Arm und Reich: Die meisten von uns sind nur ein paar Schritte von echter Not entfernt
«Versuchen Sie sich in einen Flüchtling zu versetzen, der vom Kanton acht Franken pro Tag für die Verpflegung bekommt», sagt der Berner Münsterpfarrer Beat Allemand in der SRF-Radiopredigt.
Beat Allemand*
Es ist ein kalter Morgen Anfang Jahr. Ich sitze in meiner Wohnung, froh, nicht in dieses trübe Januarwetter hinausgehen zu müssen. Vor dem Fenster versammeln sich Vögel. Für die Meisen baumelt ein löchriges Säckchen am Hacken, für die andern Vögel liegen die Kerne auf dem Vogelbrett. Ich kann hier sitzen, solange ich will, und sollte ich später am Tag hinausgehen, weiss ich, dass ich zurückkommen kann. Binnen Minuten werde ich es wieder warm und trocken haben.
Im schlimmsten Fall: Obdachlosigkeit
Die Wohnung gehört nicht mir. Ich bezahle Miete. Ich zahle die Kosten gern, weil es mir ermöglicht, in diesem Haus zu wohnen. Es gefällt mir hier. Besonders an einem so trüben Morgen wie an diesem wüsste ich keinen anderen Ort, wo ich lieber wäre.
Der Staat hat es so eingerichtet, dass bei uns niemand draussen übernachten muss. Armut ist in unserer reichen Schweiz nicht mehr vorstellbar. Wirklich? Nein, klar, wir wissen natürlich alle, dass es sie gibt, aber sie ist oft nicht sichtbar. Und sie will jenem Bild, das wir von der Schweiz haben, nicht gleichen. Und doch gibt es Menschen in diesem Land, die niemals ein Haus besitzen werden, die Monat für Monat just die Miete zahlen können oder gar mit der Miete in Rückstand geraten und Schulden haben. Im schlimmsten Fall können Menschen in die Obdachlosigkeit geraten, weil sie gar kein Geld haben.
Von echter Not entfernt
Ich glaube nicht, dass ein Mensch freiwillig draussen oder in einer Notschlafstelle übernachtet. Er mag verwirrt sein, er mag drogensüchtig sein, er mag Alkoholiker sein, aber er schläft nicht draussen oder in einer Notschlafstelle, weil er diese Probleme hat, sondern weil er es sich nicht leisten kann, anderswo zu leben.
Wir alle können jederzeit Pech haben. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, was uns alles passieren könnte. Den Job verlieren, plötzlich alleinerziehend sein oder krank. Die meisten von uns sind nur ein paar Schritte von echter Not entfernt. Eine Reihe von unglücklichen Ereignissen könnte uns ruinieren. Wer sind wir, uns einzubilden, so etwas könnte uns nicht passieren?
Glück hat, wer gut abgesichert ist
Wir leben in einer Zeit grossen Wohlstands, aber auf der Jagd nach immer grösseren Profiten vergessen wir manchmal, dass viele Menschen zurückbleiben. Wir reden nicht gern darüber, aber wenn die Reichen immer reicher werden und immer mehr Leute kaum über die Runden kommen, ist das ein Problem. Corona hat die Situation noch verschärft. Das zeigen die Statistiken und das Merkmal jeder Statistik ist, dass aus Menschen Zahlen werden. Einer dieser Zahlenaspekte hat mich in den vergangenen Monaten besonders beschäftigt. Seit der Pandemie sind noch mehr Leute auf Unterstützung angewiesen. Sie müssen jeden Franken umdrehen. Zudem steigen die Lebensunterhaltskosten. Das Thema wird seit Beginn der Pandemie diskutiert und es wurden Weichen gestellt. Und gleichzeitig wird debattiert. Reicht es wohl, bekommen die Richtigen das Geld? Und wer verdient an dieser ganzen Misere am meisten?
Als Pfarrer bin ich ein gut abgesicherter Unselbstständiger. Mir bereitet die Arbeits- und Finanzsituation zumindest jetzt grade keine Sorgen. Ich kann vielleicht ein Stück weit warten, bis die Pandemie vorbei ist. Dieser Unterschied zieht sich durch unser ganzes Land. Glück hat, wer gut abgesichert ist, wer weiter arbeiten kann, wer gebraucht wird und gefragt. Pech haben jene, denen von einem Tag auf den anderen die Arbeit weggenommen wurde. Und wenn ich daran denke, habe ich nicht Zahlen vor Augen, sondern ganz konkrete Gesichter mit Namen.
Spirale der Armut
Arm sein wie viele auf der Welt. Wenn ich arm bin, werde ich am Abend, müde von der Arbeit, in die fragenden Augen meiner Tochter schauen, die noch nie in sonnigen Ferien war und kein Trottinett oder Fahrrad besitzt. Ich bin hilflos, schäme mich oder bin traurig. Am Wirtshaustisch ergreift mich Zorn. Im «Blick» habe ich von möglichen Rentenkürzungen und von Riesenlöhnen verantwortungsloser Manager gelesen. Neid hat sich eingefressen, wurmt mich.
Wenn ich noch ärmer bin, lebe ich von ein paar Sozialamtsfranken auf der Gasse. Versuche mein Glück im Spiel. Es ist schwer, nicht zu verwahrlosen. Irgendeinmal beginne ich vielleicht entmutigt schmutzig zu werden, Kollegen zu belügen, die auch nicht mehr haben als ich, ich lüge und stehle.
Armut als Brutstätte der Gewalt
Es ist anstössig, aber es wird in dieser Welt auch weiterhin Reiche und Arme geben. Armut und Reichtum sind nicht einfach gut oder schlecht. Reichtum ist weder Tugend noch Laster, und völlig unsinnig wäre es, unfreiwillige Armut als gottgefällig zu preisen. Zu bitter sind ihre Früchte: Prostitution aus Not, selbst von Kindern, Armut als Brutstätte der Gewalt. In der Beziehung zwischen Reich und Arm gibt es Dinge, die gegen die Liebe, gegen das Reich des Friedens und der Gerechtigkeit gerichtet sind. Nächstenliebe wäre für jede Religion auf der Welt von zentraler Bedeutung – nicht nur als etwas, das gefördert werden muss, sondern ein wesentlicher Bestandteil der Beziehung eines Menschen zu Gott.
Es gibt in der Bibel eine schöne Geschichte von einer Witwe, die mit ihrem letzten Öl und letzten Mehl dem Flüchtling Elias ein Brötchen bäckt, und Gott machte, dass immer noch ein bisschen Öl im Krug blieb und ein bisschen Mehl im Topf. Immer, wenn sie es rausnahm, war wieder ein kleines bisschen drin. Das ist nicht Reichtum, das ist das, was man zum Leben braucht. Ein solches Portemonnaie, in dem nie genug drin ist, um Grosses zu kaufen, aber immer ein bisschen für Kleines – das wäre für manche Menschen Glück.
Wo Gesichter sich begegnen…
Inzwischen ist es Abend geworden. Einige Stunden sind vergangen, seit ich begonnen habe, diese Predigt zu schreiben. In der ganzen Zeit ist es warm im Zimmer. Der Himmel draussen ist dunkel geworden. Ich habe keine Antworten, keinen Rat zu geben, keine Vorschläge zu machen. Ich bitte Sie nur darum, einmal an das Wetter zu denken. Und sich dann, wenn Sie können, in eine alleinstehende Frau mit drei Kindern zu versetzen, die nur das Nötigste hat, um über die Runden zu kommen. Oder versuchen Sie sich in einen Flüchtling zu versetzen, der vom Kanton acht Franken pro Tag für die Verpflegung bekommt oder in einen Obdachlosen, der in der Stadt auf dem Boden sitzt und irgendwie versucht, sich warm zu halten. Zum Beispiel an einem Tag wie heute, zwei Wochen nach Weihnachten, draussen in den Strassen einer Schweizer Stadt.
Was wäre, wenn wir plötzlich ein Gesicht vor uns hätten? Und wo Gesichter sich begegnen, nicht Zahlen, nicht Statistiken, sondern Gesichter, da gibt es Geschichten. Und wo es Geschichten gibt, können mitten im Winter Blumen blühen.
* Der reformierte Theologe Beat Allemand ist Pfarrer des Berner Münsters. Zu den SRF-Radiopredigten geht es hier.
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