Abfall vermeiden: Zahnpasta am Stiel, kompostierbare Zahnbürste und mehr |  © Madlaina Lippuner/Fastenopfer
Schweiz
Abfall vermeiden: Zahnpasta am Stiel, kompostierbare Zahnbürste und mehr | © Madlaina Lippuner/Fastenopfer

Den alten Lebensstil wegwerfen

Luzern, 5.3.18 (kath.ch) Wie verabschiedet man sich vom Lebensstil der Wegwerfgesellschaft? Madlaina Lippuner, Campaignerin beim Hilfswerk «Fastenopfer», versucht, auf «null Abfall» umzustellen. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten entdeckt sie eine neue Leichtigkeit, wie sie in ihrer Kolumne zur Fastenzeit schreibt.

Bea Johnson produziert mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen ein Einmachglas Plastikabfall – pro Jahr! Seit zehn Jahren konsumieren die Amerikanerin und ihre Familie nur, was sich abbauen oder wiederverwerten lässt. Mit ihrem Lebensstil der sogenannten 5-R-Regel «refuse, reduce, reuse, recycle und rot (Verweigern, Reduzieren, wiederverwerten, recyceln und kompostieren)» ist Johnson zur Vorreiterin in Sachen Abfallvermeidung geworden und Auslöserin der «Zero Waste»-Bewegung. Diese ist auch in der Schweiz angekommen – und hat meinen Nerv getroffen.

Shampoo-Flaschen, Senftuben, Papiertaschentücher: Immer wieder habe ich leer geschluckt beim Blick in den viel zu schnell voll gewordenen Abfallsack. Laut Bundesamt für Umweltschutz landen in der Schweiz etwa 339 Kilogramm Abfall pro Jahr und Einwohner in der Verbrennungsanlage.

Neuer Lebensstil aus Stoffstücken, Holzschachteln und Glas

Doch wie krempelt man einen Haushalt um auf «Zero Waste», also null Abfall? Wie lässt man einen ganzen Lebensstil fallen? Dass derzeit vielerorts Läden entstehen, die Essen oder andere Artikel unverpackt anbieten, hilft. Dort fülle ich Getreide, Zucker, Fruchtsäfte und Waschmittel in mitgebrachte Gläser und Säcke ab, kaufe einen Zahnpasta-Block am Holzstil, je ein Stück festes Shampoo und Deo, welche man bei Gebrauch benetzen kann. Sieht drollig aus. Ein paar Wachstücher sollen Cellophan ersetzen. Sie duften herrlich.

In den nächsten Wochen fühle ich mich wie ein lebendiger Anachronismus; Mein neuer Lebensstil aus Stoffstücken, Holzschachteln und Glas mutet an frühere Zeiten an. Doch ich will damit ja auch einen winzigen Beitrag zur Zukunftsfähigkeit der Welt beitragen. Vieles muss ich von Null auf neu lernen, neu denken. Wie den abgewetzten Pulli weiterverwenden? Was tun mit kaputten Glühbirnen? Unter «Upcyceln» finde ich im Internet viele Tipps, um alte Gegenstände umzufunktionieren.

Plötzlich muss ich auch mehr planen.

Plötzlich muss ich auch mehr planen. Das Znüni-Brötli (im Wachstuch) stecke ich morgens zu Hause ein. Die Stoffbeutel, die mir die Plastiksäckchen fürs Gemüse ersetzen sollen, habe ich zu Hause vergessen. Nächstes Mal. Es braucht Zeit, bis sich alles einspielt.

An der Käsetheke bitte ich den Verkäufer, mir die Ware unverpackt zu geben. Mein mitgebrachtes Wachstuch darf die Hygieneschranke nicht überschreiten, deshalb lege ich es auf die Theke und der Verkäufer setzt den Käse drauf. Lief gar nicht so schlecht. Hat mich aber viel Mut gekostet. Ist der Blick des Verkäufers spöttisch? Belächelt mich der Kunde nebenan? Und wenn.

Karotte, Kartoffeln und Co. will ich fortan vermehrt auf dem Markt holen. Gesundes, saisonales Essen unverpackt (ohne Palmöl) mit kurzen Transportstrecken zu kaufen und damit lokale Produzierende zu unterstützen, gibt mir ein gutes Gefühl.

Adieu Fertig-Guetzli

Weniger Abfall zu produzieren, heisst auch, weniger zu konsumieren. Adieu Fertig-Guetzli, die ich so liebe – dann aber doch gar nicht so vermisse. Mein neuer Lebensstil mag global gesehen einen Tropfen auf den heissen Stein sein. Aber was, wenn richtig viele mitmachen? Und etwas hat es doch bereits gebracht! Ich fühle mich freier, unabhängiger, bin umsichtiger und kreativer. Und ich bin mutiger geworden, wage es, für meine Überzeugungen einzutreten. Morgen gehe ich zum Metzger, im Gepäck ein leeres Gurkenglas. Das wird lustig.

* «Für eine Welt, in der alle genug zum Leben haben»: Die Ökumenische Kampagne von «Fastenopfer» und «Brot für alle» macht auf Initiativen und Bewegungen aufmerksam, die einen ressourcenschonenden, massvollen Lebensstil anstreben. Während der Fastenzeit schreiben Mitarbeiter von Fastenopfer über ihre persönlichen Erfahrungen in solchen Bewegungen oder zum Thema Wertewandel.

Madlaina Lippuner, Campaignerin bei "Fastenopfer" | © zVg
Madlaina Lippuner, Campaignerin bei "Fastenopfer" | © zVg
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