Weihbischof Josef Stübi
Schweiz

Josef Stübi: «Der Tag ist nun da – die Pensionierung noch nicht»

Der Basler Weihbischof Josef Stübi wird heute 65 Jahre alt. Das «Ankommen» als Weihbischof war für Stübi eine Herausforderung. Wie er es schaffte, ins indische Parlament zu kommen, warum er das Oktoberfest nicht mag und was er sich für die Zukunft der Kirche erhofft, verrät er im grossen Interview.

Jacqueline Straub

Alles Gute zum Geburtstag. Sie werden heute 65 Jahre alt. Wie blicken Sie auf den Tag?

Josef Stübi*: Im Gymnasium in Immensee haben wir uns einmal darüber unterhalten, wann wir pensioniert werden. Ich am 26. März 2026. Der Tag ist nun da – die Pensionierung noch nicht.

Ihre Schulkollegen und Schulkolleginnen gehen in diesem Jahr in Pension. Sie haben noch einige Jahre im Berufsleben vor sich. Was macht das mit Ihnen?

Stübi: Damit habe ich überhaupt keine Probleme. Kürzlich hatte unser Jahrgang eine Klassenzusammenkunft der Bezirksschule. Manche der damaligen Mitschülerinnen und Mitschüler sind schon in Pension oder stehen in diesem Jahr davor. Ich gönne es allen, welche aus dem Arbeitsprozess aussteigen und mehr persönliche Freiheit geniessen können. Ich hoffe bloss, dass es ihnen nicht langweilig wird (schmunzelt).

Afrikanische Wallfahrt mit Weihbischof Josef Stübi
Afrikanische Wallfahrt mit Weihbischof Josef Stübi

Seit fast drei Jahren sind Sie Weihbischof des Bistums Basel. Was ist Ihnen am intensivsten im Gedächtnis geblieben?

Stübi: Spontan kommt mir dabei der Gottesdienst anlässlich der Afrikanischen Wallfahrt im Herbst 2024 in Einsiedeln in den Sinn. Das war ein Erlebnis! Es wurde gebetet, gesungen, getanzt und musiziert mit Trommeln und Rasseln. Sie kamen aus verschiedenen afrikanischen Ländern und verstanden sich sprachlich teilweise nicht. Was aber alle verband, war der Glaube und die Gemeinschaft zur katholischen Kirche – und die Feier der Eucharistie.

Weihbischof Josef Stübi mit seinem neuen Bischofsstab
Weihbischof Josef Stübi mit seinem neuen Bischofsstab

Welche Herausforderungen haben Sie in den vergangenen drei Jahren gemeistert?

Stübi: Das Ankommen am neuen Ort, das Ankommen und sich Einfinden in einer für mich schon recht neuen Welt, verbunden mit neuen Funktionen und neuen Aufgaben als Weihbischof. Bei allem, was dies mit sich brachte, war es anfänglich ein vorsichtiges Sich-Einfinden.

Fiel es Ihnen leicht, Ja zu sagen zu dieser doch grossen Entscheidung, Bischof zu werden?

Stübi: Nein, das war nicht einfach. Es war ein Ringen mit Gott und mit der Frage nach dessen Willen. Geholfen hat mir mein Vertrauen auf ihn, aber auch das begleitende Gebet von jenen wenigen, die wussten, dass ich angefragt wurde, Weihbischof zu werden. Ich bin dankbar, dass ich sowohl vor der Bischofsweihe als auch heute noch kluge Menschen an meiner Seite habe, mit denen ich mich austauschen und beraten kann.

«Ich hoffe sehr auf einen guten Weg für unsere Kirche in die Zukunft.»

Mit 75 Jahren muss ein Bischof seinen Rücktritt beim Papst einreichen. Was für Pläne und Ideen haben Sie bis dahin als Weihbischof?

Stübi: Ich möchte meinen Dienst als Weihbischof in unserem Bistum so lange und so gut wie möglich erfüllen. Ob das bis zum 75. Geburtstag gehen wird, wird sich zeigen. Ich hoffe sehr auf einen guten Weg für unsere Kirche in die Zukunft. Ich setze dabei auf ein synodales Vorwärtsgehen, gemeinsam und im Hören aufeinander – auch in den spannungsgeladenen Fragen der Zulassung zu den Weiheämtern.

Frau im liturgischen Gewand.
Frau im liturgischen Gewand.

Könnten Sie sich verheiratete Priester und Priesterinnen in der römisch-katholischen Kirche vorstellen?

Stübi: Definitiv. Es wäre sogar wünschenswert. Aber es gibt auch noch weitere anstehende Themenkomplexe der Kirche.

Welche?

Stübi: Etwa Dezentralisierung, die Frage der Machtverteilung und damit verbunden die Übertragung von Kompetenzen – und dies auf allen Ebenen, auch in den Pfarreien. Auch hier sehe ich eine Chance im synodalen Prozess, der gemeinsames Vorangehen anregt. Das heisst, im gegenseitigen Aufeinanderhören, Austauschen und Wegesuchen. Und so zu erahnen, zu erspüren und zu erkennen, wohin Gottes Geist führen will. Das ist eine neue, für viele natürlich noch ungewohnte Form der Entscheidungsfindung. Ich weiss, das ist ein nicht leichter Prozess. Ich weiss auch, dass manche diesbezüglich eine andere Meinung vertreten. Und gerade aufgrund dieser Tatsache ist es wichtig, miteinander und aufeinander hörend, gemeinsam zu gehen. Als eine diesbezügliche besondere Herausforderung sehe ich hier bei uns «Synodalität im dualen System».

«So wesentlich hat sich meine Haltung im Glauben nicht verändert.»

Wie blicken Sie auf Ihren Glauben der letzten 65 Jahre zurück? Und wie hat dieser sich verändert?

Stübi: Ich bin ganz selbstverständlich in den Glauben an «De Liebgott» hineingewachsen. Das Gebet gehörte in unserer Familie dazu. Aber schon sehr bald habe ich auch «alleine» gebetet. Jesus war oder wurde für mich schon in der Primarschulzeit ein Begleiter. Ich weiss noch genau, wann und wo und bei welcher Arbeit mir der Gedanke kam, dass, wenn Jesus ein Kind war, er damals einmal genauso alt war, wie ich jetzt bin. Also hat er wohl auch gleiche oder ähnliche Fragen und Probleme gehabt wie ich jetzt. Ich möchte sagen, dass wohl damals meine persönliche Beziehung zu Jesus in eine neue Phase trat, mein persönlicher Weg mit ihm neu begann.

Das Alter von 65 Jahren hat Jesus leider nicht erlebt.

Stübi: Dennoch, ich bin überzeugt, dass Jesus mir nahe ist und weiss, wie es mir geht. Grundlegend für diese Haltung ist für mich hauptsächlich der letzte Vers des Matthäusevangeliums, wo Jesus sagt: «Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt». Das nehme ich persönlich. Deshalb kann ich ihm alles sagen und mit ihm über alles reden. So wesentlich hat sich meine Haltung im Glauben nicht verändert. Auch heute gehe ich in der Hoffnung und damit in der Haltung, nie alleine gehen zu müssen. Die Fragen, die Herausforderungen, die Anliegen des Tages nicht alleine angehen zu müssen. Der Entschluss für mein bischöfliches Leitwort «Hoffnung leben» hat vielleicht seinen Ursprung bereits in meiner Kinder- und Jugendzeit.

Theologische Bücher
Theologische Bücher

Wurde Ihr Glaube nie erschüttert?

Stübi: Schon im Gymnasium in Immensee aber dann auch später im Theologiestudium wurde mein Kinderglaube herausgefordert. Aber er wurde dadurch entfaltet, biblisch-theologisch verortet, vertieft und ganz wesentlich gestärkt.

Welche theologischen Standpunkte haben Sie geändert?

Stübi: Ich beschäftigte mich noch immer gerne mit der Theologie und theologischer Literatur. So richtig spannend wird Theologie für mich aber auf dem Hintergrund des Alltags – konkret des Alltags eines Seelsorgers, wie ich es 30 Jahre lang war. Für mich und mein theologisches Denken neu prägend und motivierend wurde diesbezüglich ein Semester an der Theologischen Fakultät in München. Nach zehn Jahren Pfarreiarbeit in Hochdorf, durfte ich für ein Semester wieder an die dortige Uni. Ich habe so viele Vorlesungen besucht, wie ich nur konnte. Und habe alles in mich aufgesogen. Denn: Ich hatte immer lebendige Beispiele im Kopf und im Herzen. Theologie war und wurde verankert im Leben, im Begleiten von und im Gehen mit Menschen.

Vatikan und Petersdom von weitem.
Vatikan und Petersdom von weitem.

Wie kam es, dass Sie mit knapp 40 Jahren nochmals an die Uni sind?

Stübi: Ich hatte die Möglichkeit, ein Sabbatical zu machen. In der Zeit war ich auch einen ganzen Monat in Rom und war von morgens bis abends in der Ewigen Stadt unterwegs – und habe sie so kennengelernt.

Ich kenne niemanden, der sich in seinem Sabbatical dazu entschieden hat, die Unibank zu drücken.

Stübi: Ich hatte Freude, wieder zu studieren. Wieder mal für längere Zeit in München zu sein, wo ich vor Jahren meine Auslandsemester verbrachte. Für mich war es die richtige Entscheidung.

Die Frauenkirche in München.
Die Frauenkirche in München.

Wie haben Sie die Zeit in München erlebt?

Stübi: Es war eine wunderbare Zeit. Ich war natürlich auch im Münchner Hofbräuhaus. Dort hat es mir aber nicht gefallen – ebenso wenig auf dem Oktoberfest. Wenn Freunde aus der Schweiz hinwollten, habe ich sie hingeführt – aber dann in einem schönen Biergarten gewartet, bis sie wieder kamen.

Warum?

Stübi: Die Atmosphäre und vor allem die vielen betrunkenen Menschen haben mir wenig zugesagt. Ich war lieber im modernen Antiquariat und habe mir dort günstige Bücher gekauft, habe Museen, Aufführungen im Staatstheater am Gärtnerplatz oder in der Staatsoper besucht.

«Ein indischer Priesterstudent hat mir den Blick zur Welt geöffnet.»

Was bedeutet Theologie für Sie?

Stübi: Theologie – auch theologische Wissenschaft – ist für mich nicht l’art pour l’art. Sie steht im Dienste der Frohen Botschaft und damit im Dienst der auch im Glauben suchenden und den Glauben lebenden und feiernden Menschen.

Josef Stübi bei einer Erstkommunion in Guatemala.
Josef Stübi bei einer Erstkommunion in Guatemala.

Wie erleben Sie die weltkirchliche Dimension?

Stübi: Ich erlebe eine Vielfalt theologischen Denkens. Das habe ich schon als Gymnasiast gespürt, vor allem durch Begegnungen und Gespräche mit Immenseer-Missionaren aus aller Welt – vornehmlich aus Afrika, Südafrika und dem Fernen Osten. Aber auch durch Reisen habe ich die unterschiedlichen Kulturen und Traditionen innerhalb unserer Kirche kennengelernt. Etwa durch einen indischen Priesterstudenten, der sechs Jahre mit mir im Pfarrhaus Hochdorf lebte, kam ich mit der Kirche in Indien in Berührung, was dann auch zu mehreren Besuchen führte. Er hat mir den Blick zur Welt geöffnet. Durch seine Kontakte konnte ich sogar ins indische Parlament in Neu-Delhi gehen – und mit Erlaubnis des dortigen Sicherheitschefs Fotos machen, was eigentlich verboten ist. Ich war in Zimbabwe, auf Taiwan und der indonesischen Insel Flores, in Guatemala und in Skandinavien. Die meisten dieser Reisen hatten auch einen diakonischen Aspekt. Zum Beispiel wurden in Indien zwei Schulhäuser fertig gebaut, auf Flores eine Handwerkerschule eingerichtet, in Zimbabwe ein neues Kloster elektrifiziert und dies hauptsächlich durch meine Möglichkeiten als Pfarrer. Weltkirche erlebte ich eindrücklich auch in Rom, anlässlich der Einführungswoche der neuen Bischöfe im Herbst 2023. Wir waren 230 und buchstäblich von rund um den Erdball.

«Gerne würde ich besser Französisch sprechen können.»

Was würden Sie Ihrem früheren Ich vor Eintritt ins Priesterseminar raten?

Stübi: Ich freue mich, dass Du diesen Weg gehst. Gehe ihn auch heute hoffnungsvoll und zuversichtlich – so wie damals. Mach vielleicht das eine oder andere sinnvollerweise ein wenig anders. Halte dir dein Ziel vor Augen. Freue dich auf das, was kommt. Und vergiss nicht: Du bist nie allein!

Gibt es etwas, was Sie bereuen?

Stübi: Dass ich das Lernen von Sprachen nicht intensiver gepflegt habe. Gerne würde ich besser Französisch sprechen können.

*Josef Stübi (65) ist Weihbischof des Bistums Basel.

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Weihbischof Josef Stübi | © zvg
26. März 2026 | 05:00
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