Bundesrats-Kandidat Daniel Jositsch: Papst Franziskus soll in der Ukraine-Frage mutiger sein
Daniel Jositsch (57) will SP-Bundesrat werden. «Ob ich jetzt einen katholischen, reformierten oder muslimischen Gottesdienst besuche, spielt für mich keine Rolle», sagt Jositsch. Die Ablehnung der Konzernverantwortungsinitiative sieht er als «historischen Fehler». Von Papst Franziskus ist er fasziniert. Überhaupt mag er Jesuiten.
Sarah Stutte
Warum haben Sie sich für eine Bundesratskandidatur entschieden?
Daniel Jositsch*: Das ist ein spannendes und herausforderndes Amt und ich würde diese Herausforderung gerne annehmen.
Was bedeutet Ihnen als Politiker Religion?
Jositsch: Sie spielt für mich als Mensch eine Rolle und ist auch in einem politischen System eminent wichtig. Die Religion ist das ethische Fundament, auf dem unsere Gesellschaft steht. Sie ist eine Orientierungshilfe, ein moralischer Kompass.
«Das Judentum ist Teil meiner Familie und damit verbinde ich Kindheitserinnerungen.»
Wie steht es um Ihre persönliche Beziehung zum Judentum?
Jositsch: Ich finde alle Glaubensrichtungen ausserordentlich symphatisch, sofern diese nicht fanatisch ausgelebt werden. Nach meinem Dafürhalten sind Religionen verschiedene Formen von Bekenntnissen zu Gott, die sich im Kern nicht unterscheiden. Das Judentum ist sicher Teil meiner Familie und damit verbinde ich Kindheitserinnerungen. Ich bin aber auch mit dem Christentum verbunden, denn das hat mich genauso geprägt. Ob ich jetzt einen katholischen, reformierten oder muslimischen Gottesdienst besuche, spielt für mich keine Rolle.
Sie feiern also nicht explizit jüdische Festtage wie Jom Kippur?
Jositsch: Nein. Ich feiere gerne verschiedene religiöse Festtage. Die Familie der Mutter meines Sohnes ist reformiert und Weihnachten ist deshalb ebenso wichtig. Ich unterscheide nicht, ich bin da offen.
«Wichtig sind Aufklärung und die Arbeit in den Schulen.»
Wie antisemitisch nehmen Sie die Schweiz wahr?
Jositsch: Antisemitismus und Rassismus sind latent vorhandene Gefahren und haben sich meiner Meinung nach mit den Möglichkeiten zugespitzt, die das Internet bietet. Das ist mir ein wichtiges Anliegen. Ich finde es aber wenig sinnvoll, diese Problematik nur mit strafrechtlichen Mitteln anzugehen. Im Extremfall ist das sicher gut. Genauso wichtig sind aber die Aufklärung und die Arbeit in den Schulen.
Ist das eine religionspolitische Baustelle, die aus ihrer Sicht angegangen werden muss?
Jositsch: Ja. Es wurde zwar bereits einiges gemacht, insbesondere was den Schutz von Minderheiten und ihren Institutionen angeht. Das Bundesamt für Justiz hat diesbezüglich Massnahmen ergriffen, auch der Rassendiskriminierungstatbestand wird erweitert. Doch wie gesagt: Rassismus und Vorurteile lassen sich nicht mit Gesetzen bekämpfen. Ein Umdenken findet nur im Gespräch statt und in der Bildung.
Sollte der Islam öffentlich-rechtlich anerkannt werden – und wenn ja: wie?
Jositsch: Dagegen habe ich nichts. Es müssen einfach gewisse Voraussetzungen rechtlicher Natur erfüllt sein und es muss klar sein, dass gewisse Standards eingehalten werden in Bezug auf die Transparenz.
«Es ist sinnlos, sich fundamental gegen Dinge zu stemmen, die technisch möglich sind.»
Nach der «Ehe für alle»: Was steht als Nächstes an? Wie weit sollten Samenspende und Leihmutterschaft gehen?
Jositsch: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es sinnlos ist, sich fundamental gegen Dinge zu stemmen, die technisch möglich sind. Andernfalls finden diese nur unter anderen Umständen statt. Deshalb ist es immer besser, vernünftige Regelungen zu schaffen.
Finden Sie, Karin Keller-Sutter hat den Gegenvorschlag zur Konzernverantwortungsinitiative genügend umgesetzt? Oder verstehen Sie die Kritik an ihr?
Jositsch: Ja, die verstehe ich. Sie hat dort zu wenig gemacht. Ich glaube mit der Ablehnung der Konzernverantwortungsinitiative, die ganz knapp gescheitert ist, wurde ein historischer Fehler begangen. Schaut man sich die Entwicklung in Europa an, bilden wir nun in dieser Thematik das Schlusslicht.
Wie bewerten Sie die Einmal-drüber-schlafen-Initiative zweier SVP-Frauen für mehr Bedenkzeit vor jeder Abtreibung?
Jositsch: Abtreibung ist ein Thema, das individuell entschieden werden muss. Ich denke nicht, dass das vorschnell gemacht wird. Das heutige Recht ist deshalb richtig.
Was halten Sie von Papst Franziskus?
Jositsch: Er ist eine sehr spannende und positive Figur. Da ich eine enge Beziehung zu Lateinamerika pflege, freut es mich natürlich, dass ein Lateinamerikaner Papst ist. Ich finde seine jesuitische Herkunft interessant, weil ich die Jesuiten immer faszinierend fand. In Lateinamerika hatte ich häufig Kontakt mit ihnen.
Vielleicht haben sich manche zu viel von ihm erhofft, was den Reformprozess der katholischen Kirche betrifft. Doch das ist eine sehr starke Institution und ein Mensch allein kann nicht alles verändern. Bei Konflikten wie jetzt in der Ukraine würde ich mir jedoch manchmal noch mehr Mut und Einsatz des Vatikans wünschen.
Stichwort Lateinamerika: Sie haben auch einen kolumbianischen Pass. Wie eng haben Sie die Friedensbemühungen des Heiligen Stuhls in Kolumbien verfolgt?
Jositsch: Sehr eng. Die katholische Kirche hat traditionell eine sehr starke Position in Lateinamerika. Deshalb fand ich es sehr positiv, dass das wahrgenommen wurde.
«Die Mitglieder der Landeskirchen sind Menschen und keine Unternehmen.»
Finden Sie es gut, dass die Landeskirchen in manchen Kantonen von Unternehmenssteuern profitieren?
Jositsch: Nein, das finde ich seltsam. Die Mitglieder der Landeskirchen sind schliesslich Menschen und keine Unternehmen. Für jemanden mit einem Unternehmen, der sich den Landeskirchen nicht zugeneigt fühlt, ist das komisch.
* Daniel Jositsch (57) ist seit 2015 Zürcher SP-Ständerat und seit 2007 Nationalrat. Er wurde in Stäfa geboren, ist Strafrechtsprofessor und Oberstleutnant. Jositsch ist der erste offizielle Bewerber aus den Reihen der SP. Da sich viele eine Frau als Nachfolgerin der SP-Bundesrätin Simonetta Sommaruga wünschen, gilt Jositsch als Aussenseiter-Kandidat.
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