Susanne Cappus: Das Herz verstehen
Die Frage nach Gut und Böse ist Thema der Radiopredigt von Susanne Cappus. Als Kind waren schwarz und weiss die Farben auf der Beurteilungsskala. Doch was, wenn die Grautöne überwiegen?
Susanne Cappus*
Die roten Schuhe, die prägten sich mir ein. Rot, glitzernd und so elegant! Mehr noch, es waren sogar Zauberschuhe! Und sie halfen Dorothy, der jungen Frau im Film «Der Zauberer von Oz». Fast noch mehr aber faszinierte mich als Kind die grüne Hexe des Westens, die mit ihrem Heer von fliegenden Affen daherkommt; damit macht sie Dorothy und ihren Freunden das Leben schwer. Die grüne Hexe ist so richtig böse. Dagegen ist Glinda, die gute Hexe des Nordens, Schwachstrom. Die beiden Hexen sind klar definierte Gegensätze. Gut und Böse ist da einfach zu unterscheiden.
Wenn böse nicht mehr böse ist
Letztes Jahr ist die Vorgeschichte des «Zauberers von Oz» in die Kinos gekommen. «Wicked», also «Böse», heisst der Streifen. Zwei Oscars hat er gewonnen. Der Titel «Böse» ist eigentlich irreführend. Böse ist in diesem neuen Film nicht mehr wirklich böse und gut ist auch nicht mehr nur gut. Die «böse» Hexe des Westens ist in diesem neuen Film zwar immer noch grün, aber auch prinzipienfest. Sie hilft Schwächeren, setzt sich für Tiere ein und lässt sich nicht von Macht verderben. Deshalb wird sie dann auch von ihren Gegenspielern als böse verschrien.
Die gute Hexe, Glinda, dagegen hat zwar immer noch gute Seiten; sie ist jetzt aber auch zickig und lässt sich von der Macht verführen. Gut und Böse sind in diesem neuen Film nicht mehr eindeutig verteilt. Und so lässt sich das Böse auch nicht mehr so einfach aus der Welt schaffen. In der alten Filmversion von 1939 genügte noch ein Guss Wasser und die böse Hexe schmolz dahin. Wenn es nur so einfach wäre!
Nicht mehr schwarz und weiss
Die Lage ist im 21. Jahrhundert definitiv unübersichtlicher geworden. Oder, vielleicht besser gesagt, wenn man denn wollte, könnte man wissen, dass neben Schwarz und Weiss auch Grautöne existieren. In diesem Graubereich wird es aber schwierig, dem Bösen zu wehren. Denn, bevor man dem Bösen entgegentritt, muss man es ja erst einmal erkennen.
Was ist böse? Und wer ist böse? Ist böse ein biologisches Defizit, zum Beispiel eine Schädigung bestimmter Hirnareale? Oder gehört Böses vielleicht ganz einfach zum Mensch als Mensch dazu? Werden böse Taten durch schlechte Erfahrungen hervorgerufen? Aber, weshalb gibt es dann Menschen, die schlechte Erfahrungen gemacht haben und doch nicht böse werden?
Und, ist eine Handlung, die anderen schadet, böse, wenn sie aus Not geschieht? Oder ist eine Tat nur dann böse, wenn sie von der Absicht geleitet wird, jemandem zu schaden? Wie, wie nur soll ich das richtig beurteilen. Ich kenne doch immer nur einen Bruchteil eines anderen Menschen.
Es ist Gottes Sache
Jesus gibt mit einer Geschichte eine kluge Antwort auf diese Fragen: Ein Bauer sät Weizen auf seinem Feld. In der Nacht kommen Menschen und säen Unkraut dazwischen. Als dann die Saat ein Stück gewachsen ist, gehen die Knechte zum Bauern und fragen ihn: «Da ist Unkraut auf deinem Weizenfeld. Sollen wir es ausreissen?» Der Bauer winkt ab. «Lieber nicht, sonst reisst ihr auch noch den guten Weizen aus.
Wenn alles reif ist, sollen die Schnitter das Unkraut vom Weizen trennen.» Die Geschichte zeigt: Es ist nicht unsere Sache, Gut und Böse endgültig zu beurteilen. Es ist Gottes Sache. Eine andere Stelle in der Bibel fasst das so zusammen: «Gott urteilt nicht wie die Menschen. Der Mensch sieht nur das Äussere. Gott aber sieht das Herz».
Das grosse «Aber»
Aber, und hier kommt mein grosses «Aber», soll man Böses einfach so stehen lassen und sich darauf berufen, dass das halt Gottes Angelegenheit sei? Soll ich zusehen, wenn andere oder ich selbst gemobbt, betrogen oder verletzt werden? Ist das dann halt einfach «Gottes Angelegenheit»? Jein.
Jesus selbst tritt Bösem entgegen. Er tut das überlegt. Jesus passt seine Reaktionen seinem Gegenüber an. Eine Ehefrau, die fremd gegangen ist, verurteilt er nicht. Er korrigiert sie diskret. Religiöse Heuchler dagegen kanzelt er mit scharfen Worten ab. Und Menschen, die ihn böswillig aufs Glatteis führen wollen, lässt Jesus ins Leere laufen. Manchmal sogar lässt er dem Bösen seinen Lauf.
Fehler, für die der Verursacher bereits geradegestanden hat, müssen nicht wieder aufgewärmt werden. Aber es ist richtig, Böses, gerade wenn es heuchlerisch daherkommt, deutlich zu benennen. Intrigen und Mobbing scheuen das Licht. Manchmal aber, ist es besser, nicht einzugreifen.
Vielleicht sehe ich ja nur einen Teil des Gesamtbildes. Nur welche Reaktion ist in welcher Situation angemessen? Wann greife ich ein und wann nicht? Jesus, der in Einheit mit Gott lebte, wusste, was zu tun war. Ich aber bin Mensch. Wie komme ich zu einem vertretbaren Urteil? Wie erkenne ich das Herz eines anderen Menschen?
Herzen verstehen
Ich glaube nicht, dass ich das Herz eines anderen Menschen je erkennen kann. Ich habe schon Mühe, mein eigenes zu verstehen. Aber genau da liegt auch der Schlüssel. Es geht um mich. Nach welchen Massstäben denke und handle ich? Welches ist meine innere Leitschnur?
Mir hilft da ein alter, biblischer Text der jüdischen Tradition. Im Buch der Sprichwörter geht es um die ganz grossen Fragen: Was ist böse? Was ist gut? Woran richte ich mich aus? Wortgewaltig und bilderreich werden dort diese Fragen erörtert. Und mittendrin steht dieser einfache Satz: «Mehr als alles hüte dein Herz, denn von ihm geht das Leben aus.»
Das Herz als Schlüssel
Mehr als alles hüte dein Herz, denn von ihm geht das Leben aus. Der Schlüssel zum Umgang mit Bösem liegt für mich in mir selbst. Wenn ich mich bemühe, mein eigenes Herz zu verstehen und mein Denken, Reden und Handeln auf gute und weniger gute Absichten hin zu prüfen, dann wird es für mich auch leichter, andere Menschen zu verstehen. Ich kann die Absichten eines anderen besser erkennen und damit angemessen reagieren. Angemessen, weil ich um meine eigenen dunklen Seiten weiss.
Ich ahne, wie wachsam ich meinem eigenen Denken gegenüber sein muss, oder eben, dass ich mein Herz gut hüten muss, damit Leben, damit Licht und Freude in meine Umgebung strahlen.
*Susanne Cappus ist christkatholische Diakonin und arbeitet in Dornach.
Bibelstellen: Mt 13,24; 1 Sam 16,7; Joh 8,1-11; Mt 23,1-33; Mt 22,15-21; Mt 26,47-56; Spr 4,23
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