Der Priester Pierre Stutz erläuterte Hintergründe für sein Outing als Homosexueller

«Innere Befreiung» ermöglicht weiteren Einsatz

Von Georges Scherrer / Kipa

Neuenburg, 5.7.02 (Kipa) Die Hintergründe für sein öffentliches Eingeständnis, homosexuell zu sein, hat der Priester, Buchautor und spirituelle Begleiter Pierre Stutz (49) an einer Pressekonferenz am Freitag in Neuenburg erläutert. Er verlässt die Gemeinschaft des offenen Klosters «Abbaye de Fontaine-André» bei Neuenburg, wo er seit zehn Jahren lebt. Er ist weiterhin für Aufgaben innerhalb der katholischen Kirche offen. Pierre Stutz hat über 30 Bücher geschrieben, die 250.000 Mal verkauft wurden. Auch in Deutschland und Österreich ist er für seine Kurs- und Vortragstätigkeit bekannt.

«Nicht ich habe die Homosexualität gesucht, sondern Gott als Urgrund allen Lebens hat mich so wunderbar geschaffen und gestaltet.» Mit dem Eintrag dieses Satzes in sein Tagebuch habe die «innere Befreiung» eingesetzt, die schliesslich zur Niederlegung des priesterlichen Amtes führte, erklärte Pierre Stutz.

Noch vor einigen Monaten sei er der Überzeugung gewesen, seine Homosexualität werde sein Geheimnis bleiben. In den ersten dreissig Jahren seines Lebens habe er dieses Thema verdrängt und dagegen «wie wild gekämpft», sagte er. Mit 38 sei es zu einem physischen und spirituellen Zusammenbruch gekommen. Daraufhin habe er sich nach Neuenburg zurückgezogen.

Von der Angst umzingelt

Stutz, der während mehreren Jahren Bundesleiter der ehemaligen katholischen Jugendorganisation «Junge Gemeinde» war, sah zudem in Neuenburg die Möglichkeit, einen alten Traum zu realisieren: Nämlich die Gründung einer offenen klösterlichen Gemeinschaft, wo Frauen und Männer, Verheiratete und Unverheiratete leben können.

Die Angst vor der Realität seiner Homosexualität habe ihn in Neuenburg jedoch wieder «völlig umzingelt». Begründet sei die Angst nicht zuletzt im Umstand, dass die Homosexualität ein «grosses Tabuthema in unserer Kirche und auch in der Gesellschaft ist». Im vergangenen November habe ein «grosses Pfeifen» in seinem Ohr eingesetzt. Da sei ihm schlagartig klar geworden: «Jetzt kannst du dich nicht mehr vor dieser Frage drücken». Im Monat April orientierte er die Gemeinschaft in Neuenburg über seine Homosexualität. Nach seinem Outing habe das Ohrengeräusch nachgelassen.

Problematische Verknüpfung von Beruf und Sexualität

Der Zölibat biete zwar die Möglichkeit, sich als homosexueller Mann zu verstecken. Stutz wies aber darauf hin, dass auch verheiratete Männer ihre Homosexualität vor ihrer Gattin verheimlichten. Es sei nicht angebracht, die Behauptung aufzustellen, der Zölibat begünstige die Homosexualität. Stutz versteht sein Outing auch als gesellschaftliches Zeichen: «Ich habe mich für diesen Schritt entschieden, weil das Thema Homosexualität aufgearbeitet werden muss». Die Sexualität müsse «etwas Positives» werden. «In diesem Bereich hat die Kirche grossen Nachholbedarf, sonst werden Leiden und Heuchelei weitergehen».

Die Verknüpfung von Berufung und Sexualität in der Kirche sei problematisch. Die Trennung vom Priesterberuf sei sehr schmerzhaft. Man müsse sich bewusst werden, «dass sich heute weltweit 80.000 Priester von ihrem Beruf getrennt haben und heirateten. Viele dieser Männer erleiden nach wie vor grossen Schmerz, weil sie zwischen Beruf und Lebensform entscheiden mussten.» Der Kampf müsse weitergehen, damit – wie in den reformierten und orthodoxen Kirchen – auch katholische Geistliche heiraten können. Stutz zeigte sich überzeugt, dass der Zölibat als Lebensform weiter bestehen werde, denn «der Zölibat hat seine Werte».

Den inneren Frieden finden

Weil in der katholischen Tradition «schwule Menschen ihre Sexualität nicht leben dürfen, habe ich keine Chance im kirchlichen Dienst zu bleiben». Er habe Ende vergangener Woche dem Basler Bischof Kurt Koch seine Demission als Diözesanpriester eingereicht, obwohl er «mit Leib und Seele» priesterlicher Mensch bleibe. Koch habe Pierre Stutz auf seinen Outing- Brief geantwortet, dieser sei «voller innerer Klarheit»; der Bischof respektiere den Schritt, auch wenn er ihn bedaure. Über einen weiteren Einsatz von Pierre Stutz innerhalb der Kirche soll mit dem Bischof ein Gespräch stattfinden.

Lebensschule von Jesus folgen

Die Trennung vom Priesteramt, das er nun 17 Jahre inne hatte, bezeichnete Stutz als sehr schmerzhaft. Die Trauer, die noch kommen werde, könne er sich nicht ausmalen. Er hätte natürlich nach einer «Nische» suchen können, wo er, seine Homosexualität weiterhin versteckend, als Priester hätte arbeiten können. Er habe sich aber entschieden, offen und mit den entsprechenden Folgen zu seinem Schwulsein zu stehen.

Grösser als der Trennungsschmerz sei die Hoffnung, dass er vielen Menschen ein spiritueller Begleiter in Gesprächen und durch seine Bücher bleiben könne. Um diese Aufgabe zu erfüllen, sei es nötig gewesen, dass «ich den inneren Frieden finde». Es komme nicht darauf an, ob ein Mensch hetero- oder homosexuell sei. Was zähle, sei vielmehr, ob «wir – der Lebensschule von Jesus von Nazareth folgend – lieben und uns für Gerechtigkeit und Zärtlichkeit mit der ganzen Schöpfung einsetzen». Es sei darum «furchtbar», dass so viel Energie für die Diskussion über die Homosexualiät aufgewendet werde. Stutz möchte sich weiterhin in Kirche und Gesellschaft für eine Welt einsetzen, «wo jeden Tag 24.000 Kinder, Frauen und Männer verhungern. Das sind die richtigen Relationen».

«Kein triftiger Grund»

Die Gemeinschaft von Abbaye de Fontaine-André hat sich hinter Pierre Stutz gestellt. Er verlässt diese zwar, um seinen Weg in einer privaten Sphäre zu suchen. Stutz wird aber weiterhin in der Abbaye Kurse anbieten und als geistlicher Betreuer tätig sein.

«Es gibt für mich keinen triftigen Grund, warum Pierre seinen Dienst als Priester nicht weiterführen sollte. Es ist nicht sein Fehler, wenn er homosexuell ist», erklärte als Mitglied der Gemeinschaft Bruder Antoine Galliker, der jahrelang Jugendseelsorger in einer katholischen Pfarrei im Kanton Zürich war. In jener Pfarrei habe er erfahren, dass die Mehrheit der Gläubigen befürworten, dass katholische Priester heiraten dürfen. «Und es gäbe sicher auch Pfarreien, die einen Priester akzeptieren würden, der seine Homosexualität verantwortungsvoll partnerschaftlich leben möchte», so Galliker vor den Medien.

Hinweis für Redaktionen: Es folgt bis 12. Juli ein Interview mit Pierre Stutz über das Thema Homosexualität und Priester-Sein.

Hinweis für Redaktionen: Bilder sind bei der Fotoagentur Ciric in Lausanne erhältlich: Tel 021 613 23 83, Fax 021 613 23 84, E-Mail: ciric@cath.ch

(kipa/gs/job)

5. Juli 2002 | 00:00
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