bei der Anzahl Pfarreirätinnen und -räte zeigt sich ein leichter Abwärtstrend, doch insgesamt sind die Zahlen erfreulicherweise stabil.» Ende 2023 engagierten sich rund 12’000 Personen freiwillig im Bistum St. Gallen.

«Praktizierte Nächstenliebe und Gemeinschaft»

Bischof Markus Büchel würdigte dementsprechend positiv das gleichbleibende ehrenamtliche Engagement von von so vielen Menschen in der Kirche. «Dieses Engagement ist unverzichtbar. Dass Menschen sich so stark und lebendig in das Leben der Kirche einbringen, zeigt aber auch, dass sie einen anderen Blick auf die Kirche haben und positive Erlebnisse machen: nämlich praktizierte Nächstenliebe und erlebte Gemeinschaft. Deshalb bleiben sie auch der Kirche treu.»


Ein Mann verlässt eine leere Kirche in Bonn am 12. Juni 2020. | © KNA
14. November 2024 | 17:10
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