Rita Chen Baumann | © Georges Scherrer
Schweiz
Rita Chen Baumann | © Georges Scherrer

«Da, wo ich bin, ist die Pfarrei»

Luzern, 26.7.18 (kath.ch) Auf dem Weg zur weltberühmten Luzerner Kapellbrücke liegt die Jesuitenkirche. Viele Touristen bleiben dort stehen und bewundern die imposante Fassade. Zu den beiden Türmen hinauf schaut auch eine Gruppe aus China. Rita Chen hat sie angesprochen und sich vorgestellt: Seelsorgerin der katholischen chinesischen Mission in der Schweiz. Dies ist ein Beitrag zur Sommerserie 2018 über die fremdsprachigen Missionen der römisch-katholischen Kirche in der Schweiz.

Georges Scherrer

Man kommt ins Gespräch. Rita Chen versorgt die Touristengruppe mit Informationen über Luzern und über die Jesuitenkirche. Man grüsst sich freundlich und geht wieder auseinander.

    
Rita Chen Baumann | © Georges Scherrer

Diese Begegnung ist typisch für die Arbeit der Taiwanesin, die vor 17 Jahren in die Schweiz gekommen ist, vier  davon aber in Innsbruck verbracht hat. Sie ist tief im katholischen Glauben verwurzelt. In ihrer Heimat studierte sie Theologie und unterrichtete 25 Jahre im «Taiwan Pastoral Institut» Laien, Katecheten, Ordensfrauen und Priester in Religionspädagogik und Erwachsenenbildung.

Fundierte theologische Ausbildung

Nach dieser langen Zeit spürte sie, dass sie sich beruflich weiterbilden sollte, wenn sie diese Arbeit weiterführen möchte. Sie entschloss sich für eine Weiterbildung im deutschsprachigen Raum.

Nach einem einjährigen Sprachstudium in Luzern bildete sie sich an der katholischen Universität Innsbruck während rund vier Jahren in «Kommunikativer Theologie» (KT) und «Religionspädagogik» weiter  und schloss KT mit einem Lizentiat und die Religionspädagogik mit einem Master ab. In der Zwischenzeit hatte sie ihren Mann Peter Baumann kennen gelernt. Sie heirateten 2004.

«Religion ist das Opium des Volkes.»

Migratio, die Fachstelle für Ausländerseelsorge der Schweizer Bischofskonferenz, wurde Ende 2009 auf sie aufmerksam. Der damalige Nationaldirektor Marko Schmid fragte Rita Chen an, ob sie bereit wäre, bei Migratio ein Teilzeitpensum von 20-Prozent in der Chinesenseelsorge zu übernehmen. «Ich habe sofort mit Freude zugesagt, habe aber schon früher freiwillig mit dieser Arbeit angefangen», sagte Rita Chen in ihrer spontanen Offenheit.

Das Gewicht der Vergangenheit

Zur gleichen Zeit beauftragte sie die Missionsgesellschaft Bethlehem in Immensee mit der Fort- und Weiterbildung chinesischer Seminaristen, Priester und Schwestern, die in Europa an verschiedenen Universitäten studierten. Diese Fort- und Weiterbildungskurse beschränken sich aber nicht nur auf die Schweiz, sondern sie finden auch in Singapur, Taiwan und China statt.

In der China-Mission traf Rita Chen viele Chinesen, vor allem junge Frauen, die vielfältige Probleme hatten – Ehe- und Erziehungsprobleme, Anpassungsprobleme, Probleme mit Kultur und Religion. Viele in der Schweiz wohnhaften Chinesen wurden in China während und nach der Kulturrevolution (1965-1976) geboren und wurden vom Regime atheistisch erzogen nach der Marxismusdevise «Religion ist das Opium des Volkes.»

Erste Seelsorgeerfahrungen

China machte in den letzten rund dreissig Jahren gewaltige materielle Fortschritte. Gleichzeitig realisierten sehr viele Menschen, dass  materieller Reichtum die tiefsten Sehnsüchte des Menschen nicht zu stillen vermag.

Dieses seelisch-geistige Vakuum eröffnete vielfach den Weg zur Chinesen-Seelsorgerin, obwohl die wenigsten Christen waren. Sie wollten einfach mit der Seelsorgerin reden, noch bevor sie für Migratio tätig war. «So begann ich meine Seelsorgearbeit.»

«Oft ist es einfach ein Zuhören, Begleiten, Beraten und Beistehen.»

In langen Gesprächsrunden, Meditationsübungen und Bibelrunden fassten viele Chinesen wieder Vertrauen und Boden unter ihren Füssen. Oft sei es einfach ein Zuhören, Begleiten, Beraten und Beistehen aus einer christlichen Grundhaltung heraus, sagt Rita Chen über ihre Arbeit. Bekehrung stehe dabei nicht im Vordergrund. Einführen in das christliche Gedankengut, Empathie und Nächstenliebe bezeichnet die Seelsorgerin als die Grundpfeiler ihrer Mission. Sie freut sich natürlich jedes Mal, wenn eine Chinesin oder ein Chinese zum Glauben findet.

Betreuung in der ganzen Schweiz

Praktizierte Nächstenliebe ohne grosse Erwartungen, sagt heute die energische Frau, sei ihr viel wichtiger als sektiererische Methoden. Sie begleitet die Chinesinnen, hört ihnen zu und hilft ihnen, Lösungen zu finden. «Ich bin selbständig in der Gestaltung meiner Arbeit», ergänzt Rita Chen.

«Wir haben keinen Priester.»

Sie betreut offiziell etwas mehr als siebzig Chinesinnen und Chinesen in der ganzen Schweiz. Diese wohnen in Genf, Basel, Solothurn, St. Gallen, Zürich und noch an anderen Orten. Darum ist Rita Chen viel mit dem Zug unterwegs. Mit einer Tageskarte reist sie durch die Schweiz und organisiert sich solcherart, dass sie auf ihrer Tagesfahrt möglichst vielen Chinesen begegnen kann.

Hausgottesdienst der Chinamission | © zVg
Ein grosses Handicap gibt es in der Seesorgearbeit der Chinesen-Seelsorgerin. In vier Worten bringt sie es auf den Punkt: «Wir haben keinen Priester.» Sie organisiert darum jeweils Wortgottesdienste, Bibelrunden, Katechumenenkurse und anderes mehr in einer Privatwohnung.

Verschiedene Anlaufstellen

Wenn sich eine grössere Gruppe trifft, weicht Rita Chen auf eine Kirche aus. In St. Gallen beispielsweise stellt die Pfarrei St. Fiden der Chinesenseelsorge ihre Kirche für Eucharistiefeiern zur Verfügung. Auch die Kapelle der Missionsgesellschaft Bethlehem in Immensee ist ein fester Standort in der Seelsorgearbeit von Rita Chen.

«Ich kenne die Immensee-Missionare schon von meiner Jugend in Taiwan her. Und ich war von ihrer Missionsarbeit, die ich dort als Mitarbeiterin des Pastoralinstitutes tatkräftig unterstützte, begeistert. Darum ist mir die Kapelle in Immensee besonders wichtig. Dort können wir Gottesdienste feiern und Mahlzeiten einnehmen wie bei uns zuhause», erzählt die Seelsorgerin.

Hin zu den Gläubigen

Gottesdienst der Schweizer Chinamission| © zVg
Früher konnte die China-Mission auch ein Ferienhaus der Ingenbohler Schwestern in Heiligkreuz im Entlebuch für Weiter- und Fortbildungskurse benutzen. Das Ferienhaus ist inzwischen verkauft worden. Die Ingenbohler Schwestern selber bedauern die Schliessung auch sehr.

«Das ist eine Art Ur-Christentum in moderner Zeit.»

In verschiedene Pfarreien, wo die Chinesen ihre Kinder taufen lassen, dürfen sie die Kirche benützen. Das ist etwa der Fall für Untersiggenthal im Aargau, Horn im Thurgau, St. Fiden in St. Gallen und Küssnacht am Rigi. «In der Regel finden die Gottesdienste aber in Privatwohnungen statt. Das ist eine Art Ur-Christentum in moderner Zeit.»

Die Chinesen-Mission ist eine mobile Pfarrei, sagt darum Rita Chen. «Da, wo ich bin, ist die Pfarrei.» In 99 Prozent der Fälle geht sie auf ihre Schäfchen zu und wartet nicht, bis sie zu ihnen kommt.

Eine grosse Sehnsucht nach Werten

Zurück nach Luzern, wo Rita Chen dem Journalisten in einem Restaurant über ihr Leben und ihre Arbeit erzählt. Denn über ein eigenes Büro verfügt sie nicht. Ihre Büroarbeit erledigt sie zu Hause in Küssnacht. Zu ihren Schäfchen zählt sie aktuell siebzig Chinesen, davon sind aber nur gegen dreissig katholisch. Darum sagt sie: «Meine Arbeit ist eine Mischung aus pastoraler Arbeit, Sozialarbeit und Missionsarbeit.»

In der Schweiz leben rund 15’000 «Chinesen». 500 stammen aus Taiwan. Die übrigen aus China, Hongkong, Singapur, Malaysia oder anderen Orten. «Ich betreue einfach jene, die Chinesisch sprechen, unabhängig von ihrer Nationalität», ergänzt Rita Chen und fährt fort: «Sie haben aber eine grosse Sehnsucht nach tragenden Werten und suchen nach dem Lebenssinn.»

«Alle suchen die innere Ruhe, die sie im Schweizer Alltag kaum finden.»

Unter den Chinesen, die sie in der Schweiz kennengelernt hat, gibt es einige Frauen und Männer, die bei der Geburt getauft wurden. Alle übrigen seien atheistisch aufgewachsen und hätten eine Hirnwäsche hinter sich, erklärt die Taiwanesin. Erst über eine grosse geistige Leere hätten sie zum Glauben gefunden. «Es gibt aber immer wieder sehr interessante Gespräche. Diese sind für mich eine grosse Herausforderung, aber auch eine erfüllende Bereicherung.»

Die Kraft der Meditation

Die meisten Chinesen in der Schweiz haben entweder einen buddhistischen oder taoistischen Hintergrund. Dort kann die katholische Seelsorgerin jeweils anknüpfen. Denn sie studierte auch Buddhismus, Taoismus und Hinduismus und hat über zwanzig Jahre Erfahrung in Meditation. «Über die Meditation finden wir zusammen,» sagt Rita Chen. Alle suchten die innere Ruhe, die sie im Schweizer Alltag kaum fänden.

Meditation mit Rita Chen | © zVg
Rita Chen stellt jeweils eine Verbindung  zwischen biblischen Texten und buddhistischem oder taoistischem Gedankengut her. «Ich benütze aber am Anfang dieses geistigen Prozesses und der Auseinandersetzung meistens nicht eine christliche Terminologie, sondern hole den Menschen in seinem kulturellen Hintergrund ab. Auf diese Weise wirkt die christliche Welt bei den Chinesen  vertrauter» – und verschmitzt fügt sie mit Hinweis auf ihre «mobile Pfarrei» bei: «Ich gehe auf sie zu: geographisch und sprachlich.»

Erwachsenentaufe in der Chinamission | © zVg
Erwachsenentaufe in der Chinamission | © zVg
Kindertaufe in der Chinamission | © zVg
Kindertaufe in der Chinamission | © zVg
Eheschliessung in der Chinamission | © zVg
Eheschliessung in der Chinamission | © zVg
Festessen in der Chinamission | © zVg
Festessen in der Chinamission | © zVg
Gedenken an die in China verstorbenen Missionare. | © zVg
Gedenken an die in China verstorbenen Missionare. | © zVg
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