Schweiz

«Betrachtet man den Himmel, schaut man unweigerlich in sich selbst»

Zürich, 19.7.18 (kath.ch) Wolken sind nicht nur schöne Naturschauspiele. Sie inspirierten Künstler aller Zeiten, galten als Symbol der Transzendenz und sind bisweilen Gegenstand der Meditation. Eine Betrachtung.

Vera Rüttimann

Neulich rannte ich gegen Abend wie von einer Tarantel gestochen aus dem Haus in den Garten. Alles war in ein intensives Rot getaucht. Über mir hing eine riesige rote Wolke. Sie erschien wie aus dem Nichts. Erst dachte ich, es brenne. Eine Wolke, die aussah wie eine feurige Liebesgöttin. Sie blieb eine gefühlte Ewigkeit an derselben Stelle am Himmel kleben, bis sie ihre weitere Reise antrat. Ein erhabener Moment, in dem sich ein tiefes Glücksgefühl einstellte. Nein, diese Wolke war keine wie jede andere!

Der Wolken-Club

Es gibt Menschen, denen die Farbe und die Form einer Wolke egal sind. Dann gibt es jedoch Leute, die gelangweilt gen Himmel schauen, wenn sich dort keine einzige Wolke zeigt. Die erst zur Kamera oder zum Fernglas greifen, wenn sich in der Atmosphäre richtig etwas zusammenbraut. Ihnen gefällt, was im Gründungsmanifest der «Cloud Appreciation Society», der «Gesellschaft zur Wertschätzung der Wolke» steht: «Wir glauben, dass Wolken zu Unrecht schlecht gemacht werden und dass das Leben ohne sie unendlich ärmer wäre.»

Diesem Satz kann ich ganz zustimmen und bin deshalb dem Wolken-Club beigetreten. Gegründet wurde die Gesellschaft 2004 bei einem Literaturfest in Cornwall von Gavin Pretor-Pinney. Auf der Webseite der Vereinigung tummeln sich Hobby-Meteorologen, Sinnsucher und bildende Künstler, die schon von Berufes wegen das Licht studieren.

Das unterschätzte Geschöpf

«Wolken sind unterschätzte Geschöpfe.» Mit diesem Satz löste Gavin Pretor-Pinney vor zehn Jahren eine Diskussion über Wolken aus, als sein Buch «Wolkengucken» die Bestsellerliste erklomm. Recht hat er: Dunkle Wolken werden oft nur als Stimmungstöter und Metaphern für schwere Zeiten verunglimpft. In Kinofilmen kommen Wolken meist schlecht weg, mit Ausnahme von Wim Wenders Film «Der Himmel über Berlin».

Der Himmel hat blau und wolkenlos zu sein, das zeigt auch die Tourismus-Werbung. Doch wie langweilig wäre das auf Dauer in der Realität! Wie viel spannender ist es, wenn sich über uns mächtig etwas tut in der Atmosphäre. Wie sehr bereichert es den Alltag, wenn wir Wolken als Wesen mit einer Seele sehen! Als Freunde, die besucht werden wollen. Schon früh stellte ich mir Fragen wie: Wohnt jemand in ihnen? Wo haben Wolken ihre Reise begonnen? Und: Kommunizieren sie untereinander?

Gott in der Wolke

Im Buch Exodus erscheint Gott auf dem Berg Sinai in einer Wolke. Die befreiten Israeliten führt er in Gestalt einer grossen Wolkensäule durch die Wüste. In der Apostelgeschichte heisst es, dass Jesus vor den Augen der Apostel in den Himmel gehoben wurde: «Und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken.»

Symbol für Transzendenz

In der Kunst gingen Wolken und Religion früh eine enge Symbiose ein. Die Naturerscheinung diente vielen Künstlern als Symbol für Religiosität und Transzendenz. Ihre Darstellungen sagen viel aus über das jeweilige Gottesbild der Zeit: Bis zum Mittelalter etwa malten Künstler Gott allein als Hand, die durch eine Wolke stach oder als Auge hinter einer Wolke. Auch in Kirchen sind Wolken omnipräsent. Wer beispielsweise Roms Kirchen besucht, staunt, wie viele Bilder Wolken zeigen, auf denen Apostel, Engel und Christus ruhen. Bekannte Beispiele sind die grossformatigen Gemälde in der Basilika der heiligen Cosmas und Damian und die üppigen Deckenmalereien Michelangelos in der Sixtinische Kapelle.

Wolken standen auch für das Jungfräuliche und das Reine. Daher ist Maria auf Gemälden häufig umwölkt dargestellt, wie etwa auf Rafaels und Tizians Renaissance-Gemälden im Vatikan.

Heilige, vor allem Märtyrer, werden ebenfalls oft auf Wolken getragen. Künstler von Weltruhm wie Emil Nolde, Claude Monet und Gerhard Richter schufen mit ihren Wolken-Darstellungen unsterbliche «Seelenbilder». Selbst Pop-Art-Künstler Andy Warhol liess silberne Wolken fliegen.

Jede Wolke ein Unikat

Wolken sind für viele fürwahr zuerst ein ästhetisches Naturschauspiel. Betrachtet vom Flieger aus, am Ufer eines Sees oder in den Bergen. Es gibt so viele Arten von Wolken: Die Cumulonimbus etwa, die heftige Stürme bringt und wie ein Amboss aussieht; die fransigen Streifen der Cirrus, die einen Wetterumschwung ankünden; die bauschige Cumulus als Schönwetterbotin und die ungeliebte Stratuswolke, bei der der Himmel schwer wie ein Betondeckel über der Erde zu lasten scheint. Jede Wolke ist ein Unikat. Man denke nur an die Färbung von Wolken, die in kurzer Zeit von Tiefschwarz bis zu Dunkelrot changieren kann.

Eine Reise ins eigene Innere

Wolken nehmen einen zudem mit auf eine innere Reise, auch wenn Kritiker die Wolkenbetrachtung für reine Zeitverschwendung und ein Privileg der Müssiggänger halten. Die Frage sei erlaubt: Sind Menschen, die sich intensiv der Betrachtung von Wolken hingeben, auch Gottes-Sucher? Neben meteorologischen Zusammenhängen ist es jedenfalls das Metaphysische, was viele an Wolken fasziniert. Sie entschleunigen das Leben auf wunderbare Art und Weise. Und dies erst noch gratis. Plötzlich ist es so, als dringe der klare Himmel auch in einen selbst ein. Pausen treten ein. Die Gedanken rasen nicht mehr, das innere Plappermaul schweigt.

Kein Zufall, arbeiten Meister der Zen-Meditation mit Wolken-Bildern, anhand deren man das Kommen und Loslassen lästiger Gedanken einüben soll. Auch für die Autorin dieses Textes gilt: Das bewusste Betrachten von Wolken entspannt Körper und Geist. Betrachtet man den Himmel, wie er sich verändert, dann schaut man unweigerlich auch in sich selbst hinein.

Wolken | © Vera Rüttimann
19. Juli 2018 | 11:58
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