Karl Huwyler
Schweiz

«Die toxische Mischung der Top-Manager»: Oder warum nicht nur Banken über keine Ethik verfügen

Die Credit Suisse ist abgestürzt, wurde mit Milliarden Franken gestützt und ist nun an die UBS verkauft worden. Verantwortung bezieht öffentlich niemand für diesen Bankencrash. Ex-Credit-Suisse-Manager Karl Huwyler und früher höchster Zuger Katholik erklärt, warum das so ist. Und warum die Gesetze dringend angepasst werden sollten.

Wolfgang Holz

Herr Huwyler, sind die Banken noch immer das goldene Kalb in der Schweiz?

Karl Huwyler*: Heute sicher nicht mehr. Vor 25-30 Jahren war das vielleicht einmal so. Aber heute funktionieren die Banken anders. Durch die Digitalisierung sind die Banken nicht mehr so volksnah. Sie wurden quasi entpersonalisiert. Heutzutage kann man ja alles am PC machen.

Tanz der Israeliten um das Goldene Kalb von Henri-Paul Motte (1899).
Tanz der Israeliten um das Goldene Kalb von Henri-Paul Motte (1899).

«Natürlich blutet mein Herz.»

Was sagen Sie persönlich zum Absturz der Credit Suisse und zur Übernahme der Grossbank durch die UBS – aus der Perspektive eines ehemaligen CS-Managers? Blutet Ihnen das Herz?

Huwyler: Natürlich blutet mein Herz – vor allem, weil ich viele Angestellte der CS kenne, die für ihre Bank alles gegeben haben und nun die Bereicherungsstrategien gewisser Manager ausbaden müssen. Der Absturz der CS war nicht unerwartet – aber ich habe es immer wieder ausgeblendet. Ganz im Sinne eines griechischen Dramas mit einer 25-jährigen Vorgeschichte – und nicht von 10 Jahren, wie von «Experten» immer wieder erwähnt. Mit dem Einstieg der UBS konnte viel Schlimmeres vermieden werden. Aber auch meine Angst vor dem Klumpenrisiko einer schlechten strategischen Führung ist exponentiell gestiegen.

«Eine Bankenkrise ist nicht nur eine Industriekrise.»

Und was sagen Sie denn zu der Banken-Krise als gläubiger Christ und als früher höchster Zuger Katholik?

Huwyler: Ich beurteile diese Krise nicht primär als Christ oder ehemaliger Präsident der Vereinigung der Katholischen Kirchgemeinden des Kantons Zug (VKKZ), sondern ganz einfach als Mensch, mit ethischen, menschlichen und wirtschaftlichen Grundsätzen. Im Gegensatz zur «Realwirtschaft» ist das Banking-Business abstrakter und verlangt mehr Selbstdisziplin, um nicht abzuheben. Eine Bankenkrise ist nicht nur eine Industriekrise, sondern das Resultat der Gesellschaftsentwicklung, in der so mancher von uns seinen Betrag dazu leistete. Weil die Banken letztendlich auch nur Kundenwünsche nach mehr Risiken und mehr Gewinnen erfüllten.

Karl Huwyler war 18 Jahre lang Managing Director bei der Credit Suisse.
Karl Huwyler war 18 Jahre lang Managing Director bei der Credit Suisse.

Aber haben Banken denn überhaupt eine Ethik, fragen sich viele angesichts der Tatsache, dass sich niemand so recht schuldig bzw. verantwortlich für den Absturz der Grossbank fühlt?

Huwyler: Weder Banken noch andere Industriezweige haben eine Ethik! Es sind die Menschen, die als Kollektiv dort arbeiten. Eine klare Schuldzuteilung kann nur teilweise sicher gemacht werden.

«Eine Anpassung der Gesetze mit griffigeren Verantwortlichkeiten ist absolut nötig.»

Wie meinen Sie das konkret?

Huwyler: Folgendes Beispiel soll dieses Dilemma aufzeigen: Das Top-Management legt Budgets fest, welche de facto nicht eingehalten werden können, ohne über persönliche Grenzen – und manchmal auch gesellschaftliche Rahmen hinweg zu gehen. Ist nun die ausführende Person schuldig, welche möglicherweise eine Familie zu finanzieren hat oder ist die Person oder das Gremium schuldig, welches unsinnige Ziele festlegt? Das Schlagwort heisst dann häufig: «Sie müssen halt ihre Komfort-Zone verlassen». Eine Anpassung der Gesetze mit griffigeren langfristigen Verantwortlichkeiten ist deshalb absolut nötig.

Crédit Suisse
Crédit Suisse

«Toxische Mischung zwischen Überheblichkeit, Machtansprüchen, vermutlicher Allwissenheit und Naivität.»

Lernen Banken denn überhaupt etwas aus Krisen, wenn man bedenkt, dass 2008 die UBS schon beinahe einmal abgestürzt ist?

Huwyler: Ja – als Institutionen schon. Die Frage stellt sich einfach, was machen die Top-Manager. Die toxische Mischung zwischen Überheblichkeit, Machtansprüchen, vermutlicher Allwissenheit und Naivität kann jedes noch so gute System zu Fall bringen. Auch die Finma als Überwachungsbehörde sollte lernen, Prioritäten zu setzen. Dazu müsste man ihr aber auch die entsprechenden Kompetenzen geben. Diese hat sie meines Erachtens heutzutage noch nicht.

Abendstimmung in Zug.
Abendstimmung in Zug.

«Die Milliarden, die der CS gewährt wurden, schützen ja primär unsere gesamte Volkswirtschaft vor einem Tsunami und nicht die Bank.»

Wenn Normalbürger auf die Bank gehen und einen Kleinkredit wünschen, weil sie Schulden haben, ist das nicht so einfach. Wenn eine Grossbank wie die Credit Suisse in den vergangenen Jahren offensichtlich nicht fehlerfrei gewirtschaftet hat und vor dem Konkurs steht, erhält sie sofort Milliarden an Hilfe zugesprochen. Ist das aus Ihrer Sicht gerecht?

Huwyler: Es ist insofern schon gerecht, weil die Milliarden, die der CS gewährt wurden, ja primär unsere gesamte Volkswirtschaft vor einem Tsunami schützen und nicht die Bank. Wäre eine Bank nicht mit allen Aspekten unseres Lebens verbunden, könnte und müsste man auch eine Bank ohne Drama untergehen lassen. Die negativen Elemente des Resultats der CS stammen selbstverständlich meist aus dem Dunstbereich des Investment-Bankings und nicht aus den Transaktionen des «Normalbürgers».

Rolf Berweger von der Reformierten Kirche und Karl Huwyler (r)
Rolf Berweger von der Reformierten Kirche und Karl Huwyler (r)

«Scheitern muss möglich sein.»

Öffnet dieses finanzpolitische Dogma «Too big to fail» nicht gerade Tür und Tor, um im Ernstfall scheitern zu dürfen?

Huwyler: Kein Unternehmer und keine Unternehmerin startet ein Business, um zu scheitern. Es stellt sich eher die Frage, stimmt das Verhältnis zwischen Risiko- und Gewinnbeteiligung? Zudem – Scheitern muss möglich sein. Wohin kämen wir, wenn Scheitern nicht erlaubt oder stigmatisiert wäre?

«Hier sind die Kirchen gefragt.»

Sollte es dennoch nicht einen wirtschaftsethischen Normenkodex für Banken geben?

Huwyler: Ich kann mir momentan dazu nichts Konkretes vorstellen, welches ohne unwirksame riesige Bürokratie eine nächste Bankenkrise verhindern könnte. Hier sind die Kirchen gefragt. Fachstellen wie «Kirche & Wirtschaft» innerhalb der VKKZ können zum Entstehen eines wirtschaftsethischen Normenkodex beitragen. Und nicht zu vergessen: Wirtschaftsethik gilt nicht nur für Banken, sondern für alle Firmen und uns als Konsumentinnen und Konsumenten.

Die spätgotische Kirche St. Oswald in der Zuger Altstadt.
Die spätgotische Kirche St. Oswald in der Zuger Altstadt.

CS und UBS sind seit Jahrzehnten harte Konkurrenten. Ist es überhaupt möglich, dass jemand nun von der CS für die UBS persönlich mit innerer Überzeugung arbeiten kann?  

Huwyler: Ja – man ist zwar stolz auf «seine» Firma. Diese besteht aber vor allem aus einer interessanten Arbeit, herausfordernden Kunden, vielen Kolleginnen und Kollegen und einer vernünftigen Strategie des Unternehmens. Aber wie das Vertrauen der Kundinnen und Kunden, ist die Überzeugung der Angestellten nicht mit ein paar Rundschreibefloskeln und Townhall-Meetings zu erreichen. Vertrauen und Engagement müssen verdient werden. Daher bin ich aus dieser Sicht positiv: Auch die neue Bank hat das Potenzial, ein Arbeitgeber zu sein, für den man überzeugt arbeiten kann.

*Karl Huwyler (68) war 18 Jahre lang Managing Director bei der Credit Suisse in Zürich. Der Banker amtierte acht Jahre lang der höchste Katholik im Kanton Zug als Präsident der Vereinigung der Katholischen Kirchgemeinden des Kantons Zug (VKKZ).


Karl Huwyler | © zVg
20. März 2023 | 16:42
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