Startbereit: Josef Fässler (r.) vor dem Ozeandampfer „Brasil“.
Schweiz

Auf und davon mit den Benediktinern – Sebis Leben in Argentinien

Als junger Bauernknecht wanderte Josef Fässler 1948 mit zwölf Benediktinern aus dem Kloster Einsiedeln nach Argentinien aus. Nun ist er 93-jährig in Los Toldos gestorben. Er hinterlässt eine spannende Auswanderergeschichte.

Susann Bosshard-Kälin*

Im umfangreichen Gepäck hatte er auch eine Statue der Schwarzen Madonna und Jasskarten. Josef Fässler wurde in über siebzig Jahren durch und durch Argentinier –  im Herzen aber blieb er «Stäffels Sebi» aus dem Alpthal. Im März 2021 verstarb er in seiner zweiten Heimat.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich in Los Toldos – 300 Kilometer westlich von Buenos Aires entfernt –die Nachricht vom Tod des geschätzten Landwirts José Fässler. Auf Social Media haben neben vielen Menschen auch die Benediktiner des «Monasterio Benedictino Santa Maria de Los Toldos» unmittelbar kondoliert: «Das letzte Wochenende markiert das Ende einer Klosterphase. Unser Freund, Co-Gründer und Nachbar, José (Jocesito) Fässler, ist verstorben.  (…) Bei allen Ereignissen im Kloster war er immer präsent. Er bleibt ein Beispiel für Treue und Freundschaft (..) Sein Lächeln, seine positive Einstellung waren bei allen beliebt.»

Im Schulzimmer angefragt

Don (Herr) José, wie er von seiner Familie und seinem grossen Freundeskreis ehren- und liebevoll genannt wurde, hinterlässt eine grosse Lücke – und eine spannende Auswanderergeschichte.

Als Josef am Sonntag, 6. Mai 1928 in Alpthal als neuntes von elf Kindern in die Familie Balthasar und Elisabeth Fässler-Steiner (s’Stäffels) hinein geboren wurde, dachte wohl niemand, dass er dereinst als Auswanderer, erfolgreicher Landwirt und mehrfacher Familienvater im weit entfernten Argentinien leben würde.

Sebi, wie der Junge genannt wurde, liebte die Arbeit auf dem kleinen, stotzig gelegenen Betrieb in Alpthal. Von seiner Kinder- und Jugendzeit ist wenig zu erfahren; aber wenn ihm nach Missetaten Strafe drohte, sei er jeweils flugs aus dem Küchenfenster im ersten Stock gesprungen!

Als Hilfskraft in die Fremde

Nach der Schulzeit, mit 15 Jahren, ging’s – wie für alle seine Geschwister – als Hilfskräfte in die «Fremde». Sebi arbeitete vier Jahre lang als Knecht auf dem Landwirtschaftsbetrieb im Kloster Fahr bei Schlieren. In dieser Zeit hatte er die Möglichkeit, während zweier Wintersemester (1946/47 und 1947/48) die Landwirtschaftliche Schule in Pfäffikon zu besuchen. Und dort im Schulzimmer kam im zweiten Winter die Anfrage von Lehrer Pater Andres an den jungen Bauernknecht aus Alpthal und seinen Kollegen Richard Rimle aus Muolen (SG), ob sie sich vorstellen könnten, ins ferne Argentinien auszuwandern. Zusammen mit Mönchen des Klosters Einsiedeln könnten sie bei der Neugründung eines Tochterklosters mitarbeiten und vor allem im Stall und auf dem Feld anpacken? Aus der Schule schrieb Josef an seine Eltern, in Südamerika würden 750 Hektar Land zu bearbeiten sein, die dem Kloster von einer wohlhabenden Stifterin geschenkt worden waren. Ob sie ihn bei seiner Auswanderung unterstützen wollten?

Am 8. April 1948 in Genua vor der Abfahrt in Richtung Argentinien; von rechts nach links: Josef Fässler, Pater Karl Burkard, Richard Rimle. Im Hintergrund der Ozeandampfer „Brasil“.
Am 8. April 1948 in Genua vor der Abfahrt in Richtung Argentinien; von rechts nach links: Josef Fässler, Pater Karl Burkard, Richard Rimle. Im Hintergrund der Ozeandampfer „Brasil“.

Eine Antwort bekam er nicht, denn seine Mutter wollte ihn nicht ziehen lassen «Was willst du denn in Argentinien? Das ist so weit weg.» Für den kaum Zwanzigjährigen aber lockte die grosse weite Welt, das Abenteuer.  Schliesslich willigten die Eltern widerwillig ein, da er versprach, nach vier Jahren ins Alpthal zurückzukehren.

Ein Kleinod inmitten grüner Wiesen

Rom war nach Ascona die zweite Zwischenstation der 14 Auswanderer, die am 30. März 1948 um 08:18 Uhr in die Bahnwagen der SOB Richtung Süden einstiegen; Papst Pius XII. gewährte ihnen im Vatikan eine Privataudienz und erteilte ihnen den Reisesegen. Am 9. April 1948 stach der Ozeandampfer «Brasil» in Genua in See und verschonte bei stürmischen Winden niemanden vor der  Seekrankheit. Die fast dreiwöchige Überfahrt nach Buenos Aires, in zweiter Klasse, hatte es in sich, Josef langweilte sich, ihm fehlte die Arbeit.

Viel Glück hatten die Einsiedler Auswanderer, dass sie von der Tropenkrankheit, die sich auf dem Schiff epidemieartig ausbreitete, verschont blieben. Am 28. April um 12.55 Uhr schrieb der künftige Prior aus Buenos Aires ein Telegramm ins Mutterkloster «glücklich gelandet. Pater Prior Eugen». Auf dem Landweg erreichten sie schliesslich am 3. Mai 1948 ihr Ziel in der argentinische Pampa; Los Toldos (indianisch «Die Zelte»), die Fundacion samt Kirchlein mit Türmchen im Kolonialstil und Gästehaus, sei «ein Kleinod inmitten grüner Wiesen, ein Juwel im Sonnenlicht», formulierte es Pater Karl Burkard, einer der Co-Klostergründer. Ob Josef Fässler, wie einige der Patres, bei der Ankunft den neuen Boden geküsst hat, ist nicht überliefert!

Ein Chlungeli Garn zum Flicken

Josef Fässler war nach Südamerika ausgewandert und sprach kaum ein Wort spanisch. Glücklicherweise brauchte es keine Sprachkenntnisse, um Akazienbäume für Zaunpfähle zu fällen, um die ersten Kühe der Gemeinschaft in Schach zu halten  – dafür seine starken Hände. Bald war Josef für den klösterlichen Ackerbau zuständig; mit sechs Pferden umzugehen war für ihn ein Leichtes.

Und Josef hatte regen Briefkontakt mit Daheim; in einem sorgfältig verfassten Brief vom 29. August 1948 etwa schrieb er: «Wenn›s im Fall zollfrei geht, dann hätte ich noch Sachen, um die ich froh wäre nächsten Winter. Der grüne Lismer, die blauen Werktagshosen, etwa ein paar Unterhosen und 2-3 Paar dicke Socken und für meinen blauen Lismer äs Chlungeli Garn zum Flicken. (…) Wieviel kostet eigentlich der Einsiedler Anzeiger im Jahr? Ich habe noch fast im Sinne ihn mit der Zeit zu abonnieren …».

Ein Leben in der argentinischen Pampa

Im Sommer 1952 war das Kloster «Monasterio Benedictino Santa Maria de Los Toldos» , samt Primar- und Landwirtschaftschule für dreissig Kinder und Jugendliche fertig erstellt, der angefügte Landwirtschaftsbetrieb lief gut. Zeit zur Rückkehr in die Schweiz für Josef Fässler? Keine Option. Aus den geplanten vier Jahren wurde ein langes Leben in der fruchtbaren Pampa Argentiniens. Die beiden Jungbauern gaben nach fünf Jahren die Stellung im Kloster auf und bekamen die Gelegenheit, in Klosternähe eine eigene, 130 Hektar-Farm zu kaufen und zu bewirtschaften – das Kloster Einsiedeln vermittelte bei der Beschaffung der Darlehen. 

José Fässler mit seinem Sohn Alfredo.
José Fässler mit seinem Sohn Alfredo.

Die zwei bauten gemeinsam ein Haus, doch als Richard Heiratsabsichten äusserte, entschied der Münzwurf – Kopf oder Zahl – über den Hausbesitz. Sebi unterlag und überliess seinem Freund das gemeinsame Haus; den Landbesitz teilten sie sich. In der Dorfkirche lernte José bald seine zukünftige Frau, die Holländerin Adriana kennen und lieben. Adriana sprach kein Deutsch und Josef nur wenig Spanisch – aber die Liebe überwand alle Hindernisse und Grenzen und die beiden waren 48 Jahre lang verheiratet, bis Adriana 2004 starb.

Überraschungsbesuch zum 90. Geburtstag

Dank Ehrlichkeit, Herzlichkeit und ererbter Bauernschläue erreichte Sebi viel – seine Estancia war schlussendlich 130 Hektaren gross und er war Herr über 300 Hühner und 80 Stück Grossvieh. Acht eigene Kinder, 17 Enkel, 7 Urenkel und viele Freunde trauern um Don José.  Sieben Reisen führten Josef Fässler in seine alte Heimat, wo er jeweils von seiner grossen Familie mit offenen Armen empfangen wurde.

Mai 2018: Einsiedler Delegation in Los Toldos (von l.): Pater Gregor Liebich, Abt Urban Federer, Abt Oswaldo (Los Toldos), Ingrid und Hansruedi Fässler. Im Vordergrund der Jubilar Josef (Don José) Fässler.
Mai 2018: Einsiedler Delegation in Los Toldos (von l.): Pater Gregor Liebich, Abt Urban Federer, Abt Oswaldo (Los Toldos), Ingrid und Hansruedi Fässler. Im Vordergrund der Jubilar Josef (Don José) Fässler.

Aber die wohl grösste Überraschung war für ihn ein streng geheim gehaltener Besuch in Argentinien; sein Neffe Hansruedi mit Ehefrau Ingrid reisten Anfang Mai 2018 nach Los Toldos, als das Kloster 70 Jahre und Sebi seinen 90.Geburtstag feierten.

Spanischer Rosenkranz geht schneller

Hansruedi Fässler erinnert sich an das letzte Telefon mit seinem Onkel, Mitte Februar dieses Jahres, «Wir haben eine Stunde lang miteinander gesprochen und diskutierten über Neuigkeiten aus der Familie, aber auch über die Fleischpreise von Rindern und Schweinen, die Getreideernten und deren Preise. Sebi war guter Dinge und fröhlich wie immer. Für ihn war klar, ” Corona kommt nicht bis zu meinen Sauen!» Es sollte anders kommen, und am Sonntag, 14. März 2021 ist Don José Fässler an den Folgen der Corona-Erkrankung in seinem 93.Lebensjahr verstorben.

Hansruedi Fässler: «Sein unglaublicher Wissensdurst mit Fragen über Gott und die Welt (Che Hans, säg emal!), seine Freude, mit allen Menschen zu reden, haben mich immer beeindruckt. Er war ein sehr frommer Mensch und betete täglich mindestens einmal den Rosenkranz, anfänglich auf Deutsch, später dann Spanisch (gat e chli schnäller!). Seine Fröhlichkeit und sein Lachen sind legendär und unvergesslich.»

Nun ist Josef Fässler zu seiner letzten Reise aufgebrochen. R.I.P. Don José!

*Susann Bosshard-Kälin ist Journalistin und Buchautorin. Sie hat in verschiedenen Publikationen Auswanderergeschichten beschrieben. So etwa in «Einsiedeln anderswo – Die Präsenz eines Innerschweizer Dorfes am Ohio River». Mit ihrem Buch «Im Fahr» gewann sie 2019 den katholischen Medienpreis der Schweizer Bischofskonferenz.  


Startbereit: Josef Fässler (r.) vor dem Ozeandampfer «Brasil». | © zVg
17. April 2021 | 16:38
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