Peter Zürn
Radiopredigt

«Auge um Auge, Zahn um Zahn» – mal ganz anders

Peter Zürn widerspricht in seiner Radiopredigt der gängigen Auslegung des Bibelausdrucks «Auge um Auge, Zahn um Zahn». Hier gehe es nicht um Vergeltung, sondern um eine verhältnismässige Reaktion auf Gewalt.

Peter Zürn*

«Auge um Auge, Zahn um Zahn», – wer das sagt, meint meistens Gewalt und Gegengewalt, meint Heimzahlen, Gleiches mit Gleichem Vergelten, meint die Gewaltspirale, die in Gang kommt.

Dabei geht das komplett vorbei an der biblischen Idee von Recht und Gerechtigkeit, die dahintersteckt. Da geht es um die Begrenzung von Gewalt. Um Verhältnismässigkeit. Die Strafe für eine Gewalttat soll begrenzt und angemessen sein. Und es geht um Schadenersatz, nicht um körperliche Verstümmelung.

Aus dem Kontext gerissen

Warum wird das fast immer anders verstanden? Ich denke, weil wir diesen einen Vers aus dem 21. Kapitel des Buches Exodus aus dem Kontext reissen.

Grundsätzlich geht es da um Verbrechen, die die Todesstrafe nach sich ziehen. Aber die soll eingegrenzt werden. Die Bibelverse zielen darauf, dass es besser ist, einen angemessenen finanziellen Schadenersatz zu finden anstelle der Todesstrafe oder Körperstrafen.

Gewalt zwischen Männern

Ich erlaube mir, ein längeres Stück aus der Bibel zu zitieren, damit wir einen Eindruck bekommen:

«Wenn Männer in Streit geraten und einer den andern mit einem Stein oder einer Hacke verletzt, sodass er zwar nicht stirbt, aber bettlägerig wird, später wieder aufstehen und mit Krücken draussen umhergehen kann, so ist der freizusprechen, der geschlagen hat; nur für die Arbeitsunfähigkeit des Geschädigten muss er Ersatz leisten und er muss für die Heilung aufkommen (…)

Gewaltandrohung
Gewaltandrohung

Wenn Männer miteinander raufen und dabei eine schwangere Frau treffen, sodass ihre Kinder abgehen (…), dann muss der Täter eine Busse zahlen, die ihm der Ehemann der Frau auferlegt; er muss die Zahlung nach dem Urteil von Schiedsrichtern leisten. Ist weiterer Schaden entstanden, dann musst du geben: Leben für Leben, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuss für Fuss, Brandmal für Brandmal, Wunde für Wunde, Strieme für Strieme.

Herr gegen Sklave

Wenn einer seinem Sklaven oder seiner Sklavin ein Auge ausschlägt, soll er ihn für das ausgeschlagene Auge freilassen. Wenn er seinem Sklaven oder seiner Sklavin einen Zahn ausschlägt, soll er ihn für den ausgeschlagenen Zahn freilassen. 

Wenn ein Rind einen Mann oder eine Frau so stösst, dass der Betreffende stirbt, dann muss man das Rind steinigen und sein Fleisch darf man nicht essen; der Eigentümer des Rinds aber bleibt straffrei.

Wenn ein Rind angreift

Hat das Rind aber schon früher gestossen und hat der Eigentümer, obwohl man ihn darauf aufmerksam gemacht hat, auf das Tier nicht aufgepasst, sodass es einen Mann oder eine Frau getötet hat, dann soll man das Rind steinigen und auch sein Eigentümer muss sterben. Will man ihm stattdessen eine Sühneleistung auferlegen, soll er als Lösegeld für sein Leben so viel geben, wie man von ihm fordert.»

Hier geht es um Beispiele von alltäglichen Schadensfällen, die geregelt werden sollen. Immer gibt es die Option, eine Busse oder Entschädigung zu zahlen.

Aufruf zur Rache sieht anders aus

Beim ersten Beispiel, bei dem ein Mann im Streit verletzt wird, wird gewartet, um die Folgen genau abzusehen und dann werden Arbeitsausfall und Heilungskosten bemessen. Ein Aufruf zur Rache sieht anders aus.

Immer wieder geht es auch darum, genau zu klären, wer wofür verantwortlich ist. Der Eigentümer eines Rindes, das jemanden stösst, ist nicht verantwortlich, ausser, das Rind hat schon früher gestossen und der Halter hat nicht reagiert. Tierhalter haften für ihre Tiere. Da kommt sogar die Todesstrafe ins Spiel. Aber auch die kann durch eine entsprechende Zahlung von Lösegeld abgelöst werden.

Der Bibeltext bespricht nicht systematisch alle möglichen Fälle. Er trifft keine Grundsatzregelung, die automatisch eintritt. Der Text fordert eher dazu auf, in einem konkreten Fall nach einer Lösung zu suchen.

Mensch und Besitz

Es geht um Menschen und ihren Besitz. Dazu gehörten auch versklavte Menschen. Das System der Sklaverei wird nicht in Frage gestellt. Aber mir fällt doch auf, wie oft hier über die Folgen eines Schadenfalles für die versklavten Menschen nachgedacht wird. Ein verlorenes Auge, ein ausgeschlagener Zahn heisst für sie, freigelassen zu werden. Freiheit für einen Zahn. Das ist doch sehr weit weg von der Art, wie wir heute «Auge um Auge, Zahn um Zahn» grösstenteils benutzen, oder?

Warum haben wir uns so weit von der ursprünglichen Bedeutung entfernt?

Heute, am 12. Oktober, ist Columbus-Tag. In Spanien und den spanischsprachigen Ländern Südamerikas und den USA wird er begangen. Am 12. Oktober 1492 entdeckte Christoph Kolumbus Amerika, das er für Indien hielt und darum die Menschen dort Indios nannte. So habe ich es in der Schule gelernt.

Indianer entdeckt Kolumbus

Der Philosoph Georg Christoph Lichtenberg drehte schon im 18. Jahrhundert die Perspektive um und sagte: «Der Indianer, der Kolumbus zuerst entdeckte, machte eine schreckliche Entdeckung.»

Indigene zu Beginn der Amazonas-Bischofssynode im Vatikan, Oktober 2019.
Indigene zu Beginn der Amazonas-Bischofssynode im Vatikan, Oktober 2019.

Für die indigene Bevölkerung bedeutete die europäische Entdeckung, der die Eroberung folgte, Krankheiten, Versklavung, Tod und den Verlust ihrer Kulturen. Den Namen des Indianers, der Kolumbus entdeckte, kennen wir nicht.

Einblick ins Volk der Wendat

Ich weiss insgesamt wenig über die indigenen Kulturen Amerikas. Umso dankbarer bin ich David Graeber und David Wengrow und ihrem Buch «Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit» von 2022.

Darin stellen sie mir Kondarionk vor. Ich hatte den Namen vorher nie gehört. Kondarionk lebte um das Jahr 1700 nach unserer Zeitrechnung im heutigen Kanada. Er war vom Volk der Wendat. Und einer ihrer Staatsmänner und Philosophen.

Kondarionk kam in Kontakt mit Menschen aus Frankreich, die die Region dort besiedelten. Zu ihnen gehörten auch Forschungsreisende und Missionare aus dem Jesuitenorden. Die Jesuiten schrieben Berichte über ihre Reisen und die wurden in Frankreich und ganz Europa gelesen.

Europäer lesen Jesuitenberichte

Graeber und Wengrow schreiben: «Jeder Mittelschichtshaushalt in Amsterdam oder Grenoble des 18. Jahrhunderts hatte zumindest ein Exemplar der Jesuitenberichte … im Regal stehen. Solche Bücher waren vor allem deshalb so beliebt, weil sie verblüffende und unerhörte Gedanken mitteilten.»

Was waren das für verblüffende und unerhörte Gedanken? Etwa den, dass die Indigenen ihre Lebensweise für die weitaus bessere hielten als die der Franzosen. Zitat: «Denn, so sagen sie, ihr kämpft und streitet dauernd miteinander, wir leben in Frieden. Ständig beneidet und verleumdet ihr einander, ihr seid Diebe und Betrüger; ihr seid lüstern und weder grosszügig noch freundlich; wenn wir hingegen einen Krumen Brot übrighaben, teilen wir ihn mit unseren Nachbarn.»

Anderes Leben, anderes Recht

Die Wendat stehen für ein ganz anderes Leben, als die Europäer es kennen. Ein Jesuit schreibt über sie: «Sie erwidern Gastfreundschaft und helfen einander, dass für alle gesorgt ist, ohne dass es in ihren Städten und Dörfern einen unwürdigen Bettler gibt; und sie hielten es daher für sehr schlecht, als sie vernahmen, es gebe in Frankreich eine grosse Anzahl solch bedürftiger Bettler und dachten, der Grund dafür sei unsere mangelnde Nächstenliebe.»

Gemeinsam stark sein - die Indigenen-Vertreterin Ernestina Macuxi symbolisiert mit einem Bündel Holzstäbe Stärke durch Verbundenheit
Gemeinsam stark sein - die Indigenen-Vertreterin Ernestina Macuxi symbolisiert mit einem Bündel Holzstäbe Stärke durch Verbundenheit

Besonders beeindruckt mich das Rechtssystem der Wendat. Körperstrafen oder gar die Todesstrafe gab es nicht. Statt einen Einzelnen zu bestrafen, bestand die ganze Gemeinschaft darauf, dass seine Familie oder Sippe einen Schadensersatz leiste. Das führte dazu, dass alle sich verantwortlich fühlten, für ein gutes Zusammenleben zu sorgen. Das ist doch sehr nahe der biblischen Idee im Buch Exodus von «Auge um Auge, Zahn um Zahn».

Offenbar kommen Menschen an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten zu vergleichbaren Erkenntnissen. Es ist unser Menschheitserbe, auf das wir zurückgreifen können.

Nach dem Buch «Anfänge», über eine neue Geschichte der Menschheit, haben wir das im Fall der indigenen Kultur schon getan.

Woher die Idee der Gleichheit kam

Denn die Autoren zeigen auf, dass in den Jahren nach den Berichten von den verblüffenden und unerhörten Gedanken der indigenen Philosophen in Europa, die Diskussionen der Aufklärung um Freiheit, Gleichheit und ein vernünftiges Leben aufkamen.

Das wurde von der Begegnung mit indigenen Völkern und Philosophen wie Kondarionk angestossen. Unsere Aufklärung verdankt sich vermutlich weit mehr und anders als wir dachten, der Entdeckung Amerikas.

Leider haben wir diese Herkunft nicht geehrt, sondern verschwiegen. Kondarionk sollte ein Name sein, der uns geläufig ist. Vielleicht sogar mehr als Kolumbus. Denn der Indianer, der Kolumbus entdeckte, machte eine schreckliche Entdeckung.

Die Europäer, die Kondarionk entdeckten, machten eine Entdeckung, die ihnen neue Orientierung gab.

Vielleicht entdecken wir damit auch unser eigenes Erbe, in diesem Fall die Bibel, neu und ihr Auge um Auge, Zahn um Zahn, das dem sozialen Ausgleich dient, der wiederherstellenden Gerechtigkeit.

#Peter Zürn, ist römisch-katholischer Radioprediger von SRF und Pfarreiseelsorger in Klingnau AG.

Die SRF-Radiopredigten sind eine Koproduktion des Katholischen Medienzentrums, der Reformierten Medien und SRF2 Kultur.

Zu den SRF-Radiopredigten geht es hier.

Das Archiv der Radiopredigten und weitere Informationen um die Radiopredigten finden Sie hier.


Peter Zürn | © SRF/Gian Vaitl
12. Oktober 2025 | 09:00
Lesezeit : ca. 6  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!