Bischof Felix Gmür beim Besuch im Gaza-Streifen am Checkpoint Erez, 11. Januar 2015| © 2015   Andrea Krogmann
Ausland, Schweiz
Bischof Felix Gmür beim Besuch im Gaza-Streifen am Checkpoint Erez, 11. Januar 2015| © 2015 Andrea Krogmann

Bischof Gmür im Heiligen Land: «Gaza darf nicht mehr so abgeschottet werden»

Gaza-Stadt/Bethlehem, 13.1.15 (kath.ch) Im Gazastreifen ereignet sich nach Worten des Basler Bischofs Felix Gmür «eine humanitäre Katastrophe». Grund dafür sei vor allem die Perspektivlosigkeit der Menschen, sagt Gmür im Anschluss an seinen zweitägigen Gazabesuch im Interview mit kath.ch. Gmür nimmt derzeit als Vertreter der Schweizer Bischofskonferenz bei der Kommission Justitia et Pax am jährlichen Bischofs-Solidaritätsbesuch in der Region teil. Das Treffen von 15 Vertretern von Bischofskonferenzen aus elf Ländern endet am 15. Januar. Auf dem Programm stehen neben Besuchen in Gaza und Hebron zahlreiche Treffen in Bethlehem und Beit Dschallah.

Andrea Krogmann aus Gaza-Stadt

Bischof Felix, Sie haben den Gazastreifen und die benachbarte israelische Stadt Sderot besucht und die Folgen des jüngsten Krieges gesehen. Was sind Ihre Eindrücke?

Felix Gmür: Im Gazastreifen spielt sich eine humanitäre Katastrophe ab, weil es keine Perspektive gibt. An einem Souvenirladen in unserem Hotel in Gaza stand «Willkommen im grössten Gefängnis der Welt». Da ist etwas Richtiges dran: Es gibt für Gaza keine Freiheit, hineinzukommen oder herauszugehen. In erster Linie betrifft das die Menschen, aber auch Güter. Dies ist der Grund für die Perspektivlosigkeit.

Bei all der Zerstörung, die Sie in Gaza gesehen haben: Wo sehen Sie den grössten Bedarf beim Wiederaufbau?

Gmür: Wiederaufbau braucht ein Ziel: Wofür sollen sie wieder aufbauen? In Gaza herrscht eine hohe Arbeitslosigkeit, 50 Prozent für die Gesamtbevölkerung, 80 Prozent unter den jungen Christen. Da ist die Motivation nicht sehr gross, etwas aufzubauen.

Sie sprechen die Christen an. Deren Zahl in Gaza wird immer niedriger, mittlerweile sind es weniger als 200 Katholiken. Wie können Christen aus dem Westen da eingreifen, was machen Sie konkret als Bischof?

Gmür: Ich als Bischof kann nur bei ihnen da sein. Das haben wir jetzt gemacht. Wir können sagen: Wir vergessen Euch nicht. Wir kennen Euch und wir leiden mit Euch, denn es ist ein Leiden. Zweitens kann man davon erzählen bei uns, das machen wir jetzt. Drittens müssen neben der humanitären Hilfe vor Ort vor allem durch christliche Hilfswerke wie den «Catholic Relief Service» (CRS) politische Prozesse in den Gang kommen.

Zum Beispiel?

Gmür: Gaza darf nicht mehr so abgeschottet werden. Das ist für mich die einzige Lösung für die Zukunft. Es kann nicht auf ewig so weitergehen. Wenn das so weitergeht, wird die Situation nicht besser.

Es ist nicht Ihr erster Besuch im Heiligen Land. Sehen Sie für die Christen im Land eine Veränderung der Situation?

Gmür:  Ich sehe, dass die Christen mehr und mehr marginalisiert werden. Die Mauer wird länger und grösser, und damit wächst auch die innere Mauer, eine Mentalitätsmauer. Ich sehe auch, dass die Christen zerrieben werden. Niemand in der Region, weder Israelis noch Palästinenser, will sie so Recht haben, bestenfalls als Pufferzone. Am liebsten wäre es manchen, wenn sie gar nicht da wären, dann wäre alles viel einfacher.

Wenn die Christen hier verdrängt werden, müsste die Antwort des Westens dann nicht lauten, die Türen zu öffnen und die Christen aufzunehmen?

Gmür: Hier in Nahost sollten sich die Bedingungen ändern! Das ist das wichtigste. Denn es hat keinen Sinn, dass sie alle zu uns kommen. Christen, Muslime und Juden müssten hier zusammen leben können. Dieses Heilige Land könnte ein richtig guter Ort sein, um neue politische Modelle auszuprobieren. Man sieht jetzt, dass die Modelle der Abschottung nicht funktionieren.

Sind der Konflikt und seine religiöse Dimension mit den Diskussionen um Zuwanderung in der Schweiz, Phänomenen wie Pegida in Deutschland oder dem blutigen Anschlag auf die französische Satirezeitung «Charlie Hebdo» in Paris inzwischen auch bei uns in Europa angekommen?

Gmür: Ich glaube nicht, dass es ein religiöser Konflikt ist. Aber die Religion ist ein willkommenes Vehikel, um diesen Konflikt zu transportieren und, bei gewissen Leuten, ihn theologisch zu untermauern beziehungsweise Anhänger zu gewinnen. Eine andere Sache ist die kritische Sicht auf das Gewaltpotential im Koran, das es zweifellos gibt.

Wie verhindert man diesen Missbrauch von Religion?

Gmür: Wir müssen die Botschaft, die die Religion hat – für das Christentum ist das zentral eine Versöhnungsbotschaft – immer wieder verkünden. Und indem man klar sagt, dass das andere nicht christlich ist. Krieg zu führen im Namen der Religion ist nicht christlich, entspricht dieser Religion nicht.

Bischof Felix Gmür beim Besuch im Gaza-Streifen, 11. Januar 2015| © 2015   Andrea Krogmann
Bischof Felix Gmür beim Besuch im Gaza-Streifen, 11. Januar 2015| © 2015 Andrea Krogmann
Bischof Felix Gmür in Gaza beim Pfarreibesuch | © 2015   Andrea Krogmann
Bischof Felix Gmür in Gaza beim Pfarreibesuch | © 2015 Andrea Krogmann
Distrikt Huza’a, Khan Jounis, südlicher Gaza-Streifen, im August 2014 | © 2014 Andrea Krogmann
Distrikt Huza’a, Khan Jounis, südlicher Gaza-Streifen, im August 2014 | © 2014 Andrea Krogmann
Bischof Felix Gmür besucht das Kinderheim der Mutter-Theresa-Schwestern im Gaza | © 2015   Andrea Krogmann
Bischof Felix Gmür besucht das Kinderheim der Mutter-Theresa-Schwestern im Gaza | © 2015 Andrea Krogmann
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