Kardinal Karl Lehmann, 2002   kna| ©
Ausland
Kardinal Karl Lehmann, 2002 kna| ©

Der «Brückenbauer» Kardinal Karl Lehmann ist tot

Mainz, 11.3.18 (kath.ch) Er hat – «gelegen oder ungelegen» – seine begründete Meinung gesagt und hat – «so gut es als Mensch geht» – geradlinig und sachlich seine Arbeit gemacht: der deutsche Kardinal Karl Lehmann. Am frühen Sonntagmorgen ist er im Alter von 81 Jahren in Mainz gestorben.

Von Peter de Groot und Norbert Demuth

Lehmann, der langjährige Bischof von Mainz und Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, war in Zeiten, als «Rom» in der deutschen Öffentlichkeit als Hort des konservativen Dogmatismus galt, der Name für ein weltoffenes, lebensbejahendes Christentum. Fast 33 Jahre, vom 2. Oktober 1983 bis zu seinem altersbedingten Rücktritt vom Bischofsamt an seinem 80. Geburtstag am 16. Mai 2016, stand Lehmann an der Spitze des Bistums Mainz. Als er das Amt übernahm, war er mit 47 Jahren der damals jüngste katholische Bischof in Deutschland.

Glaube mit Vernunft

Für Lehmann galt, dass die Treue zum Glauben und die Treue zu den Menschen zusammengehören und sich Glaube und Vernunft nicht ausschliessen. «Der Glaube ist ein Gehorsam, der wenigstens potenziell mit der menschlichen Vernunft übereinstimmen muss», sagte er einmal. Grundsätze, die nicht zuletzt sein Wirken als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz von 1987 bis 2008 bestimmten.

«Glücksfall für die deutschen Katholiken»

Konservative Kritiker warfen ihm schon mal vor, die katholische Kirche in Deutschland zu einer «Lehmann-Kirche» zu machen, die sich ohne Not dem Zeitgeist anpasse. Bei seinen Bewunderern dagegen erwarb Lehmann sich den Ruf, ein «Glücksfall für die deutschen Katholiken» zu sein, ein «Brückenbauer», ein «Mann des Dialogs». Als solcher führte Lehmann nach dem Fall der Mauer die Katholiken aus Ost- und Westdeutschland zusammen, gab Impulse für das ökumenische Gespräch und für das Gespräch mit kritischen Laien.

Immer wieder mahnte er Reformen in seiner Kirche an und kritisierte politische Entwicklungen, die ihm Sorge bereiteten. Zuletzt warf er einigen Ländern der EU, insbesondere den osteuropäischen, mangelnde Solidarität in der Flüchtlingsfrage vor und liess klar seine Abneigung gegenüber der AfD erkennen.

Für ein Diakonat der Frau

Deutlich machte der Kardinal auch, dass er nichts von «Riesengemeinden XXL» in seiner Kirche hielt, dass es ein Ständiges Diakonat der Frau geben sollte, eine Priesterweihe von in Ehe und Beruf bewährten Männern (viri probati), eine engere Zusammenarbeit von Priestern und Laien – und dass er auf Papst Franziskus baute.

«Die Starrköpfe sitzen an verschiedenen Stellen, und man kann nur hoffen, dass der Papst lange lebt und gesundbleibt»

«Die Starrköpfe sitzen an verschiedenen Stellen, und man kann nur hoffen, dass der Papst lange lebt und gesundbleibt», liess sich Lehmann vernehmen. Für sein Selbstverständnis von besonderer Bedeutung war das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965). «Ich identifiziere mich mit meiner ganzen priesterlichen Existenz und in der Ausrichtung meines Dienstes daran. Ich könnte mich gar nicht denken ohne das Konzil», sagte Lehmann in einem Interview. Für ihn war das Konzil ein noch nicht zu seinem Ende gekommener Prozess. «Das Feuer des Konzils», davon war er überzeugt, «ist nicht erloschen.»

Wahl zum Kardinal als Sensation

Als Lehmann Anfang 2001 doch noch von Papst Johannes Paul II. zum Kardinal erhoben wurde, galt dies als eine Sensation. Schliesslich hatte es in den Jahren zuvor Meinungsverschiedenheiten mit Rom gegeben, nicht zuletzt in Sachen Schwangerenkonfliktberatung und in der Frage nach einer Zulassung zivil wiederverheirateter geschiedener Katholiken zur Kommunion. Übersehen worden war da von vielen – aber eben nicht von Johannes Paul II. – Lehmanns unverbrüchliche Loyalität zu Papst und Kirche. Dass ausserdem seinerzeit Bundeskanzler Helmut Kohl im Vatikan für die Kardinalsernennung warb, war in Rom ein offenes Geheimnis.

Sympathien für Bergoglio

Als Mitglied des Kardinalskollegiums nahm Lehmann am Konklave im April 2005 teil, bei dem Papst Benedikt XVI. gewählt wurde. Damals hegte er bereits grosse Sympathien für den argentinischen Kandidaten Jorge Mario Bergoglio. Und als der im März 2013 als Papst Franziskus zu Benedikts Nachfolger gewählt wurde, erhielt er sicher auch Lehmanns Stimme.

Franziskus, lobte Lehmann später, lasse alle Diskussionen zu und wage neue Ansätze. Für den Kardinal war es nicht zuletzt von grosser Bedeutung, dass der Papst mit seinem Schreiben «Amoris laetitia» (Freude der Liebe) hinsichtlich des seelsorgerischen Umgangs mit wiederverheirateten Geschiedenen etwas aufgriff, wofür sich Lehmann über Jahrzehnte eingesetzt hatte. Für einen Umgang nämlich, der unterschiedlichen Lebenssituationen Rechnung trägt. Wie sagte Lehmann immer wieder? Das Wichtigste sei «kämpfen, nicht aufgeben».

Unlängst Nachfolge-Bischof geweiht

Seinen letzten grossen öffentlichen Auftritt hatte Lehmann, als er am 27. August 2017 den Theologieprofessor Peter Kohlgraf zum neuen Bischof des Bistums Mainz weihte. Seit September 2017 kämpfte Lehmann dann mit den Folgen eines Schlaganfalls und einer Hirnblutung, zunächst im Krankenhaus und seit Mitte Dezember 2017 zuhause. Am letzten Montag war sein Gesundheitszustand so «kritisch», dass Bischof Kohlgraf zum Gebet für Lehmann aufrief – für «das letzte Stück seiner irdischen Pilgerreise». (kna)

Kardinal Lehmann würdigt einen grossen Schweizer Theologen

News ›
Medienspiegel ›
Katholisches Medienzentrum