Mitglieder der Kommunität in der Kirche des Stadtklosters | © Vera Rüttimann
Ausland
Mitglieder der Kommunität in der Kirche des Stadtklosters | © Vera Rüttimann

Das Stadtkloster-Wunder von Berlin hat seinen Ursprung in der Schweiz

Berlin, 7.8.17 (kath.ch) Vor zehn Jahren zogen zwei Familien der evangelischen Communität Don Camillo aus dem Kanton Neuenburg nach Berlin, um dort das Stadtkloster Segen aufzubauen. Im Prenzlauer Berg ist inzwischen eine neue spirituelle Oase entstanden. Die Schweizer haben in dieser Zeit Erstaunliches geschaffen.

Vera Rüttimann

Auf den Altarstufen im Stadtkloster Segen stehen Menschen, die vor zehn Jahren in ein neues Leben aufbrachen. In kurzen Statements erzählen sie an diesem Sonntag vor versammelten Gästen aus Berlin und der Schweiz, wie sich das anfühlte, als sie vor zehn Jahren mit zwei vollbepackten Sattelschlepper Montmirail in der heutigen Gemeinde La Tène am Jurasüdfuss Richtung Berlin verliessen.

Sie erzählen von starken Bildern, Abschiedsschmerz und Hoffnung. Sie erzählen, wie es war, als sie im Stadtteil Prenzlauer Berg an der vierspurigen Schönhauser-Allee eintrafen. Wie sie staunend vor dem schlanken Kirchturm der Segenskirche standen, der wie eine Zündnadel aus den sanierten Gründerzeithäusern hinaus ragt.

Von Neuenburg nach Berlin

Im Innenhof haben sich an diesem Sonntag neugierige Berliner und zahlreiche Gäste aus der Schweiz versammelt. Sie staunen und ahnen, dass hier jede Ziegelsteinfuge frisch gemörtelt und poliert wurde. Empfangen werden sie von Urs Trösch, der ihnen in einer Führung das aus dem Jahre 1908 stammende Kirchengebäude zeigt. Den Zweiten Weltkrieg überstand das Gebäude nahezu unbeschadet, die Vernachlässigung durch die Verantwortlichen der DDR nagte hingegen an der Bausubstanz.

Kommunitätsmitglied Trösch, verantwortlich für handwerkliche Arbeiten im Kloster, sagt: «Bei unserer Ankunft fanden wir ein stark marodes Gebäude vor.» Wie kamen die Schweizer überhaupt hierher? Der Mittfünfziger erzählt, wie die Gemeinschaft aus Montmirail den Sprung mitten ins Zentrum Berlins wagte: Die evangelische Gemeinde hier war um die Jahrtausendwende bereits stark überaltert, als ihr Pfarrer Gisbert Mangliers sich auf der Suche nach einer Kommunität machte, die diesen Ort mit neuem Leben erfüllen wollte.

Schweizer Kommunität kauft Berliner Kirche

Er gelangte an die Gemeinschaft Don Camillo, die mit über einem Dutzend Familien in Montmirail nahe Neuenburg eine Gütergemeinschaft unterhält. «Wir spielten längst schon mit dem Gedanken, im Ausland eine Dependance zu gründen. Das Projekt kam zur richtigen Zeit und begeisterte uns», sagt Urs Trösch. 2007 kaufte die Kommunität die Berliner Segenskirche. Zwei Schweizer Familien zogen an die Schönhauser-Allee 161 und begannen einen neuen Lebensabschnitt.

Die Gäste folgen Urs Trösch weiter durch das verwinkelte Haus und gelangen zu den Gästezimmern. Acht sind in den vergangen Jahren entstanden, dazu Seminarräume, eine neue Küche und ein Salon zum Verweilen. Die Schweizer werden für ihren Mut bewundert. Georg Schubert, er ist Projektleiter und verantwortlich für die gottesdienstlichen Inhalte, sagt dazu: «Wenn einer mit über 50 bewusst eine gesicherte Existenz in der Schweiz aufgibt, um nach Berlin zu ziehen, ist die Neugier natürlich gross.»

Neue spirituelle Oase in entchristlichter Gegend

Doch die Samen, die hier vor zehn Jahren gesät wurden, tragen Früchte. Die Gäste aus der Schweiz erleben auf der Führung, wie hier nach und nach Leben in das Stadtkloster eingezogen ist. Viele in der Gruppe wollen wissen was ein evangelisches Stadtkloster ist Und: Welche geistigen Elementen bestimmen hier den Alltag?

Urs Trösch spricht von Arbeitseinsätze nach dem Leitmotiv «Ora et Labora» – «Bete und arbeite» – des Heiligen Benedikt, an denen Mitbewohner auf Zeit Arbeiten im Haus verrichten. Immer unterbrochen durch Tageszeitgebeten. Auch sonst trifft sich die Kommunität dreimal Mal pro Tag in der Kirche zum Gebet. «Wir haben von den Benediktinern gelernt, dass es gut tut, immer wieder bewusst mit Gott Zwiesprache zu halten», sagt Trösch dazu.

Darüber nachdenken, was klösterliches Leben ausmacht.

Klangschale und Meditationsbank in der Dachkapelle | © Vera Rüttimann

Die Gäste spüren: An diesem Ort wird viel darüber nachgedacht, was klösterliches Leben ausmacht. «Das Zusammenleben als Lebensgemeinschaft, die Aufteilung der anfallenden Arbeiten und das Leben in einer Gütergemeinschaft», ist für uns zentral wichtig, erfahren sie von Urs Trösch weiter. Hier gebe es jedoch kein Vorsteher, der das Projekt von oben herab leite, sondern eine Gemeinschaft von Familien mit ihren Kindern und Einzelpersonen.

Katholischer DDR-Bürgerrechtler staunt

Unter den Besuchern am Tag der offenen Tür ist auch Wolfgang Thierse. Der ehemalige DDR-Bürgerrechter und vormalige Präsident des deutschen Bundestags wohnt gegenüber vom Stadtkloster. Der bekannte SPD-Politiker und bekennende Katholik staunte, als er von den Plänen der Leute aus Montmirail erfuhr, hier ein evangelisches Stadtkloster zu gründen: «Ein Stadt-Kloster: Was soll das denn sein? Und dies im östlichen Teil Berlins, in der ehemaligen Hauptstadt der DDR, die dank der SED das religionsloseste Terrain weltweit geworden ist.»

Georg Schubert (links) und Wolfgang Thierse | © Vera Rüttimann

Doch auch Thierse staunt, was hier mittlerweile alles angeboten wird. Er steht in der Dachkapelle und blickt auf Meditatiosbänke und Klangschalen. Von Barbara Schubert erfährt er: Es gibt Kurse zu Ehe- und Beziehungsfrage; Meditationskurse und eine Abend-Besinnung jeweils am Sonntagabend zu «Tatort»-Zeit; das «Forum Gott entdecken» und im Winter Filmabende; am Herbst gibt es einen Kurs, an dem sich Interessierte zu geistlichen Begleitern ausbilden lassen können. Xandi Bischof, Mitgründer der Kommunität von Montmirail, sagt: «Entstanden ist hier ein Hybrid. Eine Mischung aus evangelischen und katholischen Lebenswelten.»

Das Stadtkloster hat einen Kontrapunkt geschaffen.

Weiter gelangen die Gäste durch einen schlauchartigen Gang zum Klostergarten. Ein idyllischer Hinterhof, umsäumt von Backsteinhäusern und alten Bäumen. An diesem Tag treffen Anwohner wie Wolfgang Thierse auf Kommunitätsmitglieder aus Montmirail und deren Kinder. Die erfahren hier gerade, was es mit der Fledermaus Fred, einem Kinderkirchenführer, auf sich hat.

Zurück in der Kirche steht das grosse Taizé-Kreuz, das seit dem Besuch von Frère Roger 1986 in Ost-Berlin hier steht, im Fokus. Für Karsten und Ulrike Albrecht, seit März neue Kommunitätsmitglieder, steht es für Stille, die hier einen zentralen Stellenwert habe. Wolfgang Thierse, der einige Momente vor dem Kreuz verharrt, sagt: «Das Stadtkloster Segen hat hier einen Kontrapunkt geschaffen. Einen Ort der Ruhe und des intensiven Nachdenkens in einer Zeit voller Hektik.»

 

Geschichte der Schönhauser-Allee

In der Kirche des Stadtklosters mit Taizé-Kreuz | © Vera Rüttimann
In der Kirche des Stadtklosters mit Taizé-Kreuz | © Vera Rüttimann
10 Jahre Stadtkloster Segen | © Vera Rüttimann
10 Jahre Stadtkloster Segen | © Vera Rüttimann
Meditationsraum im Stadtkloster Berlin | © Vera Rüttimann
Meditationsraum im Stadtkloster Berlin | © Vera Rüttimann
Bruder Jens (Mitte) und Bruder Gustav (rechts) von der Christusträger-Bruderschaft | © Vera Rüttimann
Bruder Jens (Mitte) und Bruder Gustav (rechts) von der Christusträger-Bruderschaft | © Vera Rüttimann

Eine Erfolgsgeschichte

Projektleiter Georg Schubert über die Entwicklung des Konventes: Lange sei er sehr konstant unterwegs gewesen. Im Laufe der Zeit brachen jedoch Konflikte auf. «Wir haben manchen Weg versucht, aber wir haben keinen gangbaren gefunden», erzählt Schubert, und fährt fort: «Nach einem schmerzhaften Prozess haben sich Corinne und Felix Dürr entschieden, hier weg zu ziehen. Das schmerzt anhaltend.»

Er erinnert dabei an den Satz einer Ordensfrau, die der Gruppe aus Montmmirail zu Beginn den Satz «Sei verlässlich präsent. Das ist entscheidend im Osten Deutschlands» mit auf den Weg gab. Ein Satz, der noch heute stete Motivation für die Gestalter im Stadtkloster sei.

Am Sonntagabend ruft um 20.30 Uhr eine helle Glocke zur «AbendbeSINNung» in die Segenskirche. Schubert begrüsst auch an diesem Abend neue Gesichter, die den Kirchraum an der Schönhauser-Allee betreten. Die Berliner mischen sich neugierig unter die anwesenden Gäste aus der Schweiz.

Unter ihnen ist auch Bruder Gustav, Mitglied der Christusträger-Bruderschaft. Der Schweizer hat die Entstehung des Stadtklosters Segen von Beginn an mitverfolgt. Der frühere Primarlehrer aus Zürich staunt und resümiert: «Wir waren nicht sicher, ob das gut ausgeht. Man kann jedoch sagen: Das Stadtkloster Segen ist trotz all den Herausforderungen und Umbrüchen eine Erfolgsgeschichte.» (vr)

News ›
Medienspiegel ›
Katholisches Medienzentrum