Kommentar

Daniel Bogner zur Synode: Entscheidungen sind geweihten Amtsträgern vorbehalten

Die beiden Vorbereitungsdokumente zu der im Oktober beginnenden zweijährigen Weltsynode bilden keinen wirklichen Sprung vorwärts. Die Impulse des Papstes für das «gemeinsame Gehen» sind schwach, bedauert der Freiburger Moraltheologe Daniel Bogner in seinem Kommentar für kath.ch.

Daniel Bogner*

Das Dokument des Vatikan zeigt das spezifisch römische Verständnis von Synodalität. Es geht um einen Prozess, in dem vor allem Haltung und Stil der handelnden Akteure der Kirche im Mittelpunkt stehen.

Die Rede ist von der Synodalität als einem «way of being» der Kirche. Worum geht es in der Sache? Es ist der Appell zu einer umfassenden gegenseitigen Wahrnehmung und die Aufforderung, sich besser zuzuhören, um den Aufgaben des Christseins in unserer Zeit besser gewachsen zu sein.

«Die römischen Überlegungen bestehen auf der aktuell existierenden kirchlichen Grundordnung.»

Das ist an sich richtig und wichtig. Aber es ist eben auch bisher schon der Anspruch innerhalb des Christentums: dass man einander zuhört, dem Gegenüber zubilligt, etwas Sinnvolles zu sagen zu haben, dass man nicht im autoritären Alleingang Entscheidungen trifft. Soweit, so gut. Das Problem ist: Die römischen Überlegungen bestehen auf der aktuell existierenden kirchlichen Grundordnung.

Greift die Position tief genug?

Und genau hier muss man nachfragen: Setzt die römische Position wirklich tief genug an, wenn auf eine kritische Diskussion der hierarchisch begründeten und monarchisch realisierten Verfassungsstruktur der Kirche verzichtet wird? Die Kirche soll nur «konstitutiv synodal» sein, wie das zentrale Schlüsselwort der Stellungnahme lautet. Aber sollte sie sich nicht aufmachen, um auch «konstitutionell synodal» zu werden?

Das könnte heissen: Man sucht aktiv nach Möglichkeiten, die geltende hierarchisch-monarchische Grundordnung weiterzuentwickeln: Wie können Laien nicht nur aus «good will» in die Meinungsbildung, sondern eben verbindlich in das Entscheiden einbezogen werden?

Synodale Ordnung statt Demokratie

Und das gilt für Männer und Frauen in gleicher Weise. Wie kann eine echte Teilung der Gewalten (und nicht nur eine freiwillige Selbstbindung des Amtsinhabers an Beratungsgremien) in der Kirchenverfassung gelingen?

«Man muss nicht das Kind mit dem Bade ausschütten.»

Eine synodale Grundordnung der Kirche könnte dieses wichtige Anliegen aufnehmen, ohne dass die Kirche zu einer Demokratie mutieren müsste. Die Kirche sollte nach einem Weg suchen, ihr sakramentales Selbstverständnis und das sakramentale Weiheamt von der existierenden monarchisch-hierokratischen Organisationsgestalt getrennt zu definieren. Man muss also nicht das Kind mit dem Bade ausschütten.

Plurale Christusrepräsentation

Eine Spur für diesen Weg sei genannt: Die Christusrepräsentation des Amtes muss nicht automatisch mittels eines monarchischen Leitungsamtes stattfinden. Würde diese Repräsentation des uneinholbaren Vorbildes Jesus Christus nicht sogar glaubwürdiger gelingen, würde sie auf unterschiedliche Rollen verteilt, anstatt den Anschein zu erwecken, ein Mensch könne diese Vergegenwärtigung auch nur im Ansatz leisten?

«Man gewinnt den Eindruck, er bleibt auf halbem Wege stehen.»

Das Dokument offenbart eine grundlegende Schwäche des Vorgehens von Papst Franziskus: Er macht Vorschläge in die richtige Richtung, aber man gewinnt den Eindruck, er bleibt auf halbem Wege stehen. Er spricht sehr sensibel darüber, wie man Entscheidungen reifen lässt und die Stimmen anderer berücksichtigen sollte.

Sein Modell atmet den Geist der Exerzitienbegleitung und des spirituellen Lebens. Es hat seinen eigentlichen Platz im geistlichen Leben und in der Seelsorge. Um das Leben der Kirche als Ganzer gut zu gestalten, braucht es aber noch mehr.

Rollen und Strukturen bestimmen

«Gemeinsam gehen», das kann und sollte auch in den Verfahren, Rollen und Strukturen der Kirche spürbar werden. All das aber wird von der römischen Stellungnahme bisher ausgeschlossen und das ist die Enttäuschung dieses Dokuments.

Es bleibt dabei, dass Kirchenmitglieder zwar ausführlicher «konsultiert» werden sollen, die verbindlichen Entscheidungen aber werden am Ende allein von geweihten Amtsträgern getroffen. Die monarchische Grundordnung bleibt unangetastet, obwohl sie viele auf dem Weg zurücklässt, also gerade das Gegenteil eines «gemeinsamen Gehens» ist.

* Daniel Bogner (49) lehrt seit 2014 als Professor für Moraltheologie und Ethik an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg.


Daniel Bogner leht an der Universität Freiburg Moraltheologie und Ethik. | © Regula Pfeifer
8. September 2021 | 15:07
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