Claudia Buhlmann
Radiopredigt

Claudia Buhlmann: Ein Lied der Sehnsucht

Für die Radiopredigerin Claudia Buhlmann hat die diesjährige Weihnachtszeit bereits im Frühling begonnen. Was die britische Rockband Led Zeppelin, die «Treppe zum Himmel» und die grossen und kleinen Sehnsüchte des Lebens damit zu tun haben, davon spricht Buhlmann in ihrer Predigt zum 2. Adventssonntag.

Claudia Buhlmann*

Die Weihnachtszeit, liebe Hörerinnen und Hörer, hat für mich am 28. April dieses Jahres angefangen. Ich befand mich im Saal des Kirchgemeindehauses. Es war alles für den Tanzgottesdienst vorbereitet. Der Raum war geschmückt. In seiner Mitte Blumen und die Osterkerze noch frisch und neu, kaum abgebrannt. Auf der Kerze ein Bild aus Wachs. Darauf ein Baum in dessen Stamm ein Mensch in den Himmel wächst. Der Mensch und die Blätter des Baumes sind golden.

«Stairway to Heaven»

Wir hatten noch 20 Minuten Zeit bis zum Gottesdienstbeginn. Ich ordnete meine Notizen, der Sigrist rückte die Stühle im Kreis zurecht, Anita, unsere Tanzleiterin zog sich um und Mike, ihr Mann, nahm die Gitarre in die Hand, um sich einzuspielen. Und dann passierte es. Es dauerte nur rund zehn Sekunden und ich war «hin und weg». Damit hatte ich nicht gerechnet, dass ein paar Töne, mich so umhauen würden. Irgendwie auf eine andere innere Umlaufbahn bringen würden. Es ging nicht nur mir so. Auch unser Sigrist, war ergriffen und während mir die Tränen in die Augen traten, sagte er sinngemäss: «Wenn das Lied an einer Beerdigung in der Kirche gespielt wird, dann ist Feierabend, `Schluss mit lustig` dann sind alle Menschen so bewegt, dass kein Auge trocken bleibt.»

Eine Treppe zum Himmel kaufen

Warum, frage ich mich, übt das Lied der britischen Rockband «Led Zeppelin» auf viele Menschen diese Wirkung aus? «Stairway to Heaven» gehört weltweit zu den meistgespielten Songs und ist eine der berühmtesten Rockballaden der neuen Musikgeschichte. Im Dezember vor 54 Jahren wurde das Lied aufgenommen und seit seiner Veröffentlichung, ist es wie ein Lauffeuer um die ganze Welt gegangen. Am Feuer, so erzählt man sich, soll auch Robert Plant gesessen haben, als er den schwer zu übersetzenden Text, von der Frau, die sich eine Treppe in den Himmel kauft, geschrieben hat.

Wendeltreppe in den Vatikanischen Museen in Rom
Wendeltreppe in den Vatikanischen Museen in Rom

Lieder verhelfen Träumen

Es wurde viel darüber spekuliert, welche Bedeutung der Liedtext hat. Ist er eine Art «Verkündigung der frohen Botschaft», weil manche Textstellen Bibelzitaten ähneln, oder handelt es sich eher um das Gegenteil: Wendet er sich vom Christentum ab? Geht es um spirituelle Entwicklung oder eine enttäuschte Liebe? Ich muss ehrlich sagen, ich habe es nie geschafft, mich mit dem Text tiefer auseinanderzusetzen oder mehr als die erste Strophe mitzusingen. Das erste Mal habe ich diese Strophe mit meiner Freundin Heike gesungen. Sie hatte sich «Stairway to Heaven» auf der Gitarre beigebracht und wir sassen im Zimmer des Studentenwohnheims in unseren selbstgefärbten Kleidern und träumten von der grossen Welt.

Sehnsucht verpackt in 8 Minuten

Wir wollten am liebsten eine Treppe in den Himmel kaufen, eine Treppe, die uns einen Weg zeigen würde, raus aus der Enge unseres von der DDR-Politik geprägten Studiums, raus aus der Enge unserer eigentlich liebevollen Elternhäuser, raus aus der Enttäuschung über die verlorenen ersten Lieben. Wir waren kaum 20 Jahre alt und voller Sehnsucht. Wahrscheinlich, denke ich, hat es dieser Song geschafft, menschliches Sehnen in acht Minuten so zu verpacken, dass es egal ist, ob man ihn in DDR, in der Schweiz oder anderswo gehört hat.

Detail aus der "Himmelsleiter" von Vincent Fournier
Detail aus der "Himmelsleiter" von Vincent Fournier

Eine Reise zurück und vorwärts

Sehnsucht bindet sich nicht an einen Ort auf der Landkarte. Sehnsucht bindet sich auch nicht an ein Lebensalter. Wenn sie uns einmal gefunden hat, verlässt sie uns nicht wirklich wieder. Und wenn doch, kann ein Lied, ein Duft, eine Berührung sie neu aufwecken. Es ist dies Sehnen, dies innere Ziehen und Gezogenwerden, dass nicht nur bei mir, die Tränen fliessen lässt. Wir reisen innerlich zurück und beweinen das Vergangene – das Schöne und das Schwere, wir reisen innerlich voraus und erschauern vor all den vor uns liegenden Möglichkeiten – im Guten wie im Schlechten.

Grosse und kleine Sehnsüchte

Seit ich im April die wenigen Töne «Stairway to Heaven», gehört habe, hat mich das Lied nicht mehr losgelassen. Ich habe es wieder und wieder gehört, altmodisch auf CD oder im Internet. Es ist, als ob es eine Tür in mir aufgestossen hat, die mich meiner eigenen Sehnsucht wieder nähergebracht hat. Ich bin, wie viele Menschen ganz gut darin, über allen Pflichten und Verantwortungen meine Sehnsucht zu vergessen. Ich bin, wie viele Menschen, ganz gut darin, meine grosse Sehnsucht in die Erfüllung von vielen kleinen Sehn-Süchten aufzuteilen: hier ein Stück Schokolade, da ein neues Kleid, eine Serie auf dem Handy oder was es auch sein mag. Das fühlt sich gut an, aber ich merke, dass sich die grosse Sehnsucht damit allein nicht stillen lässt.

Sehnsucht nach Weite
Sehnsucht nach Weite

Weihnachten – das Fest der Sehnsucht

Die Treppe in den Himmel lässt sich eben nicht mit Gold kaufen. Die Himmelstür nicht mit dem menschlichen Willen und Wollen aufschliessen. Am 28. April hat für mich Weihnachten angefangen. Weihnachten – das Fest der Sehnsucht.  Die Weihnachtsgeschichte, die Geschichte vom Neugeboren-Werden berührt und bewegt Menschen jedes Jahr neu.

Empfänglich sein für Wort und Lied

Wer wünscht sich nicht, dass sein oder ihr Leben unter einem guten Stern steht, dass wir trotz aller Sorgen und Kümmernisse nach grossen und kleinen Fluchten einen «Ort in der Herberge» finden. Wenn wir unbewusst diesen Wünschen hinterherlaufen, können wir uns verirren. Wir werden empfänglich für Worte und Lieder, die uns persönliche und politische Lösungen anbieten, die die Welt und die Menschen verachten.

Die Suche in Geschenken verpackt

Privat geben wir uns viel Mühe und verpacken die Suche nach Liebe und Beschütztsein in kleine oder grössere Geschenke. Wenn es gut geht, machen die Geschenke Freude und erzählen davon, dass wir geliebt und gesehen werden. Wenn wir Pech haben, sitzen wir an Weihnachten traurig zwischen Bergen von Geschenkpapier und sind genervt von uns und dem «Familienschlauch».  

Weihnachtsgeschenke.
Weihnachtsgeschenke.

Weihnachten verbindet

Die Weihnachtsgeschichte ist eine Verbindungsgeschichte. Sie verbindet Himmel und Erde. Sie verbindet Menschen. Unter dem leuchtenden Stern am Himmel hören wir den ersten Schrei eines bedürftigen Menschenkindes. Weihnachten ist für mich: ein Kind im Schoss der Eltern, das genährt und beschützt werden will. Das ist eine Sehnsucht, die Menschen auf der ganzen Welt kennen und teilen. Die, die zu wenig haben, um überhaupt an Feiern oder Geschenkemachen zu denken, spüren sie anders, als Menschen, die im materiellen Überfluss leben.

Ins Eigene wachsen

Ich erkenne mich selbst in diesem Kind wieder und fühle, dass meine grosse Sehnsucht sich nicht mit Gold und Glitzer erfüllen lässt, sondern in der Erfahrung, dass ich geborgen und beschützt in einer Gemeinschaft ins Eigene wachsen kann. Ich erkenne mich auch in den Eltern wieder, deren Freude und tiefer Wunsch es ist, das Kind zu nähren, zu schützen und aufwachsen zu sehen. Dass diese tiefen, einfachen Wünsche alles andere als selbstverständlich zu erfüllen sind, sehen wir jeden Tag und haben es bestimmt schon selbst erfahren.

«Stairway to Haven» – das Auf und Ab des Lebens

Im Lied «Stairway to Heaven» klingt das Auf und Ab des Lebens, mit dem berühmten Gitarrensolo, von dem sie gerade ein paar Takte gehört haben, rockig, wild und manchmal schrill.

So geht es im Leben und an Weihnachten auch zu und her. Jede Lebensreise kennt Höhen und Tiefen. Jeder Mensch kennt Freude und Verzweiflung. Ich wünsche Ihnen auf Ihren Wegen: Klänge, die sie bewegen – lassen Sie Leib und Seele tanzen. Ich wünsche Ihnen Sanftheit: seien Sie gut zu sich und anderen. Ich wünsche Ihnen Kraft, auch wenn es mal schrill und schräg wird. Geben sie nicht auf, wieder die Balance zu finden. Mögen unsere Tränen und unser Lachen, unsere Sehnsucht nach himmlischer und irdischer Verbundenheit gesegnet sein, heute am 2. Advent und immer.

Amen.

*Claudia Buhlmann ist evangelisch-reformierte Pfarrerin und arbeitet in Münchenbuchsee-Moosseedorf.

Die SRF-Radiopredigten sind eine Koproduktion des Katholischen Medienzentrums, der Reformierten Medien und SRF2 Kultur.

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Claudia Buhlmann | © SRF/Gian Vaitl
8. Dezember 2024 | 11:03
Lesezeit : ca. 5  Min.
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