Andrea Meier: «Ich leihe meine Stimme Arwa Othman»
Der 3. Sonntag in der christlichen Fastenzeit wird «Oculi» genannt. Oculi heisst Augen. Er will uns anhalten, den Blick im Leben auszurichten. Die jemenitische Journalistin richtet ihren Blick durch die Kamera und benennt, was sie sieht. Ihr leiht Radiopredigerin Andrea Meier heute die Stimme.
Andrea Meier *
Ein Bilderbuchtag in der Postkartenstadt. Die Luft ist noch ein wenig kühl, als ich durch die sonntäglich aufgeräumte Innenstadt zu unserer Kirche gehe – die Abendsonne setzt den altehrwürdigen Gebäuden Glanzlichter auf. Wir haben einen Abend mit Arwa Otman vorbereitet. Sie ist Schriftstellerin, Journalistin, Anthropologin und Frauenrechtlerin und eine der entschiedensten Aktivistinnen, die sich für Frauen- und Kinderrechte im Jemen einsetzt. Heute lebt Arwa Othman in Deutschland.
Kein persönliches Treffen
Und nun gehe ich zur Kirche, um die Technik einzurichten, den Apéro vorzubereiten, die Musiker*innen zu begrüssen. Arwa werde ich leider nicht persönlich kennenlernen. Im letzten Moment ist etwas schief gegangen mit ihren Papieren. Sie kann Deutschland aktuell nicht verlassen. Sie versteht nicht genau, was das Problem ist. «That is what happens to people during war time.» «Sowas passiert Menschen im Krieg» oder wie es ihre Freundin ausdrückt: «Weisst du – sie ist jetzt einfach ein Flüchtling».
Arwas Blick auf die Welt ist geschärft: durch ihre Arbeit als Fotografin und durch ihr Engagement für die Menschen in ihrem Land. Sie sieht klar und benennt was sie sieht: was mit dem Jemen geschah und geschieht, wie sich ihr eigenes Leben dramatisch verändert. Und sie weiss um die Macht der Bilder, auch der Gegenbilder.
Den Blick ausrichten
Heute ist der 3.Sonntag der christlichen Fastenzeit, die die 40 Tage vor Ostern umfasst. In der katholischen Tradition trägt er den Namen «Oculi» auf Deutsch «Augen». Den Blick ausrichten – darum geht es heute, aber nicht nur heute. Die Bilder, die wir uns machen, machen einen Unterschied?
Der Schweizer Schriftsteller Robert Walser schreibt: «Religion ist nach meiner Erfahrung Liebe zum Leben, inniges Hangen an der Erde, Freude am Moment, Vertrauen in die Schönheit, Glauben an die Menschen, Sorglosigkeit beim Gelage mit Freunden, Lust zum Sinnen und das Gefühl der Verantwortungslosigkeit in Unglücksfällen, Lächeln beim Tode und Mut in jeder Art Unternehmungen, die das Leben bietet.» Fast 120 Jahre später muss ich an diesen Satz denken, während ich die Bilder dieser jemenitischen Fotografin anschaue.
Ihre Art, die Hoffnung nicht aufzugeben, die Kraft der Menschen hochzuhalten und mutig umzugehen mit der Katastrophe in ihrem Heimatland finden sich auch in ihrer Rede, die sie uns geschickt hat.
Andrea Meier leiht Arwa Othman ihre Stimme
An diesem Oculi-Sonntag leihe ich darum meine Stimme Arwa Othman. Dieser Frau, die von sich sagt, sie habe schon als kleines Kind mit ihren Blicken Fotos aufgenommen und die der Versehrtheit ihres Heimatlandes Bilder entgegensetzt von glücklichen, stolzen Menschen. Eine Frau, die gelernt hat, dass die Bilder bestand haben können entgegen einem zerstörerischen Zeitgeist, weil sie die Vision dessen hochhalten, dass die Welt auch ganz anders sein könnte.
Schreiben mit Licht
Arwa Othman schreibt: ‹Ich bin der Fotografie verfallen›, sagte der französische Philosoph Roland Barthes – ein Satz, der mein fotografisches Abenteuer, meine tägliche Leidenschaft, meine intime und zugleich überwältigende Obsession perfekt zusammenfasst. Mehr als dreissig Jahre lang, bis zu diesem Moment im Jahr 2025.
Heute, an der Schwelle zu meinem sechzigsten Lebensjahr, frage ich mich: Bin ich in diesem Bild, oder stehe ich ausserhalb davon? Oder bin ich ein Teil davon? Ich kann sagen: Ich war ein Teil des Bildes, eingebettet in die Welt der Menschen – aus allen Schichten, aus allen Kulturen. Bevor ich je eine Kamera besass, waren meine Augen meine Linse. Sie fingen unzählige mentale Schnappschüsse von meiner Straße in Taiz – meiner Geburtsstadt – ein. Ich war Teil des täglichen Karnevals des Souq Al-Sameel.
Doch als ich endlich eine Kamera in den Händen hielt, gab es den Markt nicht mehr. Viele der unverschleierten Frauengesichter waren verschwunden, als Schleier, Verbote und Tabus sich ausbreiteten – und das Gesicht, die Stimme, das Bild einer Frau zur Schande erklärt wurden.
Trotzdem gelang es mir, einige dieser Gesichter einzufangen, bevor sie für immer verschwanden – besonders in den frühen 2000er-Jahren. Ich befand mich in einem Wettlauf gegen die Zeit, reiste durch die Landschaften Jemens, vor allem durch die abgelegenen ländlichen Gebiete, wo die Natur und die Einfachheit noch ursprünglich waren.
Meine fotografischen Tage begannen im Morgengrauen – die Kamera unter dem Arm – wanderte ich durch Gassen und Märkte, fing Sonnenaufgänge, Fenster und Türen, Vögel und das erste Erwachen des Tages ein: Bauern, Händler, Arbeiterinnen, Frauen in den Feldern. Ich suchte nach Gesichtern im Licht – in engen Strassen, auf steinigen Pfaden, an Wasserquellen, in belebten Versammlungen. Ich machte so viele Bilder wie möglich.
Aber mit der Zeit wurden es immer weniger. Sie verblassten. Sie verschwanden – vor allem die Gesichter der Frauen, verborgen hinter Verboten und Einschränkungen oder vielleicht auch verschluckt vom Strom des Lebens, im Guten wie im Schlechten. Ich verlor meine Schatzkammer alltäglicher Momente, das bunte Mosaik des Lebens, das ich in meinen Fotografien eingefangen hatte.
Bild Schleier
Der Souq Al-Sameel existierte nur noch dem Namen nach. Der Markt war verschwunden. Was blieb, war Al-Sameel (dicker Stock) – ein Wort, das nun für Krieg und Zerstörung stand.
Vieles von der Schönheit, die einst das Leben ausmachte, war verschwunden – die strahlenden Gesichter, die Lebensfreude, die sanfte Taube, Salma, der Verrückte aus unserer Nachbarschaft, unser Straßencafé, unsere Schule – ein untrennbarer Teil der Erinnerung an die Stadt.
Ich suchte nach einer Sprache, die die Zeit anhalten konnte, die die Schwere eines Moments festhielt – das Zittern eines Herzens, das Flattern von Augenlidern, die feinen Linien eines Lächelns im Morgengrauen oder bei Sonnenuntergang, Schmerz und Trauer. Ich richtete meine Linse – und es entstand ein Bild. «Existenz ist Vision», sagte der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges.
Durch meine Linse fing ich die Vision ein – das Gesicht. Ich rannte gegen die Zeit an, während sich die Türen der Sichtbarkeit mit erschreckender Geschwindigkeit schlossen. Ich richtete meine Kamera auf weibliche Gesichter – junge Mädchen, Kinder, deren Antlitz noch offen war – wissend, dass sie bald ausgelöscht, hinter Schwarz verborgen und durch kulturelle, religiöse und politische Verbote zum Schweigen gebracht würden.
Diese Angst verfolgte mich. Ich wollte alles fotografieren – denn heute war noch offen, aber morgen würde es verschlossen sein. Und genau das geschah. Mit dem Erstarken des politischen Islams – sowohl in seiner sunnitischen als auch in seiner schiitischen Ausprägung – wurde alles verboten, jede Tür geschlossen, sogar der Atem des Lebens erstickt. HALT: Fotografieren verboten.
Mehr als einmal wurde meine bescheidene Kamera in Jemen zum Schweigen gebracht – durch Verbote, Beschlagnahmungen, Durchsuchungen, Schläge, das Löschen meiner Bilder. Besonders 2011, während der Proteste des Arabischen Frühlings. Doch am schlimmsten war es mit der Huthi-Invasion ab 2014, während meines erzwungenen Hausarrests. Meine Kamera erlitt einen Schlaganfall.
In den letzten Tagen meiner Reise – oder besser gesagt: meines flüchtigen Besuchs – kehrte ich 2016 verschleiert und unerkannt nach Taiz zurück. Ich hatte keine Kamera, nur mein Handy, mit dem ich heimlich Bilder aufnahm, während ich mich durch die Strassen bewegte, zwischen den allgegenwärtigen Milizen. Ich zitterte vor Angst, entdeckt zu werden.
An diesem Tag erkannte ich meine eigene Stadt nicht wieder – nicht die Straßen, nicht die Gassen, nicht die vertrauten Winkel meiner Kindheit. Alles war zerstört. Die Menschen, die ich einst fotografiert hatte, waren verschwunden. Ich suchte nach den Fenstern, den Ständen der Händler, den Spielplätzen der Kinder, den Wegen zur Schule. Aber alles lag in stummer Agonie. Zerstörung überall. Vieles von dem, was ich über Jahre und Jahrzehnte hinweg fotografiert hatte, war zu Trümmern geworden.
Jahrelang konnte ich meine alten Fotos nicht ansehen – konnte nicht den Vergleich zwischen gestern und heute ertragen, die schmerzhaften Erinnerungen, die mein Leben zu einem endlosen Albtraum machten, besonders in meiner neuen Heimat Deutschland. Doch ich heilte. Ich überwand die Angst, meine Bildarchive zu öffnen. Ich begann, die Tausenden von Fotos zu betrachten, die ich in über dreissig Jahren aufgenommen hatte.
Traurigerweise wurden sie nun als «Erinnerungen an eine goldene Zeit» bezeichnet – eine Formulierung, die ich stets abgelehnt habe. Denn Fotografie ist keine Nostalgie. Sie ist eine lebendige Kunst. Sie fängt die Schönheit der Gegenwart ein, den Atem der Zukunft. Ja, eine Fotografie ist eine Erinnerung – aber sie ist auch ein fortwährendes Leben.
Heute sind Taiz und die anderen Städte Jemens nur noch Ruinen, bevölkert von streunenden Hunden, Milizen und vom Krieg zermürbten Menschen. Und doch erhebt sich mit jedem Sonnenaufgang eine Stimme zum Himmel: «Ya Fattah, Ya Aleem – O Öffnender, O Wissender, öffne uns deine Türen.» Ein stummes Gebet. Eine visuelle Sprache – ohne das Klicken einer Kamera.
Ein anderer Wendepunkt: Während meiner Flucht aus dem Jemen im März 2017 entkam meine Kamera nur knapp der Beschlagnahmung. Die Milizen durchsuchten Reisende – doch meine Kamera überlebte. Ich überlebte. Und so fanden diese Bilder ihren Weg hierher, in diese Kirche in Bern. … Die Blicke in diesen Fotos sprechen zu mir von Orten und Farben. Manche Details mögen verblassen, aber die Linien der Gesichter, die Stoffe der Kleidung, die Landschaften – sie füllen meine Seele. Sie flüstern mir zu: «Es ist Zeit, Geschichten zu erzählen.» Denn ein Bild ist Heimat. Und Heimat ist dort, wo ich stehe. Ein Bild ist Freiheit.»
Danke für den klaren Blick
Danke Arwa Otman für deinen Text, für deine Augen, für deinen klaren Blick, der ein Bild von Freiheit malt in einer Welt, die mir zu oft so düster erscheint. Den Blick richten, mich ausrichten – darum geht es wohl. In der kommenden Zeit auf Ostern hin – und immer. Ich wünsche ihnen eine gute verbleibende Fastenzeit.
*Andrea Meier ist römisch-katholische Theologin und arbeitet in Bern.
Die SRF-Radiopredigten sind eine Koproduktion des Katholischen Medienzentrums, der Reformierten Medien und SRF2 Kultur.
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