Laphidil Twumasi, eine junge Frau aus Ghana, spricht an der Pressekonferenz zum Abschluss der Vorsynode. | © Jacques Berset
Vatikan
Laphidil Twumasi, eine junge Frau aus Ghana, spricht an der Pressekonferenz zum Abschluss der Vorsynode. | © Jacques Berset

«Wir brauchen euch im Fitnessclub, in Bars und auf Facebook»

Zürich/Rom, 25.3.18 (kath.ch) Alle Augen waren letzte Woche auf Rom gerichtet. Im Mittelpunkt standen ausnahmsweise keine Kardinäle, Bischöfe und Priester. Sondern junge Menschen aus aller Welt. «Jugendliche sind nicht dumm», hatte Papst Franziskus ihnen anfangs Woche gesagt. Das haben sie mit ihrem Schlussdokument bewiesen.

Francesca Trento

«So viele Unterschiede hatten wir nicht», wie eine der drei Vertreterinnen – halb Ghanesin-halb Italienerin an der Pressekonferenz vom Samstag sagt. Denn das Schlussdokument der Jugend-Vorsynode in Rom zeigt eines deutlich: Alle Jugendlichen, egal mit welchen Sorgen und Problemen sie in ihrem Herkunftsland kämpfen und leben müssen, wünschen sich das gleiche: Frieden, Liebe, Gleichberechtigung, Freiheit und Gerechtigkeit.

«Ihr habt uns gefragt, jetzt antworten wir.»

300 junge Leute aus der ganzen Welt leben nicht nur in unterschiedlichen Kulturen, sondern erleben auch verschiedene Probleme. Egal, ob die Anwesenden unter gewissen Umständen leiden oder nicht: Sie wollen, so das Dokument, alle das gleiche bekämpfen: Organisierte Kriminalität, Menschenhandel, Unterdrückung der Frauen oder Umweltverschmutzung.

Junge brauchen Unterstützung der Kirche

Soll die Kirche diese Weltprobleme im Handumdrehen nun lösen? Nein, darum geht es den Jugendlichen nicht. Sie sagen nur eins: Um mit solchen Umständen leben zu können, um nicht von ihnen verschlungen zu werden, brauchen sie Unterstützung. Ihre Finger zeigen auf die Kirche – berechtigt, wie ein paar Jugendliche gegenüber kath.ch und an der Pressekonferenz meinen: «Ihr habt uns gefragt, was wir von euch wollen. Jetzt antworten wir.»

«Wir brauchen Halt.»

Das Wichtigste für die Jugendliche sei, so ein indischer Delegierter an der Pressekonferenz, dass ihre Probleme gehört und ernst genommen werden. «Wir brauchen von der Kirche ein Gefühl der Zugehörigkeit, des Verständnisses für jeden Einzelnen von uns», heisst es im Dokument. «Wir brauchen Gnade, egal ob wir der Kirche fern oder nah sind. Wir brauchen Halt. – Sonst gehen wir unter.»

Ein kurzer Einblick in die heutige Pressekonferenz der #Jugendsynode.Das Dokument ist verfasst!!Gute Arbeit, junge Menschen aus aller Welt! 😍

Posted by kath.ch on Samstag, 24. März 2018

Wie soll die Kirche den jungen Menschen diesen Halt geben? Der dritte Teil des Dokuments spricht dies klar und deutlich aus. Diese Sprache sei nicht beabsichtigt, sagt eine junge Frau mit italienischen und ghanaischen Wurzeln an der Pressekonferenz. Auch Medea Sarbach aus der Schweiz sagt: «Das ist unsere Sprache: Direkt und offen. Ohne Zensur halt.»

Zensur ist von gestern

Zensur gibt es bei den Jungen nicht, wie sich in Gesprächen mit vielen während der Vorsynode herausstellt. Pornografie, Kindsmissbrauch und auch Cyber-Mobbing sind für viele Junge alltägliche Themen. Denn: Die Jugend lebe nicht nur in der realen, physischen Welt. Sondern auch in der virtuellen, in der Social Media-Welt. Sie fühle sich jedoch mit solchen Sorgen von der Kirche alleine gelassen.

Virtuelle Welt

Deshalb wollen sie, dass die Kirche sich intensiver mit der heutigen Technologie – vor allem dem Internet – befasst. Dabei ist ihnen nicht nur Führung bei solchen Themen wichtig, sondern gleichzeitig auch der Schutz vor den Gefahren, die in der virtuellen Welt drohen.

«Wir sind alle Kirche»

«Die Kirche ist nicht nur ein Gebäude – wir sind alle Kirche.» Das sagte Raphael Quintero, Theologiestudent aus Kolumbien, gegenüber kath.ch. Das sei jedoch nicht mehr der Fall. «Die Kirche muss unbedingt wieder zu uns kommen. Zu den Orten, wo wir sind.»

Ab auf die Strasse!

Das will nicht nur Quintero, wie das Dokument zeigt. Im dritten Teil – Pastorale Aktivität – verlangen die Jungen eine Sache von der Kirche: «Kommt auf die Strasse, in die Bars, in Fitnessclubs und auf Facebook.» Dorthin, wo sie sind.

«Wir holen sie für euch ab.»

Die Kirche sei zwar schon oft in Schulen und in Universitäten präsent. «Dort sind wir, die einen Halt im Glauben gefunden und uns auch der Kirche zugehörig fühlen, schon.» Viele der Verfasserinnen und Verfasser des Dokumentes sind dem Glauben nah. Was ist jedoch mit den Übrigen? «Um solche zu erreichen, brauchen wir eine Unterstützung auf der Strasse», so die Jungen im Dokument. «Und wir wären auch selbst bereit, diese Kirchenfernen abzuholen.» Aber dafür brauchen sie Unterstützung – von der Kirche.

«Jugendliche haben keine Antwort.»

Sind kirchenferne junge Menschen denn überhaupt an der Botschaft Jesu interessiert? Ja, sagen die über 300 Jugendlichen nach einer Woche in Rom und die 15›000 weiteren via Social Media. Das Verlangen nach Spiritualität gehe Hand in Hand mit der Frage nach dem Sinn des Lebens. «Fragt man Jugendliche, was der Sinn des Lebens sei, können sie keine Antwort geben.» Nicht etwa, weil es sie nicht interessiert – das tue es sie nämlich. Sondern weil sie die «Verbindung zwischen Leben und Transzendenz verloren haben».

Fatale Skandale

Diese Verbindung in sich selbst aufzubauen und zu verstehen, brauche Führung. Die Kirche habe diese nicht mehr geleistet, kritisiert das Dokument. Immer mehr Jugendliche verlören das Vertrauen in Institutionen und Religionsgemeinschaften. Nicht selten wegen der an die Öffentlichkeit getragenen Skandale.

«Das ist kein Grund, uns alleine zu lassen.»

Davon war die Kirche in den letzten Jahren nicht verschont. Das sei jedoch kein Grund, die Jugendlichen alleine zu lassen, wie die Jungen im Dokument untermauern. Im Gegenteil: «Die Kirche muss zugeben, ebenso verletzlich und fehlbar zu sein wie alle Menschen auch. Das ist kein Grund, sich zu verstecken und uns alleine zu lassen.» Die Kirche müsse deshalb von ihrer Selbstauffassung als blosse Institution wieder wegkommen. Denn: «Kirche sind wir alle.»


Vorsynode der Jugend in Rom verabschiedet Abschlussdokument

Kardinal Lorenzo Baldisseri bei der Präsentation des Abschlussdokuments der Vorsynode | © Jacques Berset
Kardinal Lorenzo Baldisseri bei der Präsentation des Abschlussdokuments der Vorsynode | © Jacques Berset

Wie das Abschlussdokument entstand

15’000 Jugendliche ab 16 Jahren haben auf Social Media kommentiert, gepostet und geliked. Ihre Inputs wurden von einer bestimmten Gruppe der Teilnehmer der Vorsynode täglich gelesen, in die verschiedenen Sprachgruppen – italienisch, englisch, spanisch und französisch – miteingebracht und schliesslich auch im Dokument berücksichtigt.

Die Sprachgruppen bestanden etwa aus 15 Personen, die je aus verschiedenen Ländern und Kontinenten stammten. Ebenso variierte die Religionszugehörigkeit – es gab nicht nur Katholiken, sondern auch Muslime, Juden und Buddhisten. Auch Atheisten oder Katholiken, die sich als kirchenfern oder -kritisch betrachten, waren unter den 300 Jugendlichen zu finden.

Um alle Frage – so genannte #hashtags – in nur einer Woche zu bearbeiten und zu beantworten, wurden drei #hashtags pro Gruppe verteilt. Mitte Woche mussten die einzelnen Sprachgruppen diese drei Fragen in einem Dokument zusammenfassen.

Alle Dokumente der verschiedenen Gruppen wurden dann miteinander verglichen, auf Englisch übersetzt, überarbeitet und dann wieder in die verschiedenen Sprachen zurückübersetzt. Dies hat die Jugendlichen nicht nur Tage, sondern auch Nächte gekostet.

Das Schlussdokument, das am Samstag vorgelegt wurde, ist aufgeteilt in drei Teile. Der erste beschäftigt sich mit dem Thema «Die Herausforderungen und Möglichkeiten der jungen Menschen der ganzen Welt». Der zweite widmet sich dem Thema «Pastoralen Aktivität». Der dritte Teil widmet sich dem Gebiet «Vertrauen und Berufung». (ft)

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