Bernd Hillebrand
Schweiz

Bernd Hillebrand: «Diese Form von Engagementförderung denkt menschenorientiert»

Es gibt immer weniger Bereitschaft für ein traditionelles Ehrenamt. Doch das freiwillige Engagement insgesamt gehe nicht zurück, sagt der Pastoraltheologe Bernd Hillebrand. Es gibt eine neue Form von Engagementförderung, die ein Motor für eine sich verändernde Kirche ist.

Jacqueline Straub

Wie steht es um das kirchliche Engagement von Freiwilligen?

Bernd Hillebrand*: Nach wie vor gibt es sehr viele Engagierte in der Kirche. Allerdings zeichnet sich ab, dass es immer weniger Bereitschaft gibt, in den traditionellen Feldern und vorgegebenen Strukturen Engagierte zu finden. Ehrenamtliche für den Besuchsdienst der Pfarrei oder Firmbegleiter und Firmbegleiterinnen im Vorfeld der Firmung zu finden, wird immer schwieriger. Dies bedeutet jedoch nicht, dass Engagement insgesamt zurück geht, sondern Engagement im informellen Bereich nimmt sogar zu.

Was braucht Ehrenamt in der Kirche, damit es für Menschen anziehend ist?

Hillebrand: Zunächst muss Ehrenamt von den Engagierten ausgehen. Es muss subjektorientiert sein. Die Bedürfnisse und die Fähigkeiten von ihnen stehen im Vordergrund. Menschen engagieren sich meist aus drei Gründen: Sie haben selbst Hilfe oder Engagement erfahren und möchten etwas zurückgeben. Oder sie engagieren sich, weil sie gerne mit bestimmten Menschen etwas zusammen machen möchten – also eine soziale Motivation. Oder sie kommen mit jemandem ins Gespräch, beispielsweise mit Engagementförder und Engagementförderinnen, und entdecken einen interessanten Bereich, in dem sie sich einbringen möchten.

«Es handelt sich um ein Konzept, das aus dem bürgerschaftlichen Engagement kommt.»

Was ist wichtig?

Hillebrand: Entscheidend ist auch ein Change der Engagementkultur, die wichtig dafür ist, ob das Ehrenamt anziehend empfunden wird oder nicht. Dazu hat die Akademie für Ehrenamtlichkeit in Berlin ein Engagementrad entwickelt, von der Gewinnung bis zur Verabschiedung von Engagierten, das inzwischen in der Engagementarbeit leitend geworden ist. Entscheidende Faktoren sind dabei Wertschätzung, Vereinbarungen treffen, Begleitung oder gute Rahmenbedingungen.

Was beinhaltet das Konzept der «Engagementförderinnen und -förderer»?

Hillebrand: Engagementförderung unterstützt gemeinwohlorientierte Tätigkeiten, die Bürgerinnen und Bürger freiwillig und unentgeltlich erbringen. Es handelt sich also um ein Konzept, das nicht nur im kirchlichen Bereich angewendet wird, sondern kommt gerade aus dem bürgerschaftlichen Engagement, wo man entdeckt hat, dass die Gesellschaft sich von einer Versorgungs- zu einer Beteiligungsgesellschaft entwickelt hat. Engagementförderung ist letztlich eine Förderung von Beteiligung und Demokratie.

Suppenküche-Wagen
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Gibt es hierfür ein einheitliches Konzept?

Hillebrand: Leider nicht, weder im bürgerschaftlichen noch im kirchlichen Bereich. Es finden sich Ansätze, bei denen es primär darum geht, die bestehenden Engagementfelder wieder zu besetzen und dafür Menschen zu finden. Andere Ansätze beispielsweise zielen nicht darauf, die entstandenen Lücken von Ehrenamt wieder zu füllen, sondern mit Interessierten nach möglichen Engagementfeldern zu suchen. Je nach Ansatz ist die Arbeitsweise von Engagementförder und Engagementförderinnen unterschiedlich. Jedenfalls haben sie die Aufgabe, Engagement zuerst zu koordinieren und nicht selbst zu machen.

In Köln gibt es sogenannte Servicestellen. Was machen diese?

Hillebrand: Die sogenannten Servicestellen der Erzdiözese Köln sind strukturell nicht innergemeindlich verortet, sondern auf der Diözesanebene, aber gleichzeitig mit dem Netzwerk der Kirchengemeinde verbunden. Die Dienstaufsicht liegt beim Pfarrer und die Fachaufsicht übernimmt der Fachreferent der Diözese. Diese Struktur bleibt machttheoretisch immer noch problematisch, aber durch eine zusätzliche externe Verortung kooperiert und arbeitet die Servicestelle nicht nur binnenkirchlich. Sie sind meist nicht in Räumlichkeiten der Pfarrei untergebracht, sondern haben ein Café angemietet, finden sich mit einem kleinen Kaffeeauto (italienische Ape) auf dem Wochenmarkt oder haben einen Schwerpunkt im digitalen Raum gesetzt. Sie sind also in Räumen, die zur Gelegenheit werden können und kommen so unmittelbar mit Menschen in Kontakt. Im Gespräch mit ihnen kann Interessierten Möglichkeiten von Engagement aufgezeigt werden, aber oft werden auch Ideen von Engagement artikuliert, aus denen neue Formen von Engagement entstehen. Diese Begegnungen und Orte haben also eine diakonische Ausrichtung von Kirche und sie werden so selbst zu neuen Kirchorten. Insofern ist diese Form von Förderung Kirchenentwicklung und ein Motor für eine sich verändernde Kirche.

«Dadurch können sie Brücken zwischen Kirche und Gesellschaft bauen.»

Haben diese Engagementförder und -förderinnen Theologie studiert?

Hillebrand: Normalerweise nicht, sondern sie kommen aus Feldern der Sozialen Arbeit, der Theaterregie oder der Tourismusbranche. Die Stärke dieser Form von Engagementförderung ist, dass sie nicht rekrutierend denkt, sondern menschen- und bedürfnisorientiert. Dadurch können sie Brücken zwischen Kirche und Gesellschaft, zwischen Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen, zwischen Organisationen und situativem Engagement bauen.

Wären solche Servicestellen auch in der Schweiz ratsam?

Hillebrand: Es ist meist schwierig und nicht zu empfehlen, ein kontextuelles Modell auf einen anderen Kontext zu übertragen. Die Schweiz funktioniert in den Möglichkeiten der Partizipation anders als in Deutschland. Auch die pfarrlichen Strukturen sind in der Schweiz anders als in Deutschland. Sie sind in der Schweiz basisdemokratisch angelegt. Die Herausforderung bleibt jedoch auch in der Schweiz, Menschen für die Sorge einer Gesellschaft zu sensibilisieren und zu gewinnen. Daher braucht es Engagementförderung und dafür kann man von den strukturellen und methodischen Prinzipien der Servicestellen in Köln lernen.

Mitmachen erwünscht: Freiwillige bereiten Weihnachtspakete für Einsame und Bedürftige vor.
Mitmachen erwünscht: Freiwillige bereiten Weihnachtspakete für Einsame und Bedürftige vor.

Wie sollten diese aufgebaut werden?

Hillebrand: Sie müssten strukturell an pastorale Räume angebunden sein und gleichzeitig in ihrer Arbeit frei sein, über die binnenkirchliche Struktur hinaus zu denken und zu arbeiten. Dafür ist eine Verortung ausserhalb kirchlicher Räume sinnvoll. Ausserdem müsste das Aufgabenfeld der Engagementförderung vom Sozialraum her gedacht werden und nicht von der kirchlichen Struktur und ihren pfarrlichen Aktivitäten. Es würde also weniger darum gehen, wieder mehr Engagierte in die Kirche oder die Pfarrei zu bringen, sondern vielmehr Gelegenheiten zu schaffen, bei denen Menschen miteinander in Kontakt kommen und eine Vernetzung mit anderen Organisationen und Initiativen aufgebaut wird.

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Wie sieht eine Theologie des Engagements aus? Und warum ist es wichtig, solch eine zu entwickeln?

Hillebrand: Es gibt eigentlich keine entwickelte und entfaltete Theologie des Engagements. Ich habe sie in meinem Buch versucht, ansatzweise zu entwickeln. Diese Theologie geht zunächst vom Engagement Gottes für seine Schöpfung aus, die in besonderer Weise dem Menschen gilt. Diese konkretisiert sich in Jesus Christus und zeigt sich als Engagement, das bedingungslos ist und das in das Risiko geht zu geben und nichts dafür zurück zu bekommen (ohne Rendite). Ich nenne dieses Engagement eine schwache Stärke. Diese Haltung hat dann für das Engagement Konsequenzen und deshalb ist sie wichtig zu entwickeln. Ein so verstandenes Engagement, das sich an der Kenosis, der Entäusserung Gottes orientiert, ist ein postheroisches. Es wird ein nutzenloses, das in das Risiko des Gebens geht. Eine solche Haltung entgrenzt amtliche und kirchliche Grenzen und öffnet für ein menschenorientiertes Engagement, das urchristlich ist.

*Bernd Hillebrand ist Professor und Leiter des Instituts für Pastoraltheologie und Pastoralpsychologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz. Sein Buch «Engagementförderung: innovativ und doch im Sprung gehemmt? Ein Forschungsbeitrag zur ekklesiologischen Dimension von Engagement» ist im Verlag Grünewald erschienen.


Bernd Hillebrand | © zvg
12. November 2025 | 12:00
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