Gebetsnische mit Koranversen und den Kalligraphien von «Mohammed» und «Allah» | © 2015 Sylvia Stam
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Gebetsnische mit Koranversen und den Kalligraphien von «Mohammed» und «Allah» | © 2015 Sylvia Stam

Der Islam gehört zu den Fundamenten europäischer Kultur

Berlin, 12.5.16 (kath.ch) Für den Historiker Michael Borgolte gehört der Islam zu den Fundamenten deutscher Kultur. Der Berliner Mittelalterhistoriker widerspricht der AfD und vielen Politikern. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) verweist er am Donnerstag, 12. Mai, in Berlin auf den Beitrag muslimischer Gelehrter zur europäischen Wissenskultur.

Christoph Arens

Für die AfD gehört der Islam nicht zu Deutschland. Wie sehen Sie das als Historiker?

Michael Borgolte: Auch viele andere Politiker argumentieren ja, dass zwar die Muslime zu Deutschland gehören, aber nicht der Islam. Ich finde diesen Streit ziemlich unerquicklich und wenig hilfreich. Aber aus der Sicht des Mittelalterhistorikers muss ich die Prioritäten umkehren und klar formulieren: Nicht die Muslime gehören zu Deutschland, aber der Islam gehört zu den Fundamenten europäischer und deutscher Kultur.

Wie kommen Sie zu dieser Aussage?

Borgolte: Einerseits lebt eine grössere Anzahl von Muslimen erst seit der Anwerbung türkischer Gastarbeiter ab 1961 in Deutschland. Zwar gab es auch schon am Hof Karls des Grossen im 9. Jahrhundert oder im 18. Jahrhundert in Preussen eine Handvoll muslimischer Diplomaten oder Kriegsgefangener, aber sie haben sicherlich das Land nicht geprägt.

Und andererseits?

Borgolte: Andererseits haben muslimische Gelehrte im Mittelalter ganz wesentlich dazu beigetragen, das Wissen über griechische Philosophie und Naturwissenschaften zu erhalten und ins lateinische Europa zu übertragen. Ob in Bagdad oder im muslimischen Spanien: Islamische Gelehrte haben die Texte der griechischen Philosophen und Denker in die Volkssprache übertragen und von dort wurden sie ins Lateinische übersetzt. Ohne den Islam keine Scholastik, keine Universitäten und keine Wissenschaft in unserer heutigen Form. Ohne die Vermittlung antiker Kulturgüter durch Muslime und übrigens auch Juden hätte es den Aufstieg des europäischen Westens seit dem hohen Mittelalter nicht gegeben. Wir profitieren also heute noch von diesen islamischen Gelehrten.

Aber ist dieser Einfluss nicht eine kurze Episode geblieben?

Borgolte: Das ist richtig. Die welthistorisch bedeutsam gewordene Wissenschaftskultur hat sich an den Universitäten der lateinischen Christenheit entwickelt. Gegen den vielfachen Widerstand des christlichen Klerus ist das Wissen der Griechen an den Universitäten Europas aufgenommen und weiterentwickelt worden. Die lateinischen Christen haben aus den ihnen zugekommenen geistigen Gütern mehr gemacht als Muslime und auch griechische Christen, aber sie haben auf fremden Fundamenten weitergebaut. Der Islam hat keine gleichartige und gleichwertige Forschungskultur entwickelt.

Woran lag das?

Borgolte: Im damaligen Zentrum der islamischen Welt, in Bagdad, haben die Kalifen das öffentliche Forschen und Denken schlicht unterbunden. Privat durften die islamischen Gelehrten Studien betreiben und auch lehren. Aber der Transfer an die öffentlichen Bildungseinrichtungen war verboten. In Spanien standen die Muslime im Spätmittelalter stark unter dem Druck der Reconquista (Rückeroberung durch die «katholischen Könige», Anm. d. Redaktion). Einzelne Gelehrte haben deshalb zur christlichen Wissenschaft beigetragen, aber eine eigene Agenda konnten die Muslime nicht mehr entwickeln.

Hat der Islam Europa nicht auch negativ geprägt: Durch die Bedrohungsgefühle, die die Türken etwa im 16. und 17. Jahrhundert auslösten?

Borgolte: Ich bin da sehr zurückhaltend. Natürlich gab es die Angst vor den Türken, die etwa Auswirkungen auf die katholische Glaubenspraxis hatte – nehmen Sie nur den Kult um den Maurentöter, den Apostel Jakobus, und die Jakobuswallfahrten nach Santiago de Compostela. Und natürlich gab es im östlichen Mitteleuropa die Sorge vor weiteren osmanischen Eroberungen. Aber wenn man sich etwa die Akten der katholischen Konzile und weitere kirchliche Quellen anschaut, dann merkt man, dass der Islam für das heutige westliche Europa eher kein Thema war. Darüber hinaus waren die Fronten zwischen christlichen und muslimischen Staaten keineswegs fest gefügt. Das katholische Frankreich hat durchaus mit den Osmanen gegen die katholischen Habsburger paktiert. Man muss aufpassen, dass man heutige Konflikte nicht einfach auf die Vergangenheit projiziert.

Sie erwähnten Spanien. Es gibt also in Europa durchaus auch Länder, in denen nicht nur die islamische Kultur sondern auch die Muslime eine grössere Rolle spielten…

Borgolte: Ja. Und das gilt nicht nur für Spanien und Italien. Auch in Litauen und Ungarn gab es im Spätmittelalter muslimische Gemeinden und muslimische Siedlungsinseln, die schon vor den Osmanen-Eroberungen bestanden haben. Ungarn etwa war multireligiös, weil es auch grössere jüdische Gemeinden gab. Und der von der katholischen Kirche als Heiliger verehrte König Stefan hat auch griechisch-orthodoxe Klöster und Bistümer gegründet. Das wird von der heutigen ungarischen Regierung gern übersehen.

Wie christlich war denn Europa im Mittelalter wirklich?

Borgolte: Europa war niemals einheitlich christlich geprägt, die christliche Mission hat den europäischen Kontinent zu keiner Zeit vollständig erfasst, und im übrigen waren neben dem fortbestehenden Heidentum oder Polytheismus zwei andere monotheistische Religionen verbreitet, das Judentum und der Islam. Der Islam war ein Bestandteil Europas seit dem achten Jahrhundert, und als er ab dem dreizehnten Jahrhundert aus den grossen Halbinseln des westlichen Mittelmeers vertrieben wurde, rückten im Osten die islamisierten Türken vor.

Gibt es aus Historiker-Sicht eine Antwort darauf, ob der Islam zu Europa passt?

Borgolte: Der grundlegende und welthistorisch wohl einzigartig erfolgreiche Mechanismus der Geschichte Europas ist die Fähigkeit zu ständiger produktiven Auseinandersetzung mit fremden Einflüssen. Europas Geschichte ist besonders dynamisch geworden, weil jede erreichte Einheit durch aufbrechende Dissonanzen sogleich wieder in Frage gestellt wurde. Christen, Juden und Muslime haben sich zeitweise bekämpft, aber das führte nie zur kompletten Ausrottung der anderen. In diesen Religionen gab es Schutzvorschriften und es gab Dialog und gelungenes Zusammenleben. Europa war und ist also durch das Wechselspiel von Integrationen und Desintegration geprägt. Das ist anstrengend, aber schöpferisch. (kna)

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