Jugendbischof Alain de Raemy | © Pierre Pistoletti
Schweiz
Jugendbischof Alain de Raemy | © Pierre Pistoletti

«Das Nichtwissen über die Kirche ist eine grosse Chance»

Freiburg, 2.4.18 (kath.ch) Jugendbischof Alain de Raemy freut sich über die konstruktive Kritik der Jugendlichen im Schlussdokument zur Jugend-Vorsynode vom 19. bis 25 März in Rom. Diese motiviere und fordere ihn heraus, ihnen im Oktober im Rahmen der Bischofssynode eine Antwort zu geben, sagte er im Interview mit cath.ch.

Bernard Hallet

Motiviert Sie das Schlussdokument im Hinblick auf die Synode im Oktober?

De Raemy: Ja, es motiviert mich und fordert mich gleichzeitig heraus. Denn da wurde viel Arbeit geleistet und es wurden Erwartungen formuliert.  Die Befragung der jungen Menschen geht über die traditionellen thematischen Fragebögen zur Vorbereitung einer Synode hinaus. Ich freue mich ausserdem, dass sich die verschiedenen Ansichten der Jugendlichen alle in diesem Dokument wiederfinden. Ich habe bisher noch keine unzufriedenen Stimmen gehört.

Sind Sie überrascht von den Äusserungen der Jugendlichen über Kirche?

De Raemy: Insgesamt nein. Überrascht haben mich zwei mehrfach geäusserte Anliegen in dem Dokument: Einerseits die Notwendigkeit, eine Verbindung zu einer Gemeinschaft zu haben, sich mit einer Kultur, einer Familie identifizieren zu können, einen Bezugspunkt und ein Zuhause zu haben. Der zweite Punkt, der mich überrascht hat, wie sehr die Rolle der Frau in der Kirche betont wurde.

Wenn ein Jugendlicher Kritik anbringt, erwartet er eine Antwort.

Ist die Kritik ungerechtfertigt?

De Raemy: Nein, gar nicht. Die Jugendlichen haben ein reales Bild der Kirche. Wenn sie einerseits einen sicheren Identifikationsort suchen, so stellen sie andererseits fest, dass die Kirche kein Getto darstellt. Die Kirche soll die Jugendlichen stärken, sodass sie sich überall wohlfühlen.

Medea Sarbach, Schweizer Delegierte an der Jugend-Vorsynode in Rom | © Bernard Hallet

Die Jugendlichen kritisieren die Kirche, gleichzeitig wollen sie, dass die Kirche in ihrem Leben mehr präsent ist. Ist das nicht paradox?

De Raemy: Im Gegenteil. Wenn ein Jugendlicher Kritik anbringt, erwartet er eine Antwort. Das heisst, er hat keine zufriedenstellenden Antworten bekommen oder keine befriedigenden Beispiele gefunden. Er möchte verstehen und etwas ändern. Darin sehe ich ein sehr gutes Zeichen für die Kirche. Es gibt nichts Schlimmeres als «alte» oder abgestumpfte Jugendliche, die alles akzeptieren und einer Bewegung passiv folgen.

Papst Franziskus hatte auch Nichtgläubige und Vertreter anderer Religionen eingeladen.

De Raemy: Das ist eine ausgezeichnete Initiative, auch wenn das einigen unangenehm ist, weil sie finden, es gebe genügend glückliche Katholiken für diese Reflexion, ohne an Atheisten, Andersgläubige und Skeptiker appellieren zu müssen.

Andersgläubige und Skeptiker sind Teil unserer Welt.

Ich finde, dass sie im Gegenteil ein Teil unserer Welt sind. Die beiden Schweizer Jonas und Sandro (Jonas Feldmann als Vertreter der Kirchenfernen, Sandro Bucher als Vertreter der Atheisten, die Red.) waren sehr berührt von der Dynamik, die zwischen jungen Katholiken und anderen entstand. Man kann sagen, dass sie etwas für sie Neues von der Kirche und vom Glauben entdeckt haben.

Jonas Feldmann, Vertreter der kirchenfernen Jugend | © Bernard Hallet

Junge Menschen wollen eine aktive Rolle auf allen Ebenen der Kirche spielen. Wäre es denkbar, bei der Schweizer Bischofskonferenz eine Kommission einzurichten, die junge Katholiken vertritt?

De Raemy: Früher gab es um den Jugendbischof herum einen Jugendrat. Dann wurde es still um ihn, weil nichts Konkretes geschah. Ich habe im Sinn, ihn wieder einzuführen, aber ich möchte das Ende der Synode abwarten. Ein solcher Jugendrat müsste die verschiedenen Jugendbewegungen repräsentieren und mit ihnen im Dialog sein. Ich denke derzeit über eine Struktur nach, die nicht zu schwerfällig ist.

Wir müssen wirklich raus aus dieser inneren Küche.

Die Jugendlichen möchten, dass sie die Kirche näher an ihrem täglichen Leben ist, dass sie ihre Fehler bekennt und dass sie authentischer ist. Sie werfen ihr vor, zu distanziert und verschlossen zu sein. Teilen Sie diese Analyse?

De Raemy: Ja, das ist richtig. Es ärgert mich, in einigen Medien zu sehen, dass sich alles um interne Debatten und Streitigkeiten über die Positionen bestimmter Bischöfe oder über die Befugnisse, die Laien in der Kirche haben oder nicht haben, dreht. Aus dieser inneren Küche, gegen die der Papst ständig ankämpft, müssen wir wirklich raus.

In der Schweiz wagen es manche jungen Menschen nicht, zu ihrem Glauben zu stehen. Wie können diese besser unterstützt werden?

De Raemy: Das bleibt eine Herausforderung. Die Familien müssten diese jungen Menschen unterstützen, und dafür bräuchten sie ihrerseits Unterstützung. Die Familie ist der erste Ort der Weitergabe des Glaubens, der Sakramente und der Vorbereitung auf die Ehe. Eltern sollten junge Menschen nicht nur zu guten Manieren erziehen und Traditionen ohne Erklärungen weitergeben. Sie müssten sie beispielsweise auch mit anderen christlichen Familien in Kontakt bringen, ohne sie jedoch von anderen abzuschotten. Das ist nicht einfach.

Heute wissen die Leute nichts mehr über die Kirche.

Junge Leute wollen eine Kirche, die in den Fussballstadien, in Cafés, auf der Strasse präsent ist. Wie kann das geschehen, wenn die Säkularisierung überall an Bedeutung gewinnt?

De Raemy: Dieses Nichtwissen über die Kirche ist eine aussergewöhnliche Chance. In der Vergangenheit kannten die Menschen die Kirche und kritisierten sie – oder auch nicht – aufgrund von Erfahrungen mit ihr. Heute wissen die Leute nichts mehr über sie. Paradoxerweise führt dies zu einem gewissen «News-Wert» der Kirche. Wir können mit unserer alten christlichen Tradition kommen und durch diese Neuheit überraschen. Das ist unsere grosse Chance!

Verhütung, Abtreibung, Sexualität, Ehe – die katholische Jugend ist bei diesen Themen gespalten.  Dennoch wollen die Jungen, dass die Kirche ihre Position zu diesen Themen laut und deutlich einnimmt. Gleichzeitig werfen sie der Kirche vor, sie sei zu moralisierend. Ist das nicht widersprüchlich?

De Raemy: Das hat mich tatsächlich überrascht. So sehr die Jugendlichen in diesen Themen, die ihr Privatleben betreffen, gespalten sind, so sehr verlangen sie hier dennoch nach Erklärung und Vertiefung. Sie haben den Eindruck, dass es ein Erbe gibt, das schlecht erklärt und schlecht vermittelt wird. (cath.ch/Übersetzung: ns/sys)


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Eröffnung der Vorsynode "Jugend" im Vatikan | © Bernard Hallet
Eröffnung der Vorsynode "Jugend" im Vatikan | © Bernard Hallet
Jugendbischof Alain de Raemy | © Regula Pfeier
Jugendbischof Alain de Raemy | © Regula Pfeier
Arbeitsgruppe an der Jugend-Vorsynode in Rom | © Bernard Hallet
Arbeitsgruppe an der Jugend-Vorsynode in Rom | © Bernard Hallet
Jugendliche an der Jugend-Vorsynode in Rom | © Bernard Hallet
Jugendliche an der Jugend-Vorsynode in Rom | © Bernard Hallet
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