Der Jesuit Antonio Spadaro gilt als Vertrauter von Papst Franziskus. Hier im Jahr 2015.
Vatikan

«Die Kirche teilt die Welt nicht in Gut und Böse ein»: Jesuit und Kurienbeamter zu Trump

Jesuitenpater Antonio Spadaro, der Papst Franziskus schon immer nahe stand und Vatikanbeamter ist, versichert in einem Interview, dass «die Beziehung zwischen Politik und Religion in den Vereinigten Staaten sehr komplex ist.»

«Ich erinnere mich zum Beispiel daran, dass Präsident Trump in seiner Rede zur Lage der Nation im Januar 2018, um die Identität des Landes zu beschreiben, Gott, das Militär und den amerikanischen Traum in zwei Sätzen zusammenfasste. Die Mischung dieser Elemente», so Spadaro*, «ist problematisch. Aber andererseits macht sie den Dialog über Fragen, die für das Leben des Landes entscheidend sind, notwendig und nicht nur wünschenswert».

Heiliger Stuhl mit offenem Dialog

Die Position des Heiligen Stuhls sei schon immer von grosser Ausgewogenheit und einem offenen Dialog mit jedem geprägt, so Spadaro, umso mehr von einem, der von einem Volk gewählt wurde, das auf eine alte demokratische Tradition zurückblicken könne und die Wahlurnen nicht verlassen habe.

«Papst Franziskus hat anlässlich der ersten Amtseinführung von Donald Trump als Präsident eine Botschaft ausgesandt, in der er von einer Menschheitsfamilie sprach, die von schweren humanitären Krisen betroffen ist, die weitsichtige und einheitliche politische Antworten erfordern», erinnert der Jesuit. «Heute ist die Lage noch schlimmer geworden. Bei dieser Gelegenheit erinnerte der Papst an die Notwendigkeit, Entscheidungen auf der Grundlage «reicher geistiger und ethischer Werte» zu treffen.»

«Von den Ausgegrenzten und Bedürftigen»

An einen Präsidenten, der die Devise «Make America great again» ausgibt, habe Franziskus in seiner Botschaft zur letzten Wahl Trumps «das Mass der ‹Grösse Amerikas in seiner ‹Sorge um die Armen, die Ausgegrenzten und die Bedürftigen, die wie Lazarus vor unserer Tür stehen», gelegt. Und das gelte auch, so der Jesuitenpater, für die vielen, zu vielen Vergessenen Amerikas, die das Gefühl haben, nicht mehr dazuzugehören, nicht anerkannt und geschützt zu werden. «Und es gilt für die Migranten, die das Gefüge der amerikanischen Gesellschaft ausmachen.»

Frage des Krieges

Für Pater Spadaro, Journalist und Schriftsteller und ehemaliger Direktor von La Civiltà Cattolica, «wird sich ein Grossteil unserer Zukunft an der Frage des Krieges abspielen. Wir werden sehen, ob die Logik des Krieges und damit des Sieges oder die des Friedens die Oberhand gewinnen wird. Aus der gepeinigten Ukraine und aus Palästina ertönt ein Schrei, den die Statur Amerikas mit Pragmatismus und Weitsicht erhören muss. Ein Grossteil der Bedeutung der neuen Präsidentschaft wird sich auf diesem Boden abspielen: Die Welt ist zerbrochen, und eine Zukunft ist nicht in Sicht».

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Auf die Frage, ob es für den Vatikan und die Kirche im Allgemeinen eine Priorität sei, immer und mit allen den Faden des Dialogs zu wahren, antwortet Spadaro: «Auf jeden Fall, ja. Schliesslich hat der Heilige Stuhl die Welt nie in Gut und Böse eingeteilt und den Letzteren die Türen verschlossen und den Ersteren geöffnet, um politische Bündnisse zu schliessen. Die Katholiken haben in den Vereinigten Staaten oder anderswo keine homogenen politischen Zugehörigkeiten und Überzeugungen. Die Kirche strebt danach, dass die Gläubigen auch gute Bürger sind und weiss, wie man auf den Willen des Volkes hört. Sie hat sich einen festen Wertekompass bewahrt, ohne sich jedoch für eine Seite zu entscheiden, gerade um eine unzulässige Vermischung von Religion und Politik zu vermeiden.»

*Dies sagte Antonio Spadaro in einem Interview mit der italienischen Agentur Adnkronos. Spadaro (58) ist ein italienischer Jesuit und Essayist sowie ein Kurienbeamter. (catt.ch/woz)


Der Jesuit Antonio Spadaro gilt als Vertrauter von Papst Franziskus. Hier im Jahr 2015. | © KNA
8. November 2024 | 09:00
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