Schweiz

Corona-Bibel: Die 1189 Kapitel sind vergeben

Würden sich 1189 Freiwillige finden lassen, welche die 1189 Kapitel der Bibel von Hand abschreiben wollen? Durchaus, wie die Initianten der St. Galler Corona-Bibel festgestellt haben. Inzwischen gibt es sogar Nachahmerprojekte im Ausland.

Ueli Abt

Bis 10. Juni hatten die Teilnehmenden am Projekt St. Galler Corona-Bibel Zeit, ihren handschriftlichen Beitrag abzuliefern. Er sei zunächst nicht sicher gewesen, ob sich 1189 Freiwillige finden lassen würden, welche die Abschrift eines Bibelkapitels beisteuern würden, sagt der Initiant und Leiter des Projekts, der reformierte Pfarrer Uwe Habenicht. Doch nun sei klar: «Wir konnten alles vergeben.»

Ann-Katrin Gässlein und Uwe Habenicht beim Sichten von Einsendungen.

«Inzwischen melden sich auch solche, die ihr Kapitel bereits eingereicht haben und es nochmals neu schreiben wollen, nachdem sie Abbildungen von anderen Beiträgen in Medienberichten gesehen haben», sagt Ann-Katrin Gässlein von der ebenfalls am Projekt beteiligten St. Galler Citykirche. Ausserdem bekomme sie laufend Hinweise auf weitere Personen aus dem Umfeld der Teilnehmenden, die ebenfalls mitmachen wollen. «Im Moment geht es eher darum, weiteren Freiwilligen abzusagen», so Gässlein.

Stapelweise Couverts

Seit ein paar Wochen treffen täglich Stapel von Couverts aus dem In- und Ausland ein, diese werden aktuell im Domzentrum in der Nähe der St. Galler Kathedrale gesammelt und gemäss der Reihenfolge in der Bibel einsortiert.

Mit dem Bekanntwerden der St. Galler Corona-Bibel durch Medienberichte kamen auch Anfragen aus dem Ausland von Kirchenverantwortlichen, die ein analoges Projekt starten wollten. «In Nebraska in den USA sowie in der Westschweiz und Frankreich gibt es vergleichbare Projekte», so Gässlein. Der Vergleich habe gezeigt, dass das St. Galler Projekt am liberalsten sei, was Vorgaben zu Bibelversionen und Sprachen beträfen. «Nach einigem Hin und Her haben wir uns entschieden, dass es am besten ist, auf Vorgaben weitgehend zu verzichten.»

Inhaltliche Auseinandersetzung mit den Texten

Somit kämen in der St.Galler Corona-Bibel Abschriften von verschiedensten Bibel-Versionen, in mehreren Sprachen, Schriften und Dialekten zusammen.

Habenicht und Gässlein freuen sich denn auch sehr über die Vielfalt und auch die Bereitschaft der Beteiligten, sich eingehend und inhaltlich mit den biblischen Texten auseinanderzusetzen.

Nicht nur handschriftlich, sondern auch illustiert – Beitrag für die St.Galler Corona-Bibel.

Im Rahmen einer Feier, zu welcher alle Teilnehmenden nach St. Gallen eingeladen werden, soll die Corona-Bibel schliesslich der Stiftsbibiliothek übergeben werden. Im Hinblick auf die weiterhin geltenden Einschränkungen bei grösseren Versammlungen ist dieser Anlass derzeit für Frühling 2021 geplant. «Wir wollen das richtig feiern können», so Habenicht.

Derzeit laufen zudem Vorbereitungen, um die ganze Vielfalt an Schriften, Illustrationen und Kommentaren der St. Galler Corona-Bibel im Internet für alle zugänglich zu machen. Laut Habenicht könnte die digitale Version bereits ab Herbst online verfügbar sein.

Beitrag zum Projekt Corona-Bibel | © Screenshot / zVg
11. Juni 2020 | 14:00
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1189 Kapitel aus der Bibel

Die St. Galler Corona-Bibel umfasst die christliche Bibel mit 66 Büchern. Mitr diesen Büchern sind äusserst vielfältige Glaubensschriften gemeint, die ganz unterschiedliche Längen ausweisen. Die heute verwendeten Kapitel wurden allerdings erst im Mittelalter, im 13. Jahhundert durch den Erzbischof von Canterbury, Stephan Langton, eingefügt.

39 Bücher – in der katholischen Zählweise sind es 46 – stammen aus der jüdischen Bibel in hebräischer Sprache und werden im Christentum Altes oder Erstes Testament genannt. Die ersten Inhalte wurden lange Zeit mündlich weitergegeben und ab 900 vor Christus schriftlich festgehalten. Die jüngsten Schriften des Alten Testaments stammen aus dem 2. Jahrhundert vor Christus. 

Der zweite Teil, das Neue Testament, umfasst die 27 Bücher die sich auf Leben und Werk von Jesus und den ersten Christengemeinden beziehen. Dieser Teil der Bibel wurde in griechischer Sprache im Zeitraum zwischen dem Jahr 50 und dem Ende des 2. Jahrhunderts verfasst. 

Die heute in den gedruckten und online verfügbaren Bibeln genutzte zusätzliche Unterteilung der Kapitel in Verse wurde in den Jahren 1551-53 durch den Drucker Robert Estienne hinzugefügt. (ms)