Schweiz

Betörender Weihrauch-Geruch bei der Einweihung der serbisch-orthodoxen Kirche

Bern-Belp, 3.9.18 (kath.ch) Der in Wien residierende serbisch-orthodoxe Bischof Andrej Cilerdzic und der serbisch-orthodoxe Patriarch Irinej Gavrilovic haben in Bern-Belp die serbisch-orthodoxe Kirche eingeweiht – mit einer Weihe und einem feierlichen Gottesdienst.

Vera Rüttimann

Es ist ein grosser Tag für die serbisch-orthodoxen Christen in der Schweiz. An diesem Morgen wird ihr Gotteshaus, das sich von seiner besonderen Form her deutlich vom Industriegebiet abhebt, endlich eingeweiht. Bereits 2009 wurde die als bis dato einzige serbisch-orthodoxe Kirche der Schweiz gebaut. Ohne Aufsehen.

An diesem Tag ist das ganz anders. Nun sind der serbisch-orthodoxe Bischof Andrej Cilerdzic aus Wien und Patriarch Irinej Gavrilovic aus Belgrad angereist, um die Einweihung zu leiten. Mehrere serbische TV-Teams filmen, als sich ein grosser Pulk von serbisch-orthodoxen Geistlichen aus dem In- und Ausland mit dem Gläubigen in Bewegung setzt, um die Kirche dreimal zu umrunden. Der Wind zerzaust dabei ihre wallenden schwarzen Gewänder. Dazu schwenken die Kirchenfürsten die Weihrauchgefässe, so dass sich der betörende Geruch überall ausbreitet. Patriarch Irinej Gavrilovic bespritzt mit einem grossen Wedel einige Stellen an der Kirche mit Weihwasser.

Einziger Sinnesrausch

Nach der rituellen Umrundung der Kirche ziehen die Gläubigen mit den Klerikern feierlich in das Gebäude ein. Sie tauchen dabei in eine sinnliche Welt voller Farben und Gerüchte ein. Rot, blau, golden leuchtet es von der Decke. Der gesamte Innenraum ist mit atemberaubenden Ikonenmalereien ausgefüllt. Erst im August konnten die letzten Malarbeiten von Spezialisten abgeschlossen werden. Die Gläubigen recken ihre Köpfe nach oben, um die detailreich ausgearbeiteten Bibelszenen zu bestaunen.

Auch der Blick der Katholikin Gerda Hauck wandert zur Decke. Die ehemalige Präsidentin des Vereins Haus der Religionen in Bern ist mit dieser Gemeinde eng verbunden. Stanko Marcovic, der dieser Kirche als Pfarrer vorsteht, sei oft dort zu Gast gewesen. Über die Deckenmalereien sagt sie: «Man kommt mit diesen Bildern wie in ein Zwiegespräch. Ich fühle mich wie in einer begehbaren Bibel.»

Sie benötigt – wie alle anderen – ein gutes Stehvermögen für diesen Gottesdienst, der über drei Stunden dauern wird. Immer wieder neu betreten Gläubige den Raum, bekreuzigen sich, zünden eine Kerze an und legen Geld in den Spendenkorb. Die Kinder sitzen auf den Kniebänkchen auf der Seite und schwatzen, während sich die Eltern in die geheimnisvoll wirkende serbisch-orthodoxe Liturgie versenken.

Vorausnahme des Himmels

Ein Chor mit einem halben Dutzend Sängerinnen und Sängern übernimmt den Lead beim Singen der Liturgie und stimmt auf ein Zeichen des zelebrierenden Priesters immer wieder den nächsten Gesang an. Die Gemeinde singt aus voller Kehle mit. Die Musik bewegt auch Ruedi Heim. Auf Einladung der serbisch-orthodoxen Kirche vertritt er als leitender Priester des Pastoralraumes Bern an diesem Tag die römisch-katholische Kirche.

«Ich freue mich für die serbisch-orthodoxen Christen, dass heute ihre Kirche eingeweiht werden konnte», sagt er. Die Musik fährt ihm richtig ein. Ruedi Heim sagt: «Die Musik ist ein Stückweit Vorausnahme des Himmels, es nimmt die Leute wahnsinnig mit.» Diese Liturgie schaffe viel stärker mit Zeichen, Worten und Gesängen als die römisch-katholische. Die Zusammenarbeit mit der serbisch-orthodoxen Kirche, betont Ruedi Heim beim Verlassen der Kirche noch, sei fantastisch.

Gemeinschaft pflegen

Nach dem Gottesdienst versammeln sich die Gläubigen in Zelten. Die roten Fahnen aus Samt, die Ikonenbilder und die liturgischen Palmwedel stehen jetzt an einer Wand seitlich der Kirche. Die einen Kinder beginnen Volkstänze aufzuführen, während andere serbische Fleischspezialitäten und Süssspeisen an den Tischen geniessen. Der auswärtige Gast spürt: Die Leute hier kennen einander schon lange.

In einem der Zelte wird auch die serbisch-orthodoxe Gemeinde Bern vorgestellt. Sie wurde 1969 gegründet. Zu ihr gehören auch Mitglieder aus den Kantonen Freiburg, Neuenburg, Solothurn und Jura. Aus Schaffhausen extra angereist ist Milan Zwicko. An seinem Revers trägt er ein orthodoxes Kreuz und das Bild eines Heiligen.  Der bärtige Mann sagt: «Es war klar, dass ich hier zu diesem Fest anreise. Ein unvergessliches Erlebnis.»  Um ihn herum herrscht ein grosses Palaver. Viele, sagt er, kennten sich von den Gottesdiensten, die in den Städten Solothurn, Freiburg und Neuenburg stattfinden.

Zu ihm gesellt sich auch Luka Markovic. Der Sohn von Pfarrer Stanko Marcovic hat miterlebt, wie diese Kirche mit vielen Spendengeldern entstehen konnte. Der Mittdreissiger singt im Chor, hilft aber auch, die Gewänder für die Priester vor einem Gottesdienst bereit zu legen und sieht zu, dass im Chorraum alle liturgischen Gegenstände am richtigen Platz sind.  Er sagt: «Die Feier eines orthodoxen Gottesdienstes ist oft mit grossem Aufwand verbunden. Gut, dass heute alles gut verlaufen ist.»

Die christlichen Wurzeln pflegen

Nachdem sich die serbisch-orthodoxen Priester gemeinsam zu einem Mittagessen in den unteren Räumen der Kirche zurückgezogen haben, mischen sie sich nun unter die Gläubigen. Einige gehen ehrfurchtsvoll vor ihnen auf die Knie, küssen ihre Ringe oder wollen ihre Gewänder berühren. Die Personenschützer vor allem des Metropoliten haben alle Hände voll zu tun, dem alten Mann den Weg ins Festzelt zu bahnen.

«Ich bin froh und dankbar, dass es diese Kirche hier gibt.»

Auch Bischof Andrej Cilerdzic, der die Diözese Österreich-Schweiz leitet, ist durch seine eloquente Art ein gefragter Gesprächspartner für die Medien. In Belp, bilanziert er, sei die Angst vor der «fremden» Kirche mittlerweile ganz verschwunden. Er kennt die Geschichte dieser Gemeinde und ihres Gotteshauses von Beginn an. Exklusiv zu kath.ch sagt er: «Ich bin froh und dankbar, dass es diese Kirche hier gibt. Sie ist nicht nur an Feiertagen, sondern auch Sonntagen immer voll.»

Bischof Andrej Cilerdzic weist im Gespräch mit kath.ch auf die gute Zusammenarbeit mit den Behörden des Kantons Berns hin, insbesondere mit dem Staatsekretariat für Integration. Der serbisch-orthodoxe Bischof unterstreicht: «Es freut mich, dass sie dazu beigetragen haben, dass die Menschen, die aus wirtschaftlichen Gründen in die Schweiz gekommen sind, hier einen Ort haben, wo sie ihre geistlich-spirituellen Wurzeln pflegen können.»

 

Der serbisch-orthodoxe Bischof Andrej Cilerdzic vor den Medien | © Vera Rüttimann
3. September 2018 | 16:07
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