Schweizer-Ordensfrau: Auch Kirche mit Flüchtlingen überfordert

Wien, 15.5.17 (kath.ch) Die Staaten des Südküste des Mittelmeeres sind von der «regelrechten Invasion» durch Menschen aus Afrika südlich der Sahara, die nach Europa wollen, völlig überfordert – und eine langfristige Lösung ist nicht in Sicht: Ernüchternd hat die Don-Bosco-Schwester Maria Rohrer (Töchter Mariä, Hilfe der Christen) aus der Schweiz am Wochenende vor Journalisten in Wien die Lage in Nordafrika geschildert.

Die 70-jährige Ordensfrau, die seit vier Jahrzehnten in Afrika lebt und wirkt, besuchte Wien anlässlich der 20-Jahr-Feiern des Hilfswerks «Jugend Eine Welt». Tunesien sei in den vergangenen Jahren zum Korridor nach Europa geworden, so der Eindruck Rohrers, die seit 2010, kurz vor Beginn des «Arabischen Frühlings», in dem Maghreb-Land tätig ist.

Das Kommen und Gehen mache sich in ihrer katholischen Pfarrei im Nordosten der Hauptstadt Tunis stark bemerkbar, wo bei den Gottesdiensten Menschen aus 80 Nationen anzutreffen seien und die Zahl der Schwarzafrikaner plötzlich stark zugenommen habe. «Fast alle wollen in Tunesien Geld verdienen, um damit den Schlepper nach Europa zu bezahlen», so die aus Schaffhausen stammende Ordensfrau, die in der Seelsorge für Studentinnen aus Schwarzafrika tätig ist.

Trügerische Lockmanöver

Viele der in Tunesien Gestrandeten seien Opfer von Menschenhändlern, gab Rohrer an, die dem Orden der Salesianerinnen angehört. Massenweise würden Mütter oder auch minderjährige Mädchen etwa in der Elfenbeinküste mit «tollen Arbeitsangeboten» gelockt.

Das Ticket dafür wäre bereits bezahlt, werde ihnen gesagt. «Wenn sie in Tunesien am Flughafen ankommen, werden sie genötigt, als Familienhilfe, Putzfrau oder in der Prostitution zu dienen und man sagt ihnen: Wir haben für dich bezahlt, du musst deine Schulden jetzt hereinarbeiten.» Aus Angst, sonst nicht mehr nach Europa weiterzukönnen, liessen sich die Opfer in Tunesien keine Aufenthaltsbewilligung ausstellen.

Sie werden als Arbeiter oder für Sexdienste ausgenutzt und eingesperrt.

Ist das Geld nach Monaten der Arbeit aufgetrieben, verschwinden die Migranten laut Rohrers Berichten in Richtung Libyen, von wo aus die Flüchtlingsboote nach Europa starten. Doch bei der Ankunft im Nachbarland würde ihnen alles abgenommen – Geld, Uhren, Dokumente und Handys.

«Man nutzt sie erneut aus, als Arbeiter oder für Sexdienste, sperrt sie in Gefängnisse, die man Lager nennt, die aber mit den KZs aus dem zweiten Weltkrieg vergleichbar sind», verwies die Don-Bosco-Schwester auf Betroffenen-Berichte. Manche überlebten die Schikanen nicht, viele würden Opfer von Misshandlungen und Vergewaltigungen. «Wenn sie dann endlich auf die Schiffe steigen, sind sie so abgemagert und krank, dass sie auf der Überfahrt sterben.»

Misshandlungen auch auf Booten

Die Flüchtlingsboote queren bei der Überfahrt nach Lampedusa teils tunesische Gewässer – und werden oft von der Küstenwache abgefangen, die in den vergangenen Jahren durch internationale Unterstützung mit Schiffen, Hubschrauber und Waffen aufgerüstet wurde, um Migranten nicht nach Europa durchkommen zu lassen.

Alptraum Leichen

Flüchtlingsboote werden zurückgeholt, die Lebendigen im Falle eines Untergehens gerettet und die Leichen geborgen. Sexuelle Ausbeutung gebe es auch auf den Booten, erklärte Rohrer: «Wenn es Frauen zurückschaffen und darüber reden, berichten sie, wie schlimm es ihnen ergangen ist. Sie sind schockiert und traumatisiert.»

Christliches Begräbnis für Unbekannte.

Beklemmend ist jedoch auch die Konfrontation mit den ständig an die tunesischen Küste gespülten Leichen, über die es keinerlei Zahlen oder Medienberichte gibt, wie die Ordensfrau betonte. Obwohl dies nicht zutreffe, würden die toten Schwarzafrikaner von den tunesischen Behörden pauschal als Christen angesehen und an die christlichen Pfarreien für die Bestattung in Massengräbern «zurückgegeben».

Wahrheit sieht anders aus

Es gebe somit ein «christliches Begräbnis für Unbekannte. Denn da die Toten vor der Bootsfahrt aus Sicherheitsgründen alle Identitätsnachweise weggeworfen haben, weiss man nachher nicht, wer sie sind, aus welchem Land sie kommen und ob ihre Familie weiss, dass sie ertrunken sind.» Der in Tunis für die Begräbnisse zuständige Priester – ein Tansanier – sei an seiner Belastungsgrenze, berichtete Rohrer; allein in der ersten Maiwoche habe man 180 Leichen gefunden.

«Man redet darüber, als ob sie die Olympischen Spiele gewonnen hätten».

Überlebende Flüchtlinge, welche die tunesische Küstenwache zurückbringt, werden des Landes verwiesen, darunter laut Rohrers Angaben auch viele Minderjährige. Die meisten würden jedoch zwei Monate später wieder auftauchen und es erneut probieren. Schaffe einer die Ankunft in Europa, verbreite sich diese Nachricht unter den Bekannten in Tunesien schnell. «Man redet darüber, als ob er oder sie die olympischen Spiele gewonnen hätte. Dabei sieht die Situation für die Betroffenen in Wahrheit ganz anders aus: Sie sind in irgendwelchen Flüchtlingslagern, hungern oder sind obdachlos.» Fragen wie Asyl, Arbeit und Integration seien damit noch gar nicht gestellt.

Europa im Kopf

Als Mahnerin und Warnerin über die tatsächlichen Zustände für Flüchtlinge sieht sich Rohrer mit ihren Mitschwestern auf völlig verlorenem Posten: «Wir können reden, reden und reden – es nützt nichts, denn Europa ist in den Köpfen schon drinnen. Wer es bis nach Tunesien schafft, bei dem ist es schon viel zu spät für ein Umdenken.» Europa gelte als Paradies, zurück wolle «höchstens einer von Zehntausend» – und auch dies nur nach dem Miterleben besonders tragischer Umstände wie etwa das Ersticken von Kollegen in LKW-Transporten, Massenvergewaltigungen oder Ausgesetztwerden in der Wüste.

Das Traumbild Europa sei angesichts der verbreiteten Vorstellungen nur verständlich, so Rohrers Einschätzung. Viele Schwarzafrikaner verabschiedeten sich mit dem Gedanken, für die Familie Geld verdienen zu können, wobei die Verwandtschaft oft Geld zusammenlege oder etwa eine Kuh verkaufe. «Man schämt sich dann zurückzukehren.»

Bischöfe sind mit der Situation total überfordert.

Breites Unwissen über das Geschehen am Mittelmeer herrsche jedoch selbst in Kirchenkreisen vor. «In der Elfenbeinküste, wohin unsere Diözese guten Kontakt hat, empfehlen immer wieder Priester und sogar Bischöfe den Weg nach Europa als eine gute Sache. Ein westafrikanischer Bischof sagte einmal: Ich kann nicht begreifen, warum die europäischen Schiffe so schlecht sind, dass sie immer untergehen», berichtete die Schweizerin.

Politisches Chaos

Um dieser Misslage Einhalt zu gebieten, hätten die Bischofskonferenzen Afrikas ihren Dialog untereinander verstärkt, ebenso wie auch die Bischofskonferenzen des Mittelmeerraumes, die in der ersten Maiwoche tagten. «Wie sich herausstellte, sind alle mit der Situation total überfordert», so die Don-Bosco-Schwester.

«Wir machen, was wir können – sind aber nur Tropfen am Meer.»

Sicher keine Lösung der Flüchtlingskrise ist in den Augen Rohrers der verstärkte europäische Fokus auf Flüchtlingslager in Libyen. «Die Auffanglager sind vor allem da, weil die Schlepper damit mehr verdienen», so ihre Einschätzung; rund um die Lager hätten sich ganze Geschäftszweige entwickelt, und selbst bei etlichen privaten Initiativen zur Flüchtlingsrettung auf See seien Schlepper im Spiel. Als Hilfe sehe sie vielmehr die Beendigung des politischen «Chaos’» in Libyen, wo es seit Ausbruch des Bürgerkriegs 2014 noch immer zwei Regierungen gibt.

«Europa müsste mehr tun»

Einziger langfristiger Ausweg aus der momentanen Situation von Flüchtlingen aus Ländern südlich der Sahara, die sich noch deutlich zuspitzen könnte, wäre laut der Ordensfrau eine nachhaltige Entwicklung der betroffenen Länder. «Wichtig wäre, dass die Leute in ihren Ländern leben können, Arbeit haben und bleiben wollen.» Europa müsse sich in die Entwicklung der «Abfahrtsländer» stärker einbringen, denn «wir als einzelne, kleine Gruppen machen, was wir können, sind aber nur ein Tropfen im Meer.» (kap)

Bootsflüchtlinge erreichen Lampedusa | © Wikimedia
15. Mai 2017 | 16:02
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