Grablichter und ein Grabgesteck stehen in der Dämmerung auf einem Friedhof.
Schweiz

Die dargebotene Hand ergreifen: Zum internationalen Tag der Suizidprävention

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat 2023 erstmals den 10. September als Welttag der Suizidprävention ausgerufen. Seither findet dieser Erinnerungstag jedes Jahr statt. In der Schweiz gibt es seit 2016 einen nationalen Aktionsplan von Bund und Kantonen mit dem Ziel, die Suizidrate zu senken.

Adrian Holderegger*

Der Suizid stellt der WHO zufolge eines der grössten Gesundheitsprobleme der Welt dar. Jedes Jahr nehmen sich weltweit etwa 800’000 Menschen das Leben. Das entsprich einem Suizid alle 40 Sekunden. Das bedeutet, dass jährlich mehr Menschen durch eigene Hand umkommen als durch äussere Gewalt. In dieser Statistik nicht erfasst sind assistierte Suizide, die mit Hilfe Dritter (etwa Exit) ausgeführt werden, oder unklare Verkehrsunfälle, denen ein unbekannte Suizidintention zugrunde liegt wie auch Fälle, die auf einen bewussten Verzicht von Medikamenten zurückzuführen sind. Fast 75 Prozent  der Suizidverstorbenen sind männlich, 25 Prozent weiblich, wobei bei den Frauen der Anteil an Suizidversuchen sehr viel höher ist. Die 800’00 Suizid-Toten sind nur die Spitze eines Eisbergs, denn auf einen vollendeten Suizid kommen durchschnittlich 20 Suizidversuche, die meist ebenfalls dramatisch verlaufen.

Viele Suizide in der Schweiz

In der Schweiz gibt es seit 2016 einen nationalen Aktionsplan von Bund und Kantonen mit dem Ziel, die Suizidrate zu senken. Seitdem koordinieren sich zahlreiche nationale und kantonale Gremien und entwickeln mit Erfolg Präventionskonzepte, die informieren, den Zugang zur fachlichen Hilfe erleichtern und Angehörige unterstützen. So nutzen verschiedene kantonale Gesundheitsdepartemente den 10. September als Möglichkeit, in der Öffentlichkeit auf ihre Hilfsangebote aufmerksam zu machen.

Zwar gehen hierzulade die Suizidraten seit den 1990er Jahren deutlich zurück, trotzdem sterben in der Schweiz pro Tag zwei bis drei Personen durch Suizid. Damit gehören die Suizide nach Krebs- und Kreislauferkrankungen zu den häufigsten Todesursachen. Das Bundesamt für Statistik (BFS) berichtet für das Jahr 2023, dass sich 995 Personen das Leben genommen haben (721 Männer und 274 Frauen), wobei die Fälle des assistierten Suizids nicht mitgerechnet sind.

Alterssuizid als Problem

Die Suizidrate der über 80-jährigen Männer ist deutlich höher als diejenige der andern Personengruppen. Der Alterssuizid ist in unsrer Gesellschaft ein enormes soziales Problem, denn viele alte Menschen wollen überdurchschnittlich gehäuft aus dem Leben scheiden, nicht so sehr wegen Gebrechlichkeit, sondern wegen Isolation und Einsamkeit und weil sie sich vermehrt in eine hoffnungslose Situation gedrängt fühlen.

In jüngster Vergangenheit ist auch bei jungen Erwachsenen – besonders bei jungen Frauen im Alter zwischen 15 und 19 – gehäuft ein suizidales Verhalten festzustellen, was vorwiegend mit unterschiedlichsten Überforderungen und Stresssituationen in Schule und im familiären Umfeld zu tun hat. So berichtet das Schweizer Gesundheitsobservatorium (Obsan), dass sich innerhalb von fünf Jahren die Häufigkeit der Suizidgedanken bei jungen Frauen verdoppelt hat und die Anzahl der Hospitalisierungen wegen akuter suizidaler Gefährdung ständig zunimmt.

Endpunkt einer verhängnisvollen Entwicklung

Wenn sich Gedanken und Verhaltensweisen, die auf das eigene Nicht-mehr-Sein ausgerichtet sind, häufen, sprechen Fachleute von Suizidalität. Dieser psychische Zustand kann jeden und jede treffen: ob Mann oder Frau, alt oder jung. In der Regel entsteht Suizidalität durch ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren wie existenzielle Krisen (Partnerverlust, Arbeitslosigkeit), psychische Erkrankungen (wie Depression, Psychosen, Suchtprobleme) und hereditäre Belastung. Der Suizid ist dann der Endpunkt einer leid- und verhängnisvollen Entwicklung. Personen, die von Suizidgedanken und Suizidversuche sprechen, fühlen sich häufig einsam und sind in einem schlechten physischen und psychischen Gesundheitszustand, wobei dies häufig mit einer prekären finanziellen Situation einhergeht.

Hilfe für suizidgefährdete Menschen

Die Suizidprävention geht heute daher begründetermassen davon aus, dass Suizide nicht einfach Schicksal und unvermeidbares Verhängnis sind, sondern dass sie verhindert werden können, wenn rechtzeitig die entsprechend erprobten und fachlich bewährten Massnahmen ergriffen werden. Die Mehrzahl der Suizidwilligen möchte am Leben festhalten, sind aber nicht in der Lage, die nötigen physischen und psychischen Ressourcen aufbieten zu können, um belastende, oft traumatisierende Lebenssituationen bestehen zu können.

Hier setzen nun genau die fachlichen Massnahmen ein, indem sie Lebensressourcen bestärken und aufbauen helfen. Leider erfolgt die Inanspruchnahme professioneller Hilfe zu wenig häufig. Nachforschungen zeigen, dass nur eine von drei Personen professionelle Hilfe in Anspruch nimmt. Die Gründe hierfür sind vielfältig, abhaltende Tabuisierung der Problematik, demotivierende Scham bei den Betroffenen mögen eine Rolle spielen, wie Überforderung der Angehörigen und mangelnder Zugang zu niederschwelligen Hilfsangeboten.

Dieser Herausforderung stellt sich unter anderem die nationale Stiftung «Gesundheitsförderung Schweiz», die Projekte unterstützt, welche suizidgefährdeten Menschen und ihren Angehörigen beistehen. Es ist in der Öffentlichkeit wenig bekannt, dass diese Stiftung bislang in 14 Kantonen präsent ist und bisher mehr als 1500 Gesundheitsfachleute ausgebildet und mehr als 2500 Betroffene und ihre Angehörige betreut hat. Ein guter Anfang der Suizidprävention und Betreuung ist getan; weitere Anstrengungen sind erforderlich, wenn das Ziel erreicht werden soll, in der Schweiz bis ins Jahr 2030 die Suizidrate im Vergleich zu 2013 um 25 Prozent  zu senken.

Hilfe rund um die Uhr

Natürlich ist die unmittelbare Umgebung der Personen mit suizidalen Neigungen zuerst angesprochen. Darüber hinaus gibt es in der Schweiz mehrere Anlaufstellen, die rund um die Uhr Hilfe bieten, wenn jemand akut suizidgefährdet ist oder über Suizid nachdenkt:

  • Telefon 143 – Die Dargebotene Hand: Kostenlos, anonym, 24/7 erreichbar, auch Chat und Mailberatung verfügbar: www.143.ch;
  • Telefon 147 – Pro Juventute: Für Kinder und Jugendliche bis 25 Jahre, kostenlos, anonym, 24/7 erreichbar; Chat, SMS und WhatsApp möglich: www.147.ch.

* Adrian Holderegger, Prof. em. der Theologischen Fakultät der Universität Fribourg hat sich als Theologe, Ethiker und Psychologe seit seiner Dissertation mit dem Thema «Suizid» auseinandergesetzt und eine Reihe wichtiger Studien dazu veröffentlicht.


Grablichter und ein Grabgesteck stehen in der Dämmerung auf einem Friedhof. | © Julia Steinbrecht/KNA
9. September 2025 | 15:00
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