Schweiz

Der Griff nach der Allmacht

Der ideologische Überbau des Transhumanismus ist die Gefahr, nicht seine Umsetzung, sagt Oliver Dürr*. Auch Christen identifizieren sich mit dessen Zielsetzung.

Georges Scherrer

Wie weit sind Ihrer Ansicht nach Vorstellungen der Transhumanisten real umsetzbar und wo liegen die Grenzen?

Oliver Dürr: Über die technischen Möglichkeiten der Zukunft kann ich keine Prognose machen – solche Voraussagen sind es ja gerade, die am Transhumanismus kritikwürdig sind. Und mindestens genauso wichtig wie die Umsetzung der Möglichkeiten ist auch der politische Gebrauch beziehungsweise eben Missbrauch neuartiger Technologien. Und hier gibt es schon Gründe, die transhumanistischen Visionen skeptisch zu hinterfragen.

Welche?

Dürr: Drängend ist die Frage: Kann der Transhumanismus überhaupt halten, was er verspricht? Kann er den Menschen durch Technik von seinen Leiden erlösen?

«Dieser dialektische Schatten trübt die Agenda des Transhumanismus.»

Die Geschichte des 20. Jahrhunderts hat die Ambivalenz technischer Errungenschaften und vor allem ihrer politischen Instrumentalisierung mehr als deutlich gemacht: Mit der Atomenergie kam auch der Atomkrieg. Dieser dialektische Schatten trübt auch heute noch die Agenda des Transhumanismus – oder sollte es zumindest.

Der entscheidende Punkt ist hier, dass in der Praxis das beschleunigte Tempo wissenschaftlich-technischer Entwicklungen der moralischen, ethischen und politischen Debatte darüber davonläuft, ob, wie und wozu jeweilige Technologien eingesetzt werden sollen.

Gibt es neben ethischen noch andere Vorbehalte?

Dürr: Gleichzeitig wird jede technologische Errungenschaft von nationalstaatlichen Regierungen, vom Militär oder von global operierenden Firmen und anderen gekauft und in deren Sinne angewendet. Es ist also keineswegs gesichert, dass neue Technologien wirklich dem einzelnen Menschen und seiner Selbstentfaltung zugutekommen oder für das Wohl der Gesellschaft eingesetzt werden.

Man muss weder Prophet noch Verschwörungstheoretiker sein, um das Gefahrenpotential solcher Entwicklungen zu sehen.

«Transhumanismus ist eine Weltanschauung neben anderen.»

Gleichen Transhumanisten den Alchemisten aus dem Mittelalter, die den Stein der Weisen schaffen wollten?

Dürr: Naja, was den Transhumanismus mit der Alchemie verbindet und darüber hinaus auch mit dem ganzen aufklärerischen Projekt der neuzeitlichen Wissenschaften spätestens seit Francis Bacon im 17. Jahrhundert, ist der Versuch, die Welt mit wissenschaftlich-technischen Mitteln restlos verfügbar zu machen, sie dem eigenen Willen gemäss zu manipulieren und für die eigenen Zwecke zu instrumentalisieren: sei dies, um Gold herzustellen oder um das eigene Leben zu verlängern.

Sind Kritiker des Transhumanismus gegen den Fortschritt?

Dürr: Nicht unbedingt. Natürlich gibt es gute kulturelle und strukturelle Gründe, die moderne Technik und ihre Auswirkungen auf den Menschen und die Gesellschaft zu kritisieren und dabei auch auf die Schattenseiten der Technisierung beziehungsweise Digitalisierung hinzuweisen.

Aber der Transhumanismus darf nicht mit Wissenschaft und Technik gleichgesetzt werden. Vielmehr ist er nur eine Weltanschauung neben anderen, die alle dieselbe Wirklichkeit und darin auch dieselben technischen Neuerungen deuten und bewerten.

«Es sind Sehnsüchte, Hoffnungen und Wünsche.»

Wer den Transhumanismus kritisiert, wendet sich also zunächst einmal gegen einen ideologischen Überbau und nicht unbedingt gegen die Technik an sich.

Sie beschreiben in einem Vortrag den Transhumanismus als «reduktive Weltanschauung eines nihilistischen, voluntaristischen, nominalistischen und konstruktivistischen Naturalismus.» Hat im Transhumanismus der Glaube keinen Platz?

Dürr: Der Transhumanismus ist selbst ein Art Glaube. Vieles von dem, was er behauptet, beruht auf Annahmen über die Wirklichkeit, die selbst gar nicht wissenschaftlich belegbar sind.

«Der Christ ist überzeugt, dass er den Tod überwinden kann.»

Es sind Sehnsüchte, Hoffnungen und Wünsche, die aus dem Blick auf gegenwärtige Möglichkeiten in die Zukunft projiziert werden. Es gibt auch Christen und Christinnen, die sich mit dem transhumanistischen Anliegen identifizieren.

Am Ende muss man sich schlicht entscheiden, in welcher Welt man leben will. Wie man die Wirklichkeit, den Menschen und das Leben bewertet. Auch der christliche Glaube ist ja davon überzeugt, dass der Mensch in Jesus Christsus und durch das Wirken des Geistes von Leid und Krankheit erlöst werden und in der Auferstehung sogar den Tod überwinden kann. Nur ist damit etwas qualitativ ganz anderes gemeint, als die Unsterblichkeit, die uns vom Transhumanismus verkauft wird.

* Oliver Dürr ist Diplomassistent am Lehrstuhl Dogmatik und Theologie der Ökumene der Universität Freiburg.


Der Mensch als Maschine | © Manuel A. Dürr
8. August 2020 | 13:00
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Einheit von Mensch und Technik

Die Verbindung von Mensch und Technik und die damit verbundenen Möglichkeiten aber auch Risiken faszinieren seit jeher. Die biblische Geschichte über den Turm von Babel zeigt die Grenzen menschlichen Strebens auf. Weitere berühmte Bespiele zum Verhältnis von Mensch und Technik sind Dädalus und Ikarus oder der Golem aus der jüdischen Mystik. Goethe lässt den künstlich erzeugten Homunkulus im Faust auftreten. Frankenstein konstruiert im Roman von Mary Shelley eine Monster, das Angst und Schrecken verbreitet.

Auch die Filmindustrie bedient sich dieser Wesen, die teils Mensch, teils Technik sind. In «Krieg der Sterne» sind der Androide C-3PO und der Roboter R2-D2 sowohl mit menschlichen wie technischen Zügen versehen.

Die Verschmelzung von Mensch und Technik kommen aber nicht nur in der Welt der Fabeln vor. Die Medizin setzt Implantate in den menschlichen Körper ein, die verschiedene Funktionen erfüllen.

«Ich mache mich besser»

Nicht nur medizinische Implantate finden bereits Verwendung. Schwedens Bahn akzeptiert seit einigen Jahren als Zahlungsmittel Chips als Ticket, die sich Menschen in die Hand implantiert haben. Der Schweizer Mike Schaffner versteht sich als Cyberborg, Er trägt mehrere Implantate unter der Haut, mit denen er unter anderen seine Wohnungstür entriegeln kann. «Von dem ganzen Gott-Gedanken halte ich nicht viel. Ich bin nicht zufrieden, so, wie ich geschaffen bin. Deswegen mache ich mich besser. Das hat nichts mit Gott zu tun», sagte er gegenüber Fokus Swiss. (gs)