Valentina Anzini
Porträt

Auch eine Kickboxerin und eine geweihte Jungfrau nehmen am synodalen Prozess teil

Die katholische Jugend hat viel zu sagen. Leider hört ihnen die Kirche zu wenig zu, kritisieren Valentina Anzini und Claire Jonard. Die eine ist Kickboxerin, die andere geweihte Jungfrau. Beide wollen als Online-Delegierte am Europa-Treffen des synodalen Prozesses für Veränderungen werben.

Magdalena Thiele

Zuhören, Raum geben, Entgegenkommen – es könnte so einfach sein. In drei Worten lässt sich sagen, was junge Menschen sich von der Kirche wünschen.

Von Wislikofen nach Prag

Aber diese Worte verhallen zumeist ungehört. Da sind sich Claire Jonard und Valentina Anzini einig. Beide möchten beim Synodentreffen in Prag stellvertretend für die katholische Jugend sprechen. Deren Stimme endlich Gehör verleihen. Sie nehmen als Online-Delegierte von Wislikofen AG aus am synodalen Prozess teil.

Claire Jonard
Claire Jonard

«Die Jugendlichen haben schon bei der Synode 2018 gesagt, was sie brauchen», sagt Claire Jonard, die als Verantwortliche des Centre romand des vocations (CRV) in Lausanne Jugendprojekte in der Romandie Schweiz koordiniert. «Leider hat die Kirche davon noch nicht genug umgesetzt.»

«Der Bischof muss vom Berg hinuntersteigen»

Es sind keine grossen Forderungen nach Reformen und Umwälzungen. Es gehe zumeist um praktische Dinge: einen Ort in der Gemeinde, an dem sich die Jugendlichen treffen können. Jemanden in der Kirche, der sich für ihre Meinung zu pastoralen Fragen interessiert, ihnen zuhört, anstatt sie nur darum zu bitten, beim Pfarrfest mit anzupacken. 

Online-Gespräch zwischen Prag und Wislikofen.
Online-Gespräch zwischen Prag und Wislikofen.

«Und wenn die Jugendlichen nicht zum Bischof den Berg heraufkommen, dann muss der Bischof einfach einmal hinuntersteigen», ergänzt Valentina Anzini energisch. Die 29-Jährige ist im Bistum Lugano Religionslehrerin und engagiert sich in der Jugendpastoral.

Neues Jugendzentrum in Locarno

Das sei leider heute nicht mehr selbstverständlich, weiss die Theologin, die jetzt nach dem kanonischen Lizenziat auch noch ein Doktorat absolviert. Sie ist eine der Mitinitiatorinnen eines neuen Jugendzentrums in Locarno.

Valentina Anzini
Valentina Anzini

«Etwa 30 Jugendliche sind regelmässig dort», erzählt Anzini mit einem Glänzen in den Augen. «Nicht alle sind religiös, aber offen für religiöse Themen. Sie wissen sehr zu schätzen, wenn wir mit ihnen über ihre Hoffnungen oder Sorgen sprechen und sie ehrliche Antworten auf ihre Fragen bekommen.» 

«Ich sitze nicht gerne still»

Auch zum Thema Sex vor der Ehe? «Ja, klar. Ich gebe ihnen auf alle Fragen eine Antwort. Auch, wenn es um Sex vor der Ehe geht. Wir reden darüber», sagt Anzini. Das Projekt liegt ihr sichtlich sehr am Herzen. Jeden Freitagabend ist sie dort.

Valentina Anzini
Valentina Anzini

Und das, obwohl sie auch noch andere Hobbys hat. «Ich sitze nicht gerne still», sagt Anzini auf ihre Freizeitplanung angesprochen. «Ich gehe regelmässig zum Kickboxtraining und bei schönem Wetter wandere ich in den Bergen. Ausserdem bin ich grosser Eishockeyfan und besuche Spiele des Clubs Ambrì Piotta.»

«Junge Leute sind sehr offen für Spiritualität»

In Vorbereitung auf den Weltjugendtag in Lissabon dieses Jahr hat die quirlige Tessinerin damit begonnen, portugiesisch zu lernen. Schliesslich will sie auch dort die Gelegenheit nutzen, um mit den jungen Gläubigen ins Gespräch zu kommen. 

Büro der Online-Delegation in Wislikofen. Mit dabei: Werbung für den Weltjugendtag in Lissabon.
Büro der Online-Delegation in Wislikofen. Mit dabei: Werbung für den Weltjugendtag in Lissabon.

Wie schwierig das manchmal sein kann, weiss auch Claire Jonard. Sie engagierte sich schon vor ihrer Zeit als geweihter Jungfrau in der Jugendpastoral. Heute geht sie auf die 50 zu. Ihre jahrelange Erfahrung hat sie gelehrt: «Junge Leute sind sehr offen für Spiritualität. Aber sie wollen von der Kirche ernster genommen werden.»

Frauen und Migration

Insbesondere die Themen Frauen in der Kirche und Migration stünden ganz oben, berichtet Jonard. Das Thema Migration sei sehr wichtig: «Viele haben eine eigene Migrationsgeschichte oder überlegen sich, ihre Heimat zu verlassen – das produziert Fragen, auf die eine Weltkirche Antworten haben sollte.»

Claire Jonard (r.) wird die lateinische Schweiz am Weltjugendtag in Lissabon 2023 vertreten.
Claire Jonard (r.) wird die lateinische Schweiz am Weltjugendtag in Lissabon 2023 vertreten.

Und Migration bedeute mehr als nur die karitative Dimension. Es gehe massgeblich um Begleitung. Die Kirche könne ein Wegbegleiter sein für Menschen, die ihren Wohnort wechseln, die Welt erkunden.

Die geweihte Jungfrau ist am silbernen Ring zu erkennen

Auch Jonard hat eine Migrationsgeschichte zu erzählen. Jonard stammt aus dem frankophonen Teil Belgiens. Dass sie eine Geweihte ist, ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Wie alle geweihten Jungfrauen trägt sie keine Ordenstracht – nur der breite silberne Ring an der rechten Hand verrät Kennerinnen und Kennern, mit wem sie auf geistiger Ebene verheiratet ist.  

Claire Jonard.
Claire Jonard.

Die meisten geweihten Jungfrauen arbeiteten auch nicht in kirchlichen, sondern in weltlichen Berufen, sagt Jonard. Sie sei eher eine Ausnahme.

«Ich fand es langweilig, in die Kirche zu gehen»

Und bei ihr sei das auch nicht selbstverständlich gewesen. Erst während ihres Studiums wurde ihr Glaube richtig lebendig. Ihren Weg hat damals ein Jesuitenpater begleitet, mit dem sie über ihre Zweifel und Ängste sprechen konnte – auch über ihre Beziehung zu Gott. «Im Gebet habe ich die Kraft gefunden, weiterzumachen», sagt Jonard heute. «Daraus schöpfe ich auch heute die Kraft für mein Engagement.»

Zehn Delegierte nehmen online von Wislikofen aus am Europa-Treffen in Prag teil.
Zehn Delegierte nehmen online von Wislikofen aus am Europa-Treffen in Prag teil.

Zeiten des Zweifelns kennt auch die tough auftretende Tessinerin Anzini. Als Jugendliche sei sie eine Weile nie in der Kirche gewesen, erzählt sie: «Ich fand es damals langweilig, in die Kirche zu gehen. Und die Kirche hat mir auch kein Angebot gemacht. Von der Jugendpastoral des Bistums hatte ich noch nie gehört.» Wenn niemand einen jungen Menschen begleite, passiere es schnell, dass er vom Weg abkomme. 

Sich Gehör verschaffen – zuhause wie in der Weltkirche

Der Tod ihrer Grosseltern und die Erfahrung,von der Gemeinschaft aufgefangen zu werden, habe ihren Weg zurück zur Kirche geführt, erinnert sich Anzini und lächelt zufrieden.

Valentina Anzini
Valentina Anzini

Sie ist in einem kleinen Dorf mit 80 Einwohnern im Tessiner Tal aufgewachsen. Das sei auf den ersten Blick klein, in Wirklichkeit habe man aber eine sehr grosse Dorffamilie. Ein Umstand, der lehrt, sich Gehör zu verschaffen. Zuhause. Und in der Weltkirche.


Valentina Anzini | © zVg
7. Februar 2023 | 07:42
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