Chrisammesse in Chur – Mit heiligen Ölen gegen die Nöte der Welt
Anlässlich der Chrisammesse sind am Montag in der Kathedrale Chur die drei heiligen Öle geweiht worden. In seiner Predigt kritisierte der Churer Bischof Joseph Maria Bonnemain Kriegstreiberei und Wettrüsten. Diese Gelder sollten besser den Hungernden zugutekommen.
Sabine Zgraggen
Ein paar Schneeflocken tanzten am Montagmorgen vor der Kathedrale in Chur noch durch die Luft. Kalt und trüb war das Wetter im sonst sonnenverwöhnten Bündnerland. Aus allen Regionen des Bistums Chur waren Seelsorgende angereist. Männer und Frauen, mit liturgischen Gewändern über dem Arm, traten ins bischöfliche Schloss ein.
Zwiespältige Gefühle
Im Rittersaal – unter den Porträts früherer Bischöfe – war alles sorgfältig vorbereitet: Kleiderstangen, Ersatz-Gewänder, Stolen und viel Platz für die angemeldeten 160 Priester, Diakone, Seelsorger, darunter – noch immer ein ungewohnter Anblick – 16 Seelsorgerinnen. Für viele ein freundschaftliches «Hallo!» und Wiedersehen.
Seit vier Jahren, auf expliziten Wunsch des Bischofs, sind auch nichtgeweihte Seelsorgende eingeladen. Das hat zwiespältige Gefühle ausgelöst: «Ist das nur Alibi, obwohl sich sonst nichts tut?», so hörte man raunen, oder: «Macht das liturgisch überhaupt Sinn anwesend zu sein, wenn man die Öle hinterher nicht zu den Menschen bringen darf?».
Dicht gefüllte Bänke
Als Bonnemain um Viertel nach zehn dazu trat, begrüsste er die Anwesenden einzeln, schüttelte Hände, erkannte die Gesichter. Diese persönliche Zuwendung war mehr als Höflichkeit – sie setzte einen Ton für den ganzen Tag.
Die Seelsorgerinnen eröffneten den Zug: Paarweise voran, gefolgt von Seelsorgenden, Diakonen und der grossen Zahl an Priestern. In der Kathedrale sollten die Frauen vorne links direkt beim Altar Platz nehmen. Rechts versammelte sich das Domkapitel, in den ersten Reihen die ständigen Diakone, dahinter die dicht gefüllten Bänke mit Priestern aus dem ganzen Bistum. Im hinteren Teil der Kathedrale fanden sich weitere Gäste, unter anderem war der Synodalrat der Zürcher Landeskirche angereist.
Die Berufung leben
Die Feier selbst spiegelte die sprachliche und kulturelle Vielfalt der Kirche: Die erste Lesung auf Rätoromanisch, die zweite auf Italienisch, die Kantorin stimmte mit Psalmen ein, das Evangelium wurde durch einen Diakon verkündet. Mehrstimmigkeit ist offensichtlich erwünscht. So wurde Weltkirche spürbar.
In seiner Predigt wurde der Bischof persönlich und deutlich. Milliarden an Geldern würden heute ohne Zögern für neue Kriege und Kriegsmaterial bereitgestellt, während gleichzeitig nicht genügend Mittel vorhanden seien, um Menschen vor Hunger zu bewahren. Ein Skandal.
Doch er blieb nicht auf der Ebene globaler Politik. Er führte die Gedanken in die konkrete Wirklichkeit menschlichen Leids, erinnerte an jüngste tragische Ereignisse in Kerzers und fragte nach den gebrochenen Herzen in der Gesellschaft. Und wie dringend sei es, dass Menschen einander wahrnehmen, begleiten, Wunden heilen helfen.
Auffallend war, dass er sich selbst in der direkten Ansprache zu seinen Priestern und Seelsorgenden nicht ausnahm. Er sprach von eigener Müdigkeit, von Überlastung, von Verletzlichkeit – Erfahrungen, die viele Seelsorgende teilen. Und dennoch bleibe der Auftrag, die eigene Berufung zu leben und das Evangelium glaubwürdig zu verkünden. Keine Zeit für den Luxus, sich nur um sich selbst zu drehen und Empfindlichkeiten zu pflegen.
Ein kurzer Moment des Schmunzelns ging durch die Kathedrale, als er sagte, er könne nicht anders, als etwas länger und leidenschaftlich seinem Herzen Platz zu machen.
Einheit in der Vielfalt
Die dichtesten Momente der Feier lagen in der Segnung der heiligen Öle: des Katechumenenöls, des Krankenöls und in besonderer Weise des Chrisams. Wenn der Bischof das Gefäss des neuen Chrisams öffnet und seinen Atem darüber haucht, wird ein uraltes Zeichen lebendig – der Geist Gottes, der einst die Jünger berufen hat, die apostolische Sukzession, geht über das Amt weiter. Gleichzeitig betonte der den diakonischen Dienst aller Getauften.
Atmosphärisch trat bereits während der Feier die Sonne durch die dunkle Kathedrale. Als im Anschluss alle herauszogen, war die Welt ein wenig freundlicher und auch der Bischof lächelte gelöster.
Die Chrisammesse in Chur bleibt ihrer Tradition verpflichtet. Und doch zeigt sich in ihr eine behutsame Entwicklung: mehr Sichtbarkeit, mehr gemeinsame Verantwortung, mehr gelebte Vielfalt. Kein Bruch – aber ein ernsthafter Versuch, Einheit in der Vielfalt zu gestalten.
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