Der Berner Grossrat Tobias Vögeli will die kantonalen Zahlungen an die katholische Kirche einfrieren
Schweiz

Berner Grossrat Vögeli: «Wir müssen die Zahlungen an die Kirche sistieren»

Tobias Vögeli (28) hat im Berner Kantonsparlament zwei Motionen eingebracht. Die Subventionen an die katholische Landeskirche sollen eingefroren werden, bis diese ein tragfähiges Schutzkonzept vorlegt. Auch das kantonale Kirchengesetz soll verschärft werden. Die Missbrauchsvorstudie sei ihm «sehr nah gegangen».

Annalena Müller

Ist Ihr Vorstoss, der katholischen Landeskirche im Kanton Bern die Gelder zu streichen mehr als Wahlkampfgetöse?

Tobias Vögeli*: Unbedingt. Wir haben zwei Vorstösse im Grossen Rat eingereicht. Mir geht die Pilotstudie zum «Sexuellen Missbrauch im kirchlichen Umfeld» sehr nah. Und ich denke, der Kanton Bern hat hier in doppelter Hinsicht eine Verantwortung.

Inwiefern?

Vögeli: Wir haben zum einen eine historische Verantwortung. Bis 2020 waren Seelsorgende der Landeskirche Kantonsangestellte. Zum anderen gibt es eine allgemeine Verantwortung des Staates. Wir subventionieren die Kirche mit rund 12 Millionen Franken jährlich. Diese Subventionen sind nicht grundsätzlich in Frage gestellt.

«Das Ausmass des Missbrauchs und auch der Vertuschung ist mir sehr nah gegangen.»

Aber bei jeder Institution, die wir als Kanton unterstützen, schauen wir, dass die Gelder richtig eingesetzt werden und kein Missbrauch geschieht. Wir müssen die Kirchen in dieser Hinsicht wie jede andere Institution behandeln. Das heisst in der aktuellen Situation: Bis ein tragfähiges Schutzkonzept vorliegt, müssen wir die Zahlungen an die katholische Kirche sistieren.

Stehen die Kirche und all diejenigen, die für sie arbeiten, jetzt unter Generalverdacht?

Vögeli: Nein, keinesfalls. Der Vorstoss im Grossen Rat stellt die wertvolle Arbeit der Leute an der Basis nicht in Frage. Und er stellt sie auch nicht unter Generalverdacht. Das ist weder das Ziel noch die Motivation. In der Kirche ist es aber wie bei anderen Institutionen auch. Wenn in einem Spital Probleme auftreten, die ein staatliches Eingreifen nötig machen, dann liegt die Schuld am Missstand meist nicht bei den Pflegenden. Man nimmt immer die Institution als Ganzes in den Fokus.

Das Gespräch mit dem Grossrat fand im Bundeshaus statt.
Das Gespräch mit dem Grossrat fand im Bundeshaus statt.

Haben Sie die Vorstudie gelesen?

Vögeli: Ja, wobei ich Teile nur überflogen habe. Es ist keine einfache Kost und die Lektüre hat mich sehr getroffen. Natürlich hat man irgendwie gewusst, dass es schlimm sein würde. Es wurde immer gemunkelt. Aber jetzt das Ausmass des Missbrauchs und auch der Vertuschung in dieser Studie zu lesen, das ist mir sehr nah gegangen.

Wie stehe Sie zur katholischen Kirche?

Vögeli: Ich bin sehr religiös aufgewachsen und war viele Jahre lang Jungscharleiter. Ich bin also reformiert. Allgemein denke ich, dass die Landeskirchen einen wertvollen Beitrag für die Gesellschaft leisten. Das hat man in den Jahren der Pandemie ganz besonders gesehen – unter anderem mit den Angeboten einkaufen zu gehen. Und natürlich das vielfältige Engagement in Spitälern, der Gassenarbeit und an vielen anderen Orten. Das stellen wir auch nicht in Frage.

«Die Kirche hat das Vertrauen verspielt.»

Die Studie hat gezeigt, dass Wandel in der Kirche durch Druck von aussen kommt. Wie könnte Ihrer Meinung nach dieser Druck aussehen?

Vögeli: Dem Kanton stehen prinzipiell zwei Hebel zur Verfügung. Der wirkmächtigste ist der Geld-Hebel. Also, die 12 Millionen zu sistieren, bis die Kirche ein tragfähiges Konzept zum Missbrauchsverhinderung und Missbrauchsaufarbeitung im Kanton vorstellt.

Und der zweite Hebel?

Vögeli: Der zweite Hebel betrifft das Kirchengesetz. Im Gegensatz zur Sistierung der Gelder würde diese Massnahme allerdings erst mittelfristig funktionieren. Aber wir haben auch hierzu diese Woche eine Motion eingereicht. Sie sieht vor, dass Personen, die in der Seelsorge tätig sein wollen, einen Leumund vorlegen und ein sauberes Register vorweisen müssen. Die Landeskirchen, nicht nur die katholische, würden darin verpflichtet, vor der Einstellung abzuklären: Gibt oder gab es irgendwelche Vorwürfe gegen den Kandidaten oder die Kandidatin.

In Bern soll die Kirche dem Kanton Rechenschaft ablegen.
In Bern soll die Kirche dem Kanton Rechenschaft ablegen.

Sie verlangen also, dass die Kirche vor dem Kanton alles offenlegt?

Vögeli: Die Prüfungen wären weiterhin kirchenintern. Aber die Ergebnisse müssten dem Kanton offengelegt werden. Wir müssen einfach sagen: Die Kirche hat das Vertrauen verspielt. Da ist nicht mehr viel übrig. Jetzt muss sie etwas liefern, um die Missstände aufzuarbeiten und abzustellen.

Es braucht also eine externe Instanz, welche die kircheninternen Konzepte überprüft?

Vögeli: Ja. Und das ist keine Gängelung. Es wäre sogar eine Möglichkeit für die Kirche, wieder Vertrauen zurückzugewinnen. Wenn sie sagen kann: Wir haben ein Schutzkonzept erstellt und der Kanton, der nichts mit uns zu tun hat und daher unbefangen ist, hat es für gut befunden. Das würde doch zeigen, die Kirche meint es ernst und ist auf einem guten Weg.

«Das Einfrieren der Gelder würde Druck aufbauen.»

Wenn der Kanton von heute auf morgen 12 Millionen Franken einfriert, hätte das nicht Auswirkungen auf die Dienstleistungen, welche die katholische Kirche tagtäglich erbringt? Springt dann der Staat ein, in der Krankenhausseelsorge?

Vögeli: Prinzipiell finde ich, dass der Staat alle Teile der Grundversorgung gewährleisten sollte – ohne damit in Frage zu stellen, was die Kirchen leisten. Aber die Grundversorgung darf nicht zusammenbrechen, falls Kirchen oder Vereine ausfallen, aus welchen Gründen auch immer. Zweitens, die Sistierung der 12 Millionen würde die Landeskirche nicht zum Einsturz bringen, sie verfügt ja noch über andere Mittel, die Kirchensteuer zum Beispiel.

Was würde das Einfrieren bewirken?

Vögeli: Das Einfrieren der Gelder würde Druck aufbauen. Und das ist das Ziel. Nicht die Kirche handlungsunfähig zu machen. Sondern sie zum Handeln zu drängen mit den Mitteln, die dem Staat zur Verfügung stehen.

*Tobias Vögeli (28) ist Präsident der Jungen Grünliberalen Schweiz. Seit 2019 gehört er der Geschäftsführung der GLP Schweiz an. Er ist Gemeinderat in Frauenkappelen BE und sizt seit 2022 im Grossen Rat des Kantons Bern.


Der Berner Grossrat Tobias Vögeli will die kantonalen Zahlungen an die katholische Kirche einfrieren | © Annalena Müller
16. September 2023 | 09:30
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