Schweiz

Missbrauch und Kirche: «Spotlight» bringt Licht ins Dunkel

Bonn, 23.2.16 (kath.ch) Kein Genre ist bei Kinogängern derzeit so beliebt wie Filme, die auf wahren Begebenheiten beruhen. Die Beschäftigung mit den Missbrauchsfällen durch katholische Priester bot sich unter solchen Voraussetzungen geradezu an. Regisseur Tom McCarthy widmet sich dem Thema in «Spotlight» aber nicht aus Sensationsgier und Lust am Skandal, sondern eher wie ein Wissenschaftler. Wie jemand, der sich mit den allgemein zugänglichen Ermittlungen nicht zufriedengibt, weil er sich von den Vorgängen so aufgewühlt fühlt, dass er das ganze Ausmass und die ganze Wahrheit offenlegen will. Der Film startet am Donnerstag in den Schweizer Kinos.

Franz Everschor

«Spotlight» erinnert an eines der grossen Vorbilder in der Filmgeschichte, an Alan J. Pakulas «Die Unbestechlichen» aus dem Jahr 1976, in dem es um die Aufdeckung des Watergate-Skandals durch zwei Journalisten der «Washington Post» geht. Auch McCarthys Film ist Zeitungsdrama, journalistische Recherche und Detektivgeschichte in einem. Und «Spotlight» ist wie «Die Unbestechlichen» ein seriöser Film, dem man allenfalls den Vorwurf machen könnte, dass er das tiefe und fortdauernde Leid der Opfer zu sehr am Rande behandelt.

Ein Grossteil der Handlung spielt in den Redaktionsräumen des «Boston Globe» und kreist um die investigative Arbeit eines Teams der Zeitung, das für seine Berichte später mit einem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Dabei wird nicht unter den Tisch gekehrt, dass auch die Reporter des «Boston Globe» viele Jahre zuvor schon um die Vorgänge gewusst haben. Denn Mitverantwortung für die Vertuschung der Missbrauchsfälle trugen nicht nur die Täter selbst und Verantwortliche auf der Leitungsebene des Erzbistums Boston bis hin zu Kardinal Bernard F. Law.

Komplizenschaft von Kirchenmännern, Anwälten und Zeitungsleuten

Hier und da waren Einzelheiten in die Öffentlichkeit durchgesickert, aber alle, die Kenntnis davon hatten, praktizierten eine Kultur des Wegsehens und des Schweigens um des grösseren Ganzen willen. Auch in den Etagen des «Boston Globe» bedurfte es erst eines aus Miami gekommenen neuen Redaktionsleiters, der das alle Institutionen der Stadt durchdringende katholische Establishment mit nüchterner und zu publizistischer Aktivität mahnender Skepsis betrachtete. Auf diese Weise konnte ein kleines Journalistenteam mit dem scheinbar aussichtslosen Unterfangen beginnen, unter Verschluss gehaltene Akten und lange vernachlässigtes Beweismaterial ans Licht zu bringen.

Der Film tut sich am meisten in jenen Passagen hervor, die die Komplizenschaft von Kirchenmännern, Anwälten und Zeitungsleuten aufdecken, denen das verhängnisvolle Schweigen der vorausgegangenen Jahre zu verdanken war. Auch die Reporter selbst stammen aus dem Umfeld der katholischsten Millionenstadt der USA. Und auch sie sind nicht frei von Skrupeln, aber sie sind überzeugt davon, dass sie eine Aufklärungsarbeit zu leisten haben, die wichtiger ist als Rücksicht auf ihre Erziehung und Herkunft.

Detaillierte Rekonstruktion hochsensibler Vorgänge

McCarthy erzählt die Geschichte der mühsamen, schrittweisen Entwirrung eines Geflechts aus Abwiegelung und Vertuschung in überwiegend ruhigen, sachlichen und betont unspektakulären Szenen. Er tut das mit derselben Sensibilität, die schon seinen Film «Ein Sommer in New York – The Visitor» auszeichnete. Seine Darsteller hält er zu zurückhaltenden Gesten an. Das macht «Spotlight» glaubwürdig und rückt die detaillierte Rekonstruktion der immer noch hochsensiblen Vorgänge in die Nähe eines Dokumentarfilms.

Opfer bleiben Randfiguren

Regisseur McCarthy scheut aber nicht davor zurück, die ans Licht gekommenen Fakten zu benennen. Etwa die Tatsache, dass es zum Beispiel bei den beschuldigten Priestern nicht bloss um ein paar «faule Äpfel» geht, sondern um eine lange Liste von Namen, die schliesslich ja auch den Kardinal zum Rücktritt veranlassten. Das letzte Wort über den Bostoner Kirchenskandal ist ein Film wie «Spotlight» allerdings nicht. Zu einseitig stehen in ihm die Reporter und der investigative Journalismus im Mittelpunkt und nicht die Missbrauchsopfer, die mehr als Randfiguren fungieren. Sie haben einen eigenen Film verdient. (kna)

 

Szene aus dem Film «Spotlight» | © 2016 Praesens Film AG
23. Februar 2016 | 15:30
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