Stefan Staub beim Grillanlass mit ukrainischen Flüchtlingen
Schweiz

Diakon Staub kritisiert Franziskus: «Eine Ukraine-Reise ist jetzt zu spät»

Vor einem halben Jahr begann Russlands Krieg in der Ukraine. Das bekommen auch die Menschen in Teufen zu spüren. Diakon Stefan Staub holte Flüchtlinge aus der Ukraine und brachte sie in die sichere Schweiz. Inzwischen sind viele in die zerstörte Heimat zurückgekehrt. Die katholische Kirche hätte mehr machen sollen, findet er.

Sarah Stutte

Das Kloster Wonnenstein beherbergte zuletzt drei ukrainische Flüchtlinge. Wo sind die jetzt?

Stefan Staub*: Alle drei wohnen nun zusammen in der Nachbargemeinde Speicher in einem ehemaligen Hotel. Sie waren, wie andere Flüchtlinge zuvor, nur vorübergehend in Wonnenstein untergebracht. Das Kloster befindet sich zwar auf dem Boden von Appenzell Ausserrhoden, gehört aber politisch zum Kanton Appenzell Innerrhoden.

Deshalb fallen die im Kloster aufgenommenen Flüchtlinge in dessen Zuständigkeitsbereich. Innerrhoden besteht auf einer kollektiven Unterbringung im kantonalen Asylzentrum.

«Wir wollten eine Lösung in der Nähe.»

Da es sich bei den drei Personen aus dem Kloster um eine Frau handelt, die seelisch angeschlagen ist sowie eine weitere Frau mit ihrem Sohn, fanden wir einen Umzug nach Innerrhoden nicht sinnvoll. Einmal aufgrund der psychischen Belastung für die eine Frau, die ein solcher Komplettwechsel mit sich bringen würde.

Auf der anderen Seite, weil die 120 Flüchtlinge, die wir hier in Teufen aufgenommen haben, inzwischen eine eigene Community bilden. Wir wollten eine Lösung in der Nähe.

Wie geht es den übrigen Ukrainerinnen und Ukrainer in Teufen?

Staub: Soweit ganz gut. Ungefähr 60 sind inzwischen wieder in die Ukraine zurückgekehrt, nun haben wir noch knapp die Hälfte hier. Aus der Pfarrei hat sich ein zwölfköpfiges Team gebildet, dass die Flüchtlinge begleitet und ihnen in finanziellen Angelegenheiten oder in Fragen zur Arbeitsintegration zur Seite steht. Zum Teil leben sie in Wohnungen, ganz wenige sind noch in Familien untergebracht.

Stefan Staub erzählt aus seinem Leben.
Stefan Staub erzählt aus seinem Leben.

Die Kinder gehen hier in die Schule, aber das Deutschlernen klappt nicht so schnell. Im Moment überlegen sich auch viele Flüchtlinge heimzukehren, was auch in den Schulen eine gewisse Unruhe mit sich bringt. Das Schweizer Schulsystem mit einer Komplettintegration macht bei den Ukrainerinnen und Ukrainern wenig Sinn, weil diese wieder zurück zu ihren Männern, Söhnen und Brüdern möchten.

Hat die Solidarität in der Bevölkerung im letzten halben Jahr nachgelassen?

Staub: Sie hat sich verändert. Die Ukrainerinnen und Ukrainer gehören mittlerweile zum Dorfbild. Sie feiern jeden Sonntag zusammen einen interkonfessionellen Gottesdienst. Gut funktioniert nach wie vor das Spenden von Handys oder anderen Geräten. Nachgelassen hat, dass alles kostenlos zur Verfügung gestellt wird. So müssen die Flüchtlinge ihre Handy-Abos jetzt selbst bezahlen, mit dem Status S bekommen sie ja nun Geld zugesprochen.

«Die Mentalität «hohle Hand» spüre ich kaum»

Die meisten von ihnen wollen sich aber auch selbst versorgen und arbeiten, die Mentalität «hohle Hand» spüre ich kaum. Doch viele Frauen mit Kindern können nur Teilzeitstellen annehmen, die erstmal gefunden werden müssen. Sie müssen ja auch die Kinder betreuen. Und die Sprache ist zudem eine ziemliche Hürde. Deshalb bieten wir von der Pfarrei aus auch Deutschkurse an.

Schweizweit gab es Rückmeldungen aus Aufnahmefamilien, die an ihr eigenes Limit gekommen sind. Wie war es hier in Teufen?

Staub: Anders. Wir haben die Familien hier engmaschig begleitet, sie regelmässig zu einem Austausch eingeladen und eine Hotline eingerichtet, die rege genutzt wurde. Neben dem Gottesdienst in ukrainischer Sprache haben wir das Café Ukraine angeboten, damit die Flüchtlinge sich dort austauschen konnten.

In Teufen: Maryna Osaduchuk erzählt ihren beiden Töchtern Ksenia (links) und Daryna auf sanfte Art vom Krieg.
In Teufen: Maryna Osaduchuk erzählt ihren beiden Töchtern Ksenia (links) und Daryna auf sanfte Art vom Krieg.

Dort treffen sich immer noch sehr viele. Es gibt natürlich kulturelle Unterschiede. In der Ukraine gehen beispielsweise Kinder ab drei Jahren in einen staatlichen Kinderhort und werden dort beaufsichtigt. Hier mussten wir viele Mütter erst einmal darüber aufklären, dass der Staat vieles in die Eigenverantwortung übergibt.

Wie schauen diejenigen, die jetzt noch hier sind, in die Zukunft? Haben sie Perspektiven?

Staub: Die Perspektiven sind alles andere als hoffnungsvoll. Es gibt verschiedene Szenarien. Ich habe mit einem Vater von vier Kindern geredet, einem Kommunalpolitiker aus dem Westen der Ukraine.

Er sagt, dass im kommenden Winter aufgrund der steigenden Energiekrise das europäische Interesse an der Ukraine abnehmen wird und den Russen wieder vermehrt Zugeständnisse gemacht werden. Der Ukrainer glaubt auch, dass sein Land grösstenteils russisch werden wird und nur noch ein Kleinstaat mit Lemberg als Hauptstadt übrigbleibt. Ich hoffe, er irrt sich!

«Der Zeitpunkt für eine Papst-Reise nach Kiew ist zu spät.»

Was würde es bringen, wenn der Papst nach Kiew reisen würde?

Staub: Ich glaube, der Zeitpunkt ist zu spät. Ich hätte diese Reise in den Donbass in den ersten Monaten des Kriegs erwartet. Einige Ukrainerinnen und Ukrainer sagten mir, dass der Papst vermutlich als einziger hier etwas hätte erreichen können. Auch, weil er Putin kennt.

Ich weiss nicht, was der Grund war, dass das nicht geklappt hat. Ich finde, die Kirche hätte generell mehr tun können. Wir haben immer noch ein Wort und Gewicht. Doch wir Katholikinnen und Katholiken waren viel zu passiv, nur einige einzelne haben sich engagiert.

«Nicht immer Rom fragen, sondern einfach machen.»

Vielleicht ist die katholische Kirche im Moment zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Staub: Bestimmt. Aber man sollte auch nicht immer fragen, sondern einfach machen. Die persönliche Beziehung ist ein wesentlicher Teil unserer Arbeit. Der Fokus auf Rom bringt nichts, dadurch hat sich noch nie etwas verändert.

Das Leben draussen läuft anders. Entweder schafft es die Kirche, die Riten und Rituale in das heutige Leben zu übertragen. Oder sie ist weg vom Fenster. Sie muss empathisch sein und nah am Leben, um die Menschen zu erreichen.  

* Stefan Staub (54) ist Pfarreileiter von Teufen-Bühler-Stein und Armeeseelsorger. Im März 2022 half er mit, 120 Flüchtlinge mit Bussen aus Lemberg in der Ukraine nach Teufen zu holen.


Stefan Staub beim Grillanlass mit ukrainischen Flüchtlingen | © Regula Pfeifer
24. August 2022 | 15:23
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