Guido Fluri am Festakt  in Bern | © 2016 Georges Scherrer
Schweiz
Guido Fluri am Festakt in Bern | © 2016 Georges Scherrer

Aufarbeitung der Verdingkinder-Schicksale wird Kirche noch fordern

Bern, 30.9.16 (kath.ch) Zu einem Fest hat das Initiativekomitee der Wiedergutmachungsinitiative 200 ehemalige Verdingkinder nach Bern geladen. Am Freitag wurde der Gegenvorschlag der Wiedergutmachungsinitiative im Nationalrat verabschiedet, was das Komitee begrüsst. Die treibende Kraft hinter der Initiative, Guido Fluri, erklärte am Anlass, dass nun die wissenschaftliche Aufarbeitung an die Hand genommen werden müsse. Gefordert sei auch die Kirche.

Georges Scherrer

Fluri als Initiant der Wiedergutmachungsinitiative begrüsste den Entscheid des Nationalrates. Die Annahme des Gegenvorschlags ermögliche, dass den Opfern sofort geholfen werden könne, sagte er in Bern. Die Initiative hätte dem Volk vorgelegt werden müssen. In der Zwischenzweit wären weitere Opfer altersbedingt gestorben. Er dankte Bundesrätin Simonetta Sommaruga, die massgeblich zum Erfolg beigesteuert habe.

Rehabilitieren heisst aufarbeiten

Unter den Geladenen war auch Uschi Waser. Heute ist sie Präsidentin der Stiftung Naschet-Jenische. Sie bezeichnete gegenüber kath.ch die Abstimmung im Rat als einen grossen Schritt, aber nicht den letzten. Dieser werde gemacht sein, wenn alle Opfer entgolten worden seien, aber auch rehabilitiert würden und «ihre Geschichte als ein Teil der Schweizer Geschichte in die Geschichtsbücher eingeschrieben wird».

Rehabilitieren heisst gemäss Waser, dass unter anderem die Akten durchgesehen und geändert werden müssen. «Wenn in den Akten ein Kind als debil bezeichnet wurde und später selber für sich aufkommen konnte und Karriere machte, dann stimmt da etwas nicht. So etwas kann man nicht stehen lassen», so Waser.

Kirche muss ehrlich hinstehen

Sie bezeichnet sich als Opfer der Kirche. Bis zu ihrem 14. Geburtstag war sie in 27 verschiedenen Institutionen, die der Kirche gehörten. «Heute leben jene Priester und Nonnen nicht mehr, denen ich in den Heimen begegnet bin. Sie sollen in Friede ruhen», sagte sie.

Sie verlangt heute von der Kirche, dass sie in jeder Beziehung zum Geschehen von damals steht und das Bestmögliche unternimmt, damit es den Opfern besser gehe. Dazu gehöre, dass die katholische Kirche die Rehabilitation der Opfer unterstütze. Diesbezüglich könne die Kirche viel leisten.

Ein Teil der Kirche habe das Geschehen verdrängt, ein anderer anerkenne die Schuld, sagte Waser und ergänzte: «Jene, die nicht sehen wollen, müssen noch viel lernen. Sie müssen lernen, auf die Opfer einzugehen und erkennen, dass die Kirche Fehler gemacht hat.» Der Kirche blieb die Katholikin Uschi Waser zuerst treu. Angesichts der Skandale um Priester, welche ihre Kinder nicht anerkannten, ist sie aber schliesslich aus der Kirche ausgetreten.

Ein Dammbruch

Auch Guido Fluri sieht grossen Handlungsbedarf bei der Kirche. Als vor drei Jahren die Initianten ans Werk gingen, um ihre Forderung nach Wiedergutmachung politisch umzusetzen, stiessen sie auf Mauern. Fluri begrüsst es, dass der Bauernverband und die katholische Kirche dann doch zum Unterstützungskomitee stiessen. Der Vorstoss habe, wie die Abstimmung im Nationalrat von Freitag zeige, einen Dammbruch bewirkt, so Fluri gegenüber kath.ch.

Mit keinem Geld könne man Missbrauch aufwiegen, sagte er weiter. Nun sei die wissenschaftliche Aufarbeitung des Geschehens wichtig. Viele Heime wurden in der Schweiz unter der Obhut der katholischen Kirche geführt. «Dort herrschte alles andere als die Botschaft der Nächstenliebe, sondern Züchtigung. Das war auch der Fall bei vielen Bauern, die arm waren und welche die Verdingkinder, uneheliche Kinder, ebenso behandelten wie es die Kirche tat.» Fluri ist überzeugt, dass die wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte die Kirche massiv fordern werde. «Da kommt noch einiges auf sie zu.»

Guido Fluri ist für den Prix Courage nominiert. Man kann bis am 23.10. online abstimmen.

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