Schweiz

«Blau 10» hofft auf mehr kirchliche Entrepreneure

Zürich, 3.2.19 (kath.ch) Immer mehr Menschen arbeiten ausserhalb des Büros – zuhause, in einem Café oder einem Coworking Space. Seit Frühjahr 2017 gibt es in Zürich das «Blau 10», ein kirchliches Coworking Space. Ein Besuch vor Ort.

Vera Rüttimann

Früher ratterten in den Räumen der Blaufahnenstrasse 10 unweit des Zürcher Grossmünsters die Druckmaschinen und druckten Blätter aus. Heute werden hier noch immer Wörter produziert, jedoch digital. In Reih und Glied sitzen die Leute konzentriert an ihren Macs in einem Grossraum. Andere kommunizieren untereinander in der Lounge, im Bistro oder im Meetingraum.

Unter ihnen ist auch Anne Marie Helbling, die vor dem grossen runden «Blau 10»-Logo neue Gäste begrüsst. Die 35-Jährige ist eine vielbeschäftigte Frau: Sie agiert einerseits als Beauftragte für den Quereinstieg in den Pfarrberuf im Konkordat, angeschlossen an die Abteilung Kirchenentwicklung. Daneben ist sie zuständig für den Coworking Space «Blau 10», den sie mit zwei anderen Kollegen betreut und gestaltet.

Helbling nimmt Anliegen der Community-Mitglieder entgegen, coacht die Gastgeber und gestaltet den Newsletter. Sie ist auch mit von der Partie, wenn hier ein bis zweimal Mal im Monat ein Impuls über Mittag stattfindet. Eine öffentliche Veranstaltung, wobei Leute aus der Community und externe Gäste ihre Projekte, Ideen und Visionen vorstellen.

Kirche und Coworking

Zur Gründung von «Blau 10» kam es, als 2015 die Abteilung Kirchenentwicklung in das Haus an der Blaufahnenstrasse 10 einzog. In der unteren Etage des Hauses sollte ein neuer Raum für Begegnungen entstehen. Die Macher liessen sich inspirieren vom Boom der Coworking Spaces, die auch in Zürich wie Pilze aus dem Boden schiessen.

Anne-Marie Helbling sagt: «Wir sagten uns: Es ist eine coole Idee, Kirche und Coworking Space zu verbinden.» Die Macher dachten dabei an ein «Labor für die Kirche», einen «Denkraum», in dem Leute an neuen Ideen und Konzepten spinnen und sich gegenseitig inspirieren. Dieser innovative und zukunftsausgerichtete Geist, der diesem modernen Arbeitskonzept zugrunde liege, so Anne-Marie Helbing, passe zum Thema Kirchenentwicklung.

Nachhaltig, sozial engagiert, interreligiös

Als es vor zwei Jahren losging, hatten Helbling und ihr Team keinerlei Erfahrungen mit dem Aufbau eines Coworking Spaces. «Es war cool, aber auch herausfordernd», erinnert sie sich. Als erstes wurden Wände herausgebrochen, um grössere Räume zu schaffen.

Dann ging es an die inhaltliche Arbeit. Für wen soll dieser Raum sein? Und: Was soll hier angeboten werden? Um Inspiration und Rat zu suchen, so Anne-Marie Helbling, habe man andere Coworking Spaces aufgesucht wie etwa den Impact Hub neben der Photobastei im Zürcher Kreis 5.

Günstiger Raum dank Kirche

Im Gegensatz zu solch hochpreisigen Orten kann «Blau 10» auf einen wesentlichen Vorteil verweisen: Da der Raum von der reformierten Kirche Zürich finanziert wird, können die Macher ohne wirtschaftlichen Druck arbeiten und die Plätze günstig anbieten. «Umso wichtiger ist es uns, wer hier arbeitet. Die Leute müssen zu uns passen», betont Anne Marie Helbling. Heute sei eine Community von 40 gleichgesinnten Leuten entstanden, die für eine gute Atmosphäre sorgen.

Das hat auch mit dem sorgfältigen Auswahlverfahren zu tun, denn für «Blau 10», so Helbling, müsse man sich bewerben. Sie betont: «Wir wollten keine Leute, die in Feldern tätig sind, deren Werte wir nicht vertreten können. Leute die nur für ihren eigenen Profit arbeiten».

Ökologische und gesellschaftliche Themen

So arbeiten hier an ihren Macs Aktive im ökologischen und nachhaltigen Bereich, Journalisten und Kreative aus der Kleinkunst-Szene, die sich mit gesellschaftlichen Fragen beschäftigen. Es sind Menschen aus allen Konfessionen.

Mit Singa, einer innovativen Organisation, die Migranten darin unterstützt, ihr eigenes Startup zu gründen, und «gutundgut», einem interdisziplinären Team, das Architektur, Tourismus, Kultur und Hotellerie vereint und für Kunden und deren Projekte fruchtbar macht, hat Blau10 neben Einzelmitgliedern auch zwei Firmen in der Community, die die Gemeinschaft bereichern.

Die Medien waren gespannt, als bekannt wurde, dass es in Zürich einen kirchlichen Coworking Space geben wird. Und die Kirchenvertreter erst recht. Erst gab es von dieser Seite ein paar kritische Stimmen. Das änderte sich jedoch schnell. «Vor allem bei jenen, die uns hier an der Blaufahnenstrasse besuchten», sagt Anne-Marie Helbling.

Disputationen wie bei Zwingli

Grossmünster-Pfarrer Christoph Sigrist freute sich über das Coworking Space «Blau 10», wie er auf Anfrage gegenüber kath.ch sagte. Dies, weil es «erstens reformiert ist, weil wir in Disputationen und Versammlungen alles miteinander aushandeln und miteinander erarbeiten.» So wie damals Zwingli im Coworking Space im Chor des Grossmünsters.

Zweitens sei dieser Raum modern, denn der sogenannte «Space-turn halte Einzug in einer Kirche, die nicht «hors-sol» sei, sondern verortet «sur place». Drittens erklinge in diesem Raum blaue Musik, und nicht graue. Weiter sagt Sigrist: «Und viertens ‘isches eifach s’zäni’, mit anderen für sich und doch gemeinsam zu arbeiten.»

Treffen bei Grillparty

Eine schöne Gelegenheit, sich kennen zu lernen, ist jeweils das Fest im April, bei der die Dachterrasse mit einer Grillparty eröffnet wird. Diese Plattform ist das Prunkstück des Hauses und bietet einen prächtigen Ausblick auf die umliegenden Häuser, den Zürichsee und das Grossmünster mit seinen zwei Türmen.

Die Kirchenvertreter liessen sich, so Helbling, schon vor zwei Jahren anstecken von der Offenheit der Community-Mitglieder und dem Spirit dieses Ortes. Sie sagt: «Viele haben gemerkt: Für die Kirche ist dieser Ort eine grosse Bereicherung. Community-Mitglieder sagten mir dann wiederum: Hey! Ich hatte zuvor ein ganz anderes Bild von der Kirche.»

«Es ist lässig, hier zu arbeiten.»

Bei «Blau 10» gibt es mehrere Mitgliedschaftsmodelle. Das meist genutzte ist jenes, bei dem sich die Community-Mitglieder mit ihren eigenen Fähigkeiten einbringen können, sagt Helbling. So engagieren sie sich bei der Idee-Entwicklung von Veranstaltungen, agieren als Moderator, Gastgeber, Coach oder bringen ihre Blau-10-Stories auf Social Media.

Thema Religion interessiert

Auch Lionel aus Lausanne gehört seit über einem Jahr zur Community von «Blau 10». Der 35-Jährige arbeitet als Freelancer im Bereich Kundenmanagement und geniesst das Zusammensein mit Menschen verschiedenster Horizonte und Kompetenzen. Dass dieser Coworking Space einen kirchlichen Hintergrund hat, stört ihn nicht. Im Gegenteil: «Ich bin nicht besonders gläubig, aber mich interessiert das Thema Religion sehr.»

Anne-Marie Helbling ist zufrieden, wie sich der Coworking Space «Blau 10» in den letzten zwei Jahren entwickelt hat. Doch sie will mehr und umschreibt ihre Vision so: «Ich hoffe, dass wir noch mehr kirchliche Entrepreneure gewinnen können. Sie sollen sich mit Leuten aus anderen Bereichen mischen und gegenseitig durchdringen.»

Eingang des Blau 10 | © Vera Rüttimann
3. Februar 2019 | 13:00
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