«Das Wort hat seinen Ort» – oder: Wenn der Prediger sich mit Magenbrot an die Gläubigen wendet
Es gibt fast nichts Langweiligeres als eine langweilige Predigt im Sonntagsgottesdienst. Und doch bemühen sich Seelsorgerinnen und Seelsorger immer wieder, auf kreative Weise Gottes Wort den Gläubigen näher zu bringen. Was eine gute Predigt ausmachen kann, das weiss Franziska Loretan-Saladin. Sie lehrte mehr als 20 Jahre lang Homiletik an der Universität Luzern.
Wolfgang Holz
Wenn das nicht speziell war! Als jüngst in Baar die Chilbi stattfand, ging Diakon Roger Kaiser im Sonntagsgottesdienst der Kirche St. Martin mit dem Mikrofon zwischen den Bänken auf und ab und präsentierte den Gläubigen eine rosarote Magenbrottüte.
«Himmlische Stunden auf der Chilbi»
«Magenbrot war für mich als Bube immer das Liebste an der Chilbi», begann er seinen Zuhörinnen und Zuhörern zu erzählen. Er schilderte ihnen seine Begeisterung für die Chilbi und seine Emotionen. «Die Chilbi war für mich immer der Himmel auf Erden, und ich hoffe, Sie haben persönlich auch schon himmlische Stunden erlebt», richtete er seine Predigtworte an die Gottesdienstgemeinde – bevor er dann zum Evangelium mit den zehn Jungfrauen mit den Öllampen überleitete, die auf den Bräutigam warteten.
«Ich kann jeweils an den Augen ablesen, wie mir die Leute zuhören», erklärt Roger Kaiser gegenüber kath.ch wenige Tage später. Für ihn seien solche freien Predigten nichts Aussergewöhnliches.
Freie Predigt an besonderen Anlässen
Er praktiziere diesen freien Predigtstil bevorzugt an besonderen Anlässen wie Weihnachten. Oder eben an der Baarer Chilbi. «Ich will mich nicht unter Druck setzen und diese Art der Predigt überstrapazieren», räumt der 58-Jährige ein, der schon seit 2006 Diakon ist und seit 2021 in Baar als Seelsorger. «Mein Ziel ist es, stets geschwisterlich bei der Predigt zu reden, so eben, wie man mit den Leuten sprechen würde.»
Magenbrot nach der Messe verteilt
Sein zur Predigt mitgebrachtes Magenbrot verteilte er übrigens nach der Messe brüderlich an Chilbi-Hungrige.
«Eine Predigt sollte nicht nur den Kopf ansprechen, sondern auch das Herz.»
Franziska Loretan-Saladin, emeritierte Dozentin für Homiletik
Kein Zweifel: Eine Predigt ist ein wichtiger Bestandteil der katholischen Eucharistiefeier und kann Kirchgängerinnen und Kirchgängern etwas bieten. Zum Nachdenken anregen, zur persönlichen Erbauung, sie kann ihnen Mut machen. Und sie kann Menschen in ihrem Glauben zu bestärken.
Inspiriert von Literatur, Poetik, Dramaturgie und Journalismus
Das sieht auch Franziska Loretan-Saladin so. Von 1999 bis im Sommer dieses Jahres war sie Lehrbeauftragte für Homiletik an der Theologischen Fakultät an der Universität Luzern und bis 2014 am Seminar Dritter Bildungsweg. Für die Predigtlehre liess sie sich inspirieren von Literatur, Poetik, Dramaturgie und journalistischem Schreiben.
«Eine gute Predigt gibt den Menschen etwas mit», ist die 63-Jährige überzeugt. Eine gute Predigt könne auch emotionale und persönliche Momente enthalten, um Gläubigen den Zugang zu Glaubensfragen und zu Gott zu eröffnen. «Eine Predigt sollte nicht nur den Kopf ansprechen, sondern auch das Herz», findet sie.
Predigt nicht länger als sieben bis zehn Minuten
Wobei eine Predigt gleichzeitig authentisch bleiben und zur predigenden Person passen müsse. «Eine Predigt vom Papier abzulesen, kommt allerdings nicht gut an», stellt sie klar. Auch sollte eine Predigt nicht länger als sieben bis zehn Minuten dauern.
Wenn Franziska Loretan-Saladin die Bedeutung einer Predigt für den Gottesdienst in Prozentzahlen ausdrücken müsste, «würde ich sagen: 40 bis 50 Prozent. Spätestens nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat das Wort seinen zentralen Ort auch im katholischen Gottesdienst.» Will heissen: Die Predigt ist «Teil der liturgischen Handlung» gemäss Liturgiekonstitution Nr. 35 und hat damit mehr Gewicht erhalten.
Moralpredigt ist ein No-Go
Dabei sei freies oder anderes Predigen immer wieder in katholischen Kirchen anzutreffen, um Menschen das Wort Gottes näher zu bringen. In ganz unterschiedlichen Formen: Von der Dialogpredigt bis zum Predigt-Slam.
«Ein absolutes No-Go ist die Moralpredigt», ist sich Loretan-Saladin sicher. Wobei Predigende – Priester, Diakone, Theologen und Theologinnen, Seelsorgende – prinzipiell durchaus auch mal aktuelle lokale Themen und Missstände beziehungsweise politischen Konfliktstoff in der Predigt aufgreifen dürften: «So lange der Prediger seine Äusserungen als seine persönliche Meinung kennzeichnet und dies nicht im Sinne eines überzogenen Amtsverständnisses tut.»
«Es geht im Vergleich zur Zeit der Befreiungstheologie heute schon etwas zahmer zu in der Kirche.»
Franziska Loretan-Saladin
Denn der Seelsorger beziehungsweise die Seelsorgerin agiere ja durch ihre Glaubwürdigkeit als Zeugin der Botschaft Gottes, so Loretan-Saladin. Grundsätzlich gebe es gesellschaftskritische Predigten auch heutzutage immer wieder. «Gott sei Dank! Aber es geht im Vergleich zur Zeit der Befreiungstheologie heute vielleicht etwas zahmer zu in der Predigt.»
Kirchgemeinschaft zwischen 50 und 60 plus
Dass trotz vieler Möglichkeiten zu predigen, heutzutage in den meisten Fällen noch immer klassisch vom Ambo das Wort an die Gläubigen gerichtet wird, hängt laut Loretan-Saladin nicht zuletzt auch damit zusammen, dass die meisten Kirchgängerinnen und Kirchgänger eben in der Altersgruppe zwischen 50 und 60 oder noch älter zu finden seien. Wobei diese auch für Neues zu begeistern sind.
Das weiss auch Baars Pfarrer Anthony Chukwu. Frei zu predigen gehört für ihn längst zur Routine. Dabei hat sein Rundgang mit dem Mikrofon durch die Bänke sogar etwas Tänzerisches – wenn er sich bei Sprechen hin und her bewegt. «Ich praktiziere diesen Stil seit 30 Jahren schon, denn so kenne ich das Predigen aus meiner Heimat Nigeria», sagt er gegenüber kath.ch.
«Es gefällt mir, nahe bei den Menschen zu sein.»
Anthony Chukwu, Pfarrer in Baar
Von vielen Menschen erhalte er die Rückmeldung, dass ihnen dieser Predigtstil gefällt und sie sich angesprochen fühlen. «Ich spreche beim Predigen frei, aber ich beschäftige mich zuvor auch so lange mit dem Thema der Predigt, dass dieses ein Teil von mir wird. Es gefällt mir, nahe bei den Menschen zu sein, und ich empfinde es wohltuend, und die Menschen schätzen es.»
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