Von links die Schwestern Monika Hüppi, Maria José de Sousa Brito, Annemarie Müller und Brigitte Hobi.
Porträt

Annemarie Müller über Weihnachten: «Wir sind Menschen und müssen nicht perfekt sein»

Annemarie Müller (58) ist die jüngste und höchste Ilanzer Dominikanerin. Mitte Oktober wurde sie als Generalpriorin bestätigt. Das Kloster mit knapp 80 Schwestern steht vor vielen Herausforderungen. Der Altersdurchschnitt liegt bei 83 Jahren. Ängste, Depressionen und Suizid gibt’s auch im Kloster. Doch die Dominikanerin ist hoffnungsvoll. Gerade vor Weihnachten.

Eva Meienberg

Der Weg zum Kloster der Ilanzer Dominikanerinnen ist steil. Umso lohnender die Aussicht über die Kleinstadt in der Surselva und das Alpenpanorama. Aber auch ein Kloster ist kein Himmel auf Erden. Im Alter häuften sich Ängste und die Gefahr, an Depressionen zu erkranken, berichtet Schwester Annemarie Müller in einem Besprechungszimmer, das sich seit dem Bau des Klosters in den späten 1960er-Jahren kaum verändert hat.

Tabu-Thema Suizid im Kloster

Selbst das Tabu-Thema Suizid mache vor der Klostertür nicht halt: Der erste Todesfall in ihrer Zeit als Generalpriorin sei der Suizid einer Mitschwester gewesen: ein Schock für die Gemeinschaft und Anlass, viele Gespräche über Altersbeschwerden, Ängste und Depressionen zu führen. Die Schwestern hätten gemerkt, wie wichtig es sei, sich mitzuteilen und Hilfe zu holen.

Annemarie Müller, Generalpriorin von Ilanz
Annemarie Müller, Generalpriorin von Ilanz

Über ihre Wiederwahl zur Generalpriorin sagt Annemarie Müller: «Ich geniesse das Vertrauen meiner Mitschwestern und viele mögen mich.» Die Dominikanerin wirkt bescheiden aber auch pragmatisch. Mit 58 Jahren ist sie in Ilanz die jüngste Ordensschwester. In einer Klostergemeinschaft mit einem Altersdurchschnitt von 83 Jahren ist die Auswahl für eine Leitungsfunktion klein.

Offener, kritischer Katholizismus

Annemarie Müller kam am 1. Januar 1964 in Uznach auf die Welt. Zusammen mit zwei jüngeren Geschwistern und den Grosseltern lebte die Familie Müller auf ihrem Bauernhof in Ernetschwil im Kanton St. Gallen.

Zu Hause wurde am Tisch und am Abend vor dem Schlafen gebetet. Am Sonntag ging die Familie in den Gottesdienst. Freundschaften über die Konfessionsgrenze hinaus habe die Mutter nicht gern gesehen. «Dagegen habe ich mich gewehrt», sagt Annemarie Müller. Auswärts sei sie jedoch introvertiert und scheu gewesen. Im Internat der Ilanzer Schwestern, wo sie ihre Sekundarschule absolvierte, habe sie schliesslich ein anderes Katholisch-Sein erfahren: offener, kritischer.

Die Eltern dachten, ihre Tochter würde heiraten

Dass Annemarie Müller ihre Sekundarschulzeit bei den Dominikanerinnen verbrachte, verdankte sie ihrer Tante Gerlinde, die noch heute im Kloster Ilanz lebt. Nach der Sekundarschule wollte die Schülerin an die Kantonsschule. Diesen Wunsch erfüllten ihr die Eltern nicht. Die Tochter würde sowieso heiraten, ein Studium sei deshalb nicht nötig.

Frische Luft: Bei den Dominikanerinnen in Ilanz.
Frische Luft: Bei den Dominikanerinnen in Ilanz.

Schwester Annemarie erzählt ihre Geschichte ohne Bitterkeit. Dass sie nicht in die Kantonsschule gehen durfte, habe sie recht schnell weggesteckt. Die 58-Jährige richtet ihren Schleier, der die kurzen graumelierten Haare verdeckt. Sie spricht konzentriert und um genaue Formulierungen bemüht. Ein paar Mal muss die Ordensschwester herzlich lachen. Zum Beispiel auf die Frage, ob sie konservativ sei.

In den 1980er-Jahren ging’s ums Aussteigen

«Die katholische Kirche ist rückständig», gibt die Klostervorsteherin zur Antwort. Es könne nicht sein, dass in ihr nur die Männer das Sagen hätten. Im 21. Jahrhundert könnten die Frauen immer noch nicht Priesterinnen sein und die Sakramente spenden, das gehe nicht. Dass in der Kirche nicht alle Menschen gleichbehandelt würden, sei nicht in Ordnung, richte sich gegen die Menschenwürde.

Bei den Dominikanerinnen von Ilanz.
Bei den Dominikanerinnen von Ilanz.

Annemarie Müller machte nach der Sekundarschule eine kaufmännische Lehre auf der Gemeindeverwaltung in Ernetschwil. «Ich hätte einfach weiter machen und ein bürgerliches Leben führen können. Aber in so ein Leben habe ich nicht reingepasst.» Sie habe ein alternatives Leben führen wollen, sagt die Ordensfrau. In den 1980er-Jahren sei oft die Rede vom Aussteigen gewesen.

Sie hat keinen Führerausweis

Annemarie Müller verliess den vorbestimmten Pfad und besuchte die Bäuerinnenschule der Dominikanerinnen in Ilanz. Dort sei sie noch mehr zu einer kritischen Haltung erzogen worden. Aus ökologischen Gründen verzichtete die Bauerntochter damals ganz bewusst, das Autofahren zu lernen. 1989, nach einigen Jahren der Suche, fand Annemarie Müller ihren Ausstieg und begann das Postulat bei den Dominikanerinnen in Ilanz.

Photovoltaik-Solaranlage auf dem Dach des Klosters Ilanz.
Photovoltaik-Solaranlage auf dem Dach des Klosters Ilanz.

Am 19. März 1998 feierte Annemarie Müller ihre ewige Profess. Geholfen hatte ihr, mit einer der wenigen jungen Schwestern befreundet zu sein. «Damals dachte ich, wir würden den Weg gemeinsam gehen», sagt Annemarie Müller. Wenige Monate später trat diese Schwester aus dem Kloster aus. «Ihr Austritt war schmerzhaft und hat mich gleichzeitig darin bestärkt, mich richtig entschieden zu haben – aus freien Stücken», sagt Annemarie Müller.

«Es ist wichtig, Freundschaften zu pflegen»

Viele Ordensgemeinschaften verbieten eine sogenannte Partikularfreundschaft – die Freundschaft zu einer Person. Annemarie Müller präzisiert: «Es ist wichtig, Freundschaften zu pflegen.». Wichtig sei jedoch, dass einem dabei bewusst sei, worauf man sich einlasse. Die Freundschaft dürfe nicht partikular sein, sondern müsse genügend Freiraum zulassen, damit das Beziehungsgefüge der Gemeinschaft nicht darunter leidet.

Dominikanerinnen-Kloster in Ilanz GR
Dominikanerinnen-Kloster in Ilanz GR

«Wir Ordensfrauen haben uns für ein Leben in Gemeinschaft in der Nachfolge Jesu Christi entschieden. Darum müssen wir der Gemeinschaft Sorge tragen und frei bleiben, um für sie die nötigen Aufgaben übernehmen zu können.»

Weiterbildung in Betriebsökonomie und Personalwesen

Auf Schwester Annemarie warteten Aufgaben in der Administration des Klosters. Ihre kaufmännische Ausbildung war nun gefragt. Weiterbildungen am Schweizerischen Institut für Betriebsökonomie in Zürich und Kurse in Personalwesen in St. Gallen hätten ihr geholfen, die Aufgaben als Bereichsleiterin für die Administration des Klosters zu bewältigen. 

Gleichzeitig hätten sie die Kurse mit den weltlichen Betriebswirtinnen und -wirten auch nachdenklich gestimmt. «Wir waren alle um die Dreissig. Einige waren in Beziehungen, andere gründeten gerade eine Familie.» Und Schwester Annemarie kehrte am Abend nach Hause zurück – ins Kloster. «Da habe ich gespürt, wie anders mein Leben ist.»

Auch Brasilien und Taiwan gehörten früher dazu

2003 wurde Annemarie Müller zur Generalprokuratorin gewählt und verantwortete nun die Wirtschaftsverwaltung der ganzen Kongregation. Dazu gehörten damals auch Niederlassungen in Deutschland, Österreich, Brasilien und Taiwan. Mit der neuen Aufgabe vor Augen entschloss sie sich, am Institut für angewandte Psychologie in Zürich berufsbegleitend ein zweijähriges Führungsseminar zu besuchen.

Besuch des konsularischen Repräsentanten Taiwans im Kloster Ilanz
Besuch des konsularischen Repräsentanten Taiwans im Kloster Ilanz

Nach einer weiteren Ausbildung für Verantwortungsträgerinnen in Ordensgemeinschaften am Kardinal König Haus in Wien wurde Annemarie Müller im Oktober 2015 zur Generalpriorin der Ilanzer Dominikanerinnen gewählt. «Die Gemeinschaft der Schwestern hat den Boden bereitet, dass ich mich von einer introvertierten Persönlichkeit zu einer Führungsperson entwickeln konnte.»

Nachsicht mit anderen Menschen üben

Sie versuche alle Schwestern zu sehen, sagt die Generalpriorin. Und vermeide es, einen Kreis von Auserwählten um sich zu scharen. Sie versuche, die Gemeinschaft auf dem Laufenden zu halten und offen über Entscheidungen Auskunft zu geben. Manchmal spüre sie die Einsamkeit einer Führungsperson. Etwa wenn sie die Reaktionen auf unbequeme Entscheidungen alleine aushalten müsse. 

Apfelernte im Kloster Ilanz
Apfelernte im Kloster Ilanz

Bald ist Weihnachten. «Für mich ist wichtig, dass Gott Mensch geworden ist», sagt Annemarie Müller. Sie nehme Weihnachten zum Anlass, selbst menschlicher zu werden. Etwa im Umgang mit sich selbst: «Wir sind Menschen und müssen nicht perfekt sein.» In der Adventszeit wolle sie Nachsicht mit sich und mit anderen Menschen üben. 

Vertrauen in Gottes Führung

«In der Adventszeit geniesse ich das Schweigen beim Frühstück. So können die Gedanken aus den Laudes noch etwas nachklingen, bevor die Arbeit wieder meine ganze Aufmerksamkeit fordert», sagt die Generalpriorin.

«Ich habe Vertrauen in Gottes Führung. Das heisst aber nicht, dass ich untätig bin und denke, Gott richte es dann schon», sagt Annemarie Müller. Als Ordensfrau geniesse sie das Privileg, die geistliche Dimension in ihre Entscheidungen miteinzubeziehen. Das gilt auch für die anstehenden Veränderungen des Klosters.

Noch ist die Krippe leer

«Mach den Raum deines Zeltes weit.» Das Prophetenwort leite sie in ihren Entscheidungen und habe auch die Schwestern dazu bewogen, jenen Menschen, welche die Gemeinschaft auf ihrem Weg der Veränderungen begleiten, mehr Platz im Zelt zu gewähren.

Warten auf Weihnachten: Die Krippe in Ilanz.
Warten auf Weihnachten: Die Krippe in Ilanz.

Annemarie Müller muss weiter. Will aber die Gelegenheit beim Schopf packen, um die berühmte Krippe ihrer Mitschwester Anita Derungs in der Kirche zu zeigen. Die Figuren ohne Gesichter stellen die Weihnachtsgeschichte dar. Von der Verkündigung bis zur Geburt. Noch ist die Krippe leer. Gott muss erst Mensch werden.


Von links die Schwestern Monika Hüppi, Maria José de Sousa Brito, Annemarie Müller und Brigitte Hobi. | © Kloster Ilanz
20. Dezember 2022 | 10:13
Lesezeit : ca. 5  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!