Dynamisch, weltoffen, modern: Das Kloster Baldegg wurde von Marcel Breuer erbaut. Trotz Sichtbeton fühlen sich die Franziskanerinnen sehr wohl in dem Gebäude.
Schweiz

Die Moderne und das Kloster Baldegg

Dass ein Kloster als eine traditionsreiche kirchliche Institution gerade in einem futuristischen Bau der architektonischen Moderne residiert, ist durchaus aussergewöhnlich. Das Kloster Baldegg ist ein markantes Beispiel dafür – und hat dies nun in einem Buch dokumentiert.  

Wolfgang Holz

«Es lebt sich hier wunderbar. Der Bau von Architekt Marcel Breuer ist sehr Licht durchdrungen und engt nicht ein. Er ist sehr schlicht und einfach, gleichzeitig lebt man mitten in der Natur. Man kann die franziskanische Spiritualität und den Schöpfungsgedanken hier sehr gut leben», bekennt Schwester Nadja Bühlmann gegenüber kath.ch. «Die Architektur passt auch sehr gut zum offenen Charakter unseres Klosters.»

Generalleitung der Baldegger Schwestern, von links: Annja Henseler, Romana Pfefferli, Nadja Bühlmann, Katja Müller, Chantal Bernet
Generalleitung der Baldegger Schwestern, von links: Annja Henseler, Romana Pfefferli, Nadja Bühlmann, Katja Müller, Chantal Bernet

Die 63-Jährige ist seit einem Jahr Generaloberin der Franziskanerinnen-Gemeinschaft des Klosters Baldegg. Seit ihrem 20. Lebensjahr gehört sie dem Kloster Baldegg an, das heute noch 153 Schwestern zählt.

Apropos. Marcel Breuer. Wer ist das überhaupt? Design-Afficionados ist der «Wassily-Stuhl» von Marcel Breuer, den er seinem weltberühmten Freund und Maler Wassily Kandinsky gewidmet hatte, selbstverständlich ein Begriff. Jene dynamisch leichte Konstruktion eines Stuhls aus nicht verschweissten Stahlrohren und Lederflächen, in den man so richtig bequem hineinfläzen kann – und doch aufrecht sitzt. In vielen bildungsbürgerlichen Kreisen gehört dieses avantgardistische Sitzmöbel anno 1925 – ursprünglich als Clubsessel B 3 entworfen – noch heute zum guten Ton.

Bauhaus-Protagonist baute Kunstmuseum in New York

Dass der Architekt Marcel Breuer (1902–1981), einer der zentralen Protagonisten des Bauhaus und Erbauer des Whitney Museum of Modern Art in New York, in den 1960er- und 1970er-Jahren eine Klosteranlage für die Baldegger Schwestern im Kanton Luzern errichtete, ist aber selbst in Fachkreisen wenig bekannt.

Architekt Marcel Breuer im Gespräch mit Schwester Basilda Umbricht
Architekt Marcel Breuer im Gespräch mit Schwester Basilda Umbricht

Im Kloster Baldegg leben seit 200 Jahren Ordensschwestern des Franziskanerordens. Das Mutterhaus Sonnhalde der Baldegger Schwester gehört zu den bedeutendsten Sakralbauten der Moderne in der Schweiz. Breuers Entwurf besticht mit seinen prägnanten Volumen, der sorgfältigen Beton- und Steingestaltung, dem Einbezug vorfabrizierter Betonelemente und durch die qualitätvolle Inneneinrichtung – obwohl es eigentlich gar nicht wie ein Kloster aussieht.

Zuerst verkorkster Architektur-Wettbewerb

Aber wie kam es zu diesem Bau überhaupt? Die über 250 Schwestern des Frauenklosters brauchten damals Platz und ein neues Hauptgebäude. Die Ordensschwestern wollten ein offenes Kloster und ein Gebäude, das modern und nicht verstaubt wirkt. Aus diesem Grund lancierten sie einen Architektur-Wettbewerb. Doch das Siegerprojekt stiess bei den Schwestern gar nicht auf Begeisterung. Es sah aus wie ein Kongresshaus. Der Architekt begann dann nachzubessern – aber es wurde immer verkorkster.

Die neue Klosteranlage von Marcel Breuer
Die neue Klosteranlage von Marcel Breuer

So entschlossen sich die Schwestern, eine andere Lösung zu suchen. Und landeten in New York: Dank des Tipps des damaligen Luzerner Kantonsbaumeisters wagten es die Schwestern, beim bekannten Architekten Marcel Breuer anzufragen. Der in Ungarn geborene Breuer war berühmt für seine moderne, schnörkellose Architektur. Offenbar reizte es den jüdischen Architekten, ein modernes katholisches Kloster zu entwerfen und so sagte er zu.

Einzelzimmer für die Schwestern

Und so durften die Franziskaner-Schwestern vor 50 Jahren ein durchdesigntes neues Mutterhaus eröffnen. Zum ersten Mal gab es Einzelzimmer für die Schwestern und auch sonst viele Verbesserungen für die Frauen.

Das Modell des Klosters Baldegg
Das Modell des Klosters Baldegg

Das neue Buch «Kloster Baldegg. Klösterliches Leben in einem Bau von Marcel Breuer», herausgegeben von Gabriela Christen, Johannes Käferstein, Heike Biechteler, würdigt und dokumentiert umfassend diese architektonische Pionierleistung im klösterlichen Kontext.

Zusammenspiel von Spiritualität und Architektur

Besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem Zusammenspiel von Architektur und der gelebten Spiritualität der Schwestern, der ebenfalls von Breuer entworfenen Möblierung und der gesamten künstlerischen Ausstattung. Dargestellt wird neben der Entstehungs- und Baugeschichte auch die Gemeinschaft der Baldegger Schwestern mit ihrer Geschichte, ihrem Leben und Beten in diesem herausragenden Baudenkmal des 20. Jahrhunderts.

Kloster Baldegg
Kloster Baldegg

Der Band ist reichhaltig illustriert mit historischen, hier erstmals publizierten Fotografien aus der Bauzeit sowie einem neu geschaffenen Bildessay von Jürgen Beck. Dazu kommt eine grosse Bandbreite an Abbildungen von teils bisher unveröffentlichten Originalplänen und Zeichnungen aus dem Archiv des Klosters und dem Nachlass von Marcel Breuer, sowie eine berührende Bildstrecke von Schwester Marie-Ruth Ziegler, die das Leben der Schwestern bei ihren religiösen Praktiken, aber auch im Alltag zeigt.

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Entstanden ist eine vielschichtige und überraschende Bilderzählung über Architektur und Leben im Kloster, über einen unbekannten magischen Ort.

*Das Buch «Kloster Baldegg. Klösterliches Leben in einem Bau von Marcel Breuer» erscheint im Zürcher Verlag Scheidegger & Spiess AG, ISBN 978-3-03942-230-2

Buchpräsentationen finden statt am Freitag, 22. November, um 19 Uhr, in der Buchhandlung Never Stop Reading in der Zürcher Altstadt (Spiegelgasse 18/ Untere Zäune 8001 Zürich, in Gehdistanz zum Kunsthaus Zürich) und am Donnerstag, 5. Dezember, um 18:30, Buchpräsentation und Podiumsgespräch an der Hochschule Luzern – Technik & Architektur, im Foyer Mädersaal, Trakt IV (Technikumstrasse 21, Horw).


Dynamisch, weltoffen, modern: Das Kloster Baldegg wurde von Marcel Breuer erbaut. Trotz Sichtbeton fühlen sich die Franziskanerinnen sehr wohl in dem Gebäude. | © Jürgen Beck
8. November 2024 | 15:30
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