Claudia Kohli: «Ich verstehe mich als Lobbyistin für Seelsorge im Gesundheitswesen»
Mit Claudia Kohli Reichenbach (50) hat die nationale ökumenische Koordinationsstelle «Seelsorge im Gesundheitswesen» ein Gesicht erhalten. Im Interview berichtet die reformierte Theologin über Sinn und Zweck der neuen Stelle, was die Seelsorge im Gesundheitswesen herausfordert und wie sie deren Stimme einbringen möchte.
Barbara Ludwig
Anfang September haben Sie Ihren Posten als nationale Beauftragte für Seelsorge im Gesundheitswesen angetreten. Wie war der Start und wie haben Sie ihn persönlich erlebt?
Claudia Kohli*: Ich habe mich mit dem Steuerungsausschuss zu einer Retraite getroffen, bei der wir erste Themen gesichtet und erste Überlegungen angestellt haben, in welche Richtung sich die Koordinationsstelle inhaltlich ausrichten soll. Im Moment beschäftigen uns zudem Fragen der Art und Weise, wie wir zusammenarbeiten wollen. Für mich war der Start sehr inspirierend, denn ich spüre: Es ist ein grosses Engagement da, viel Energie und Wille, sich den Herausforderungen zu stellen, vor denen die Seelsorge im dynamischen Feld des Gesundheitswesens steht.
«Es ist nicht so, dass die Seelsorge grundsätzlich im Gesundheitswesen akut gefährdet wäre.»
Die Koordinationsstelle soll ja die Präsenz der katholischen und der reformierten Kirche im Gesundheitswesen auf nationaler Ebene sichern. Ist die kirchliche Seelsorge im Gesundheitswesen gefährdet?
Kohli: Mit den Herausforderungen habe ich vor allem auf die grossen Transformationsprozesse im Gesundheitswesen hinweisen wollen. Die Frage beschäftigt uns, wie sich die Seelsorge in diesem Umfeld entschieden einbringen kann. Es ist nicht so, dass die Seelsorge grundsätzlich im Gesundheitswesen akut gefährdet wäre. Sinn und Zweck der neuen Koordinationsstelle ist vielmehr, dass die kirchlichen Perspektiven aktiv und frühzeitig eingebracht werden – etwa in gesundheitspolitische Strategien.
Sie sprechen von Transformationsprozessen im Gesundheitswesen. Können Sie ein Beispiel nennen, das für die Seelsorge relevant ist?
Kohli: Entwicklungen wie Digitalisierung oder die Verschiebung in den ambulanten Bereich betreffen die Seelsorge massgeblich.
«Die Seelsorge ist in ihrer Sprachfähigkeit gefordert.»
Gibt es nebst diesen Prozessen andere Realitäten, die die Spitalseelsorge unter Druck setzen?
Kohli: Die Seelsorge ist auch mit Herausforderungen konfrontiert, die nicht direkt mit den erwähnten Transformationsprozessen zu tun haben. Sie ist in ihrer Sprachfähigkeit gefordert und muss gut kommunizieren, dass sie zum einen zweckfrei ist, also ergebnisoffene Gesprächsräume bietet, gleichzeitig aber ergebnisorientiert und evidenzbasiert arbeitet und so nachweislich zu Verarbeitungsprozessen von Krankheit beitragen kann. Eine weitere Herausforderung ist die Finanzierung der Spitalseelsorge, die allerdings in jedem Kanton anders geregelt ist.
Im Sommer kündigten Sie an, der Seelsorge im Gesundheitswesen eine starke Stimme zu verleihen und sichtbar zu machen, was sie täglich leistet. Verstehen Sie sich als Lobbyistin?
Kohli: Um die Anliegen der Seelsorge in gesundheitspolitische Diskussionen einbringen zu können, muss man für die Seelsorge lobbyieren. Also ja, ich verstehe mich als Lobbyistin. Es geht darum, aktiv unsere Perspektiven einzubringen. Das möchte ich nicht defensiv und primär apologetisch tun, sondern im Sinne einer Kirche, die selbstbewusst dient.
«Das Lobbying gegenüber politischen Akteurinnen und Akteuren wird eine Rolle spielen.»
Wie wollen Sie beim Lobbying vorgehen? Werden Sie auch versuchen, auf Akteure im Gesundheitswesen Einfluss zu nehmen?
Kohli: Einerseits wollen wir uns in Strategien des Bundesamtes für Gesundheit einbringen, zum Beispiel im Rahmen der Nationalen Plattform Demenz, die im Zuge der Demenzstrategie des Bundes geschaffen wurde. Wenn wir in Arbeitsgruppen mitwirken, kann dies nun ökumenisch und auf nationaler Ebene koordiniert geschehen. Geht es um politische Vorstösse, wird andererseits auch das Lobbying gegenüber politischen Akteurinnen und Akteuren eine Rolle spielen.
Welche Akteure haben Sie im Visier?
Kohli: Das ist themenabhängig und im Moment noch offen. Zunächst ist es wichtig, innerkirchlich gemeinsam die Themen zu bestimmen, die man prioritär angehen möchte.
Haben Sie schon eine Vorstellung, welches diese vorrangigen Themen sein könnten?
Kohli: Die Koordinationsstelle hat in einem Konzept bereits gewisse Themen aufgeführt. Etwa mentale Gesundheit, Demenz, Datenschutz, gesundheitliche Vorausplanung und nicht zuletzt die stets wichtige Palliativversorgung. Das alles sind Themen, die zurzeit gesundheitspolitisch diskutiert werden.
«Noch viel zu oft läuft in den Köpfen ein alter Film ab, wenn sie das Wort Spitalseelsorge hören.»
Gibt es eine Hauptbotschaft, die Sie als Lobbyistin vermitteln möchten?
Kohli: Ich will aufzeigen, was Seelsorgerinnen und Seelsorger tagtäglich professionell und auf qualitativ hohem Niveau in vielen Einrichtungen des Gesundheitswesens leisten, indem sie aufmerksam zuhören, da sind, einen Raum schaffen, in dem auch das Scheitern ein Thema sein kann. Noch viel zu oft läuft in den Köpfen ein alter Film ab, wenn sie das Wort Spitalseelsorge hören. Sie denken an einen Priester, der die Letzte Ölung spendet, oder die Seelsorgerin, die ein Gebet spricht.
Was ist daran falsch?
Kohli: Die Krankensalbung und das Gebet sind Rituale. Sie können zu einem wichtigen Teil der seelsorglichen Begleitung werden, diese umfasst aber viel mehr. Seelsorgende bieten psychosoziale Unterstützung, in der sie Bedürfnisse und Nöte der Patientinnen und Patienten wahrnehmen und fragen: Wo hat eine Patientin, ein Patient spirituelle Ressourcen in einem sehr weiten Sinne verstanden, die bei der Bewältigung von Krisen helfen können?
Das geschieht also vor allem in der Begegnung zwischen Seelsorgenden und den Patienten.
Kohli: Es passiert dort, Seelsorgerinnen und Seelsorger begleiten und beraten aber auch Angehörige und Mitarbeitende. Als Seelsorgende haben wir die verschiedenen Ebenen im Blick. Eine Besonderheit der Seelsorge insgesamt ist, dass sie aufsuchend ist, das heisst sie kommt ans Spitalbett oder sucht die psychisch erkrankte Person auf – unabhängig von Konfession und Religion – und schaut, wo ein Gespräch hilfreich sein könnte.
Was steht nach Ihrem Treffen mit dem Steuerungsausschuss auf der Prioritätenliste bei Ihren Aufgaben?
Kohli: Die Vorbereitung der ersten nationalen Seelsorgekonferenz, die im Januar 2026 stattfinden wird. Da treffen sich die Vertreterinnen und Vertreter der Landeskirchen, der Bischofskonferenz und Gäste aus Organisationen, die wesentlich das Feld der Seelsorge im Gesundheitswesen mitprägen. Dazu gehören der Berufsverband Seelsorge im Gesundheitswesen BSG, Fachpersonen aus den Bereichen Wissenschaft, Aus- und Weiterbildung und Gesundheitspolitik. Ich freue mich sehr auf den gemeinsamen Dialog. Die neue Koordinationsstelle dient als Dialogplattform. Das soll im Rahmen dieser ersten nationalen Seelsorgekonferenz spürbar werden.
Was ist das Ziel dieser ersten Seelsorgekonferenz?
Kohli: Gemeinsam zu definieren, welches die dringlichsten Themen sind, die wir angehen wollen – zum Beispiel in der Gesundheitspolitik.
*Claudia Kohli Reichenbach (50) leitet seit September 2025 die nationale ökumenische Koordinationsstelle «Seelsorge im Gesundheitswesen». Das ist eine gemeinsame Einrichtung der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS), der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ) und der Schweizer Bischofskonferenz (SBK). Zudem arbeitet Kohli als reformierte Seelsorgerin in einer Einrichtung der Langzeitpflege. Von 2014 bis 2019 war sie Geschäftsleiterin des Aus- und Weiterbildungsprogramms in Seelsorge und Pastoralpsychologie an der Universität Bern.
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