Schweiz

Disentis: Klosterorgel mit neuem Glanz und iPad

Das Kloster Disentis hat eine frisch restaurierte Orgel. Eine neue Möglichkeit: Das Orgelspiel lässt sich aufzeichnen – und via iPad abspielen.

Raphael Rauch

Kirchenorgeln sind Unikate und damit einzigartig. Wenn es um besonders schöne Orgeln geht, kommen Organisten schnell ins Schwärmen. Das ist im Gespräch mit Bruder Stefan Keusch (61) nicht anders. Zusammen mit Pater Urban Affentranger (76) ist Bruder Stefan Organist des Benediktiner-Klosters in Disentis. Seit Pfingsten ertönt dort die frisch restaurierte Orgel wieder. 4173 Pfeifen, 65 Register – kath.ch hat nachgehakt.

Welche Philosophie hatte die Orgel-Restaurierung?

Bruder Stefan Keusch: Der Grundsatz war: Wir erhalten so viel wie möglich und sinnvoll ist. Und wir ergänzen, was uns dient. Der Charakter der Orgel blieb erhalten – ein Prachtstück aus den 1930er-Jahren. Die Orgelbaufirma Kuhn hat die ganze Orgel fachgerecht restauriert, die Pfeifen gereinigt und den Klang verbessert. Jetzt kann man viel mehr Register wieder solistisch einsetzen. Die Orgel ist durch die Entfernung des Staubes etwas lauter geworden. Es können alle Stilepochen darauf interpretiert werden.

Hauptorgel im Kloster Disentis

Was kam Neues hinzu?

Keusch: Wir haben zum Beispiel im Bassbereich 24 neue Holzpfeifen bekommen, mit denen sich im Pedal eine Oktave tiefer als üblich spielen lässt. Mit fünf Meter hohen Pfeifen aus Fichtenholz, die grösste ist fast 200 Kilogramm schwer. Eine weitere Erneuerung und Erleichterung sind die 13 Zungenregister.

«Davon hat früher jeder Organist geträumt: Im Kirchenschiff dem eigenen Orgelspiel zuhören zu können.»

Was hat es damit auf sich?

Keusch: Das sind Pfeifen, die wie bei einer Klarinette mit einem aufschlagenden Messingblättchen versehen sind und am häufigsten nachgestimmt werden müssen. Wir können die jetzt ohne Assistenten mit einer Fernbedienung vom Orgelwerk aus ansteuern. Technisch sind wir jetzt auf der Höhe der Zeit.

Das heisst?

Keusch: Der Spieltisch besteht aus einem Computer. Jeder Organist hat jetzt einen eigenen Benutzercode. Das ist eine grosse Erleichterung. So sind schnelle Registerwechsel möglich – ohne Assistenten. Dazu kann die Orgel transponieren, das gibt uns mehr Flexibilität: Falls ein Lied zu hoch gesetzt ist, können wir ganz einfach den Satz tiefer spielen.

Wofür ist das iPad?

Keusch: Damit können wir das eigene Orgelspiel aufzeichnen. Auf Knopfdruck spielt die Orgel das ab, was ich gespielt habe. Davon hat früher jeder Organist geträumt: Sich ins Kirchenschiff hineinzusetzen und dem eigenen Orgelspiel zuhören zu können. Das tönt unten ganz anders als oben auf der Orgelempore.

Stefan Keusch spielt auf der restaurierten Orgel

Könnte diese Funktion auch den Organisten ersetzen?

Keusch: Das könnte in gewissen Situationen tatsächlich eine Gefahr werden. Aber sicher nicht bei uns, denn uns kann nicht gekündigt werden. Für die Begleitung der Gesänge könnte diese Einrichtung sowieso niemals in Frage kommen.

Wie haben Sie die Restaurierung finanziert?

Keusch: Über das Fundraising kam eine Million Franken zusammen – der Betrag, der gebraucht wurde inklusive Emporenverstärkung. Wir sind sehr dankbar für die grosse Unterstützung.


Der Benediktiner Stefan Keusch ist einer der zwei Organisten des Klosters Disentis | © Raphael Rauch
9. August 2020 | 09:46
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Die grösste Orgel Graubündens

Bruder Stefan Keusch und Pater Urban Affentranger haben einen Orgelführer verfasst. Dort ist nachzulesen: Schon im Mittelalter gab es in Disentis eine kleine Begleitorgel. Die grosse Orgel in der frisch renovierten Klosterkirche stammt aus dem Jahre 1934. 1955 und 1960 gab es Erweiterungen. «Es ist die grösste Orgel in Graubünden», sagt Bruder Stefan bei einer Orgelführung. «Wo steht die grösste Orgel der Schweiz?», möchte ein Student wissen. «In Engelberg», antwortet Bruder Stefan. Bei den Benediktiner-Kollegen.

Es gibt einen Orgel-Bezug von Engelberg nach Disentis. Die Disposition der Orgel in Disentis stammt vom Engelberger Benediktiner Leopold Beul. «Das war damals einer der führenden Orgelsachverständigen der Schweiz», sagt Bruder Stefan. Gebaut hat die Orgel die Firma Franz Gattringer aus Rorschach. (rr)