Schweiz

Abt Urban: «Von der Familiensynode erwarte ich eine andere Sprache gegenüber Homosexuellen»

Einsiedeln SZ, 18.10.15 (kath.ch) Begleitet vom sanften Herbstwind wanderte Abt Urban Federer zusammen mit religionsinteressierten Menschen ein Wegstück von Trachslau nach Einsiedeln (beide SZ), um mit ihnen zu diskutieren und zu philosophieren. Besonders Fragen zur Familiensynode, zur Flüchtlingsthematik und zu Franziskus brannten den zwanzig Teilnehmenden unter den Nägeln. Das Zusammensein mit dem Abt von Einsiedeln war die erste Ausgabe des Projekts «unterwegs mit…», das vom Verein Sakrallandschaft Innerschweiz organisiert wird.

Sandro Bucher

Leichter Nebel und kühle Herbsttemperaturen umgaben die Gruppe, die sich am frühen Samstagvormittag, 17. Oktober, auf dem Vorplatz des Klosters Einsiedeln versammelte. Neben Pilgern und Wanderern nutzten auch Benediktinerinnen aus dem nahen Frauenkloster Allerheiligen in der Au die Chance, mit Abt Urban ein Wegstück zu gehen.

«Ein Abt ist auf die Mithilfe anderer angewiesen»

Angeleitet von Jürg Krummenacher, Dozent und Projektleiter an der Hochschule Luzern Wirtschaft, wanderten die Teilnehmenden vom Kloster Einsiedeln die gut drei Kilometer bis zum Kloster Trachslau, wo sie von einem aufgeweckten Urban Federer empfangen wurden. Bei Kaffee und Gipfeli beantwortete der Einsiedler Abt Fragen zu seinem Amt und seiner Person: «Ein Abt ist auf die Mithilfe anderer angewiesen», entgegnete der 47-Jährige auf die Frage, wie er sein Kloster leite. «Da unsere Führungsphilosophie seit 1500 Jahren existiert, muss unser Leitbild stets neu interpretiert werden. Eine Weisung mit dem Sinn nach Mass ist dabei unabdinglich. Sobald etwas in eine Extreme ausschlägt, ist es nicht mehr gut.»

Zahlen und Zukunftsfragen

Angesprochen auf den starken Rückgang von Ordensbrüdern in der Schweiz, verweist Abt Urban auf die Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Damals erreichte das Kloster Einsiedeln mit rund 200 Ordensbrüdern den bisherigen Höchststand: «Ein Kloster denkt in anderen Zeitdimensionen, weshalb die 40er-Jahre für uns zur Neuzeit zählen. Der damalige Höchststand war jedoch eine unbefriedigende Situation: Nicht alle konnten das machen, wofür sie sich bestimmt fühlten. Weniger ist manchmal mehr.»

Seit Urban Federer vor zwei Jahren zum 59. Abt Einsiedelns gewählt wurde, ist das Kloster das Zuhause von 55 Ordensbrüdern. «Ein Führungswechsel bedeutet, dass alles neu angeschaut werden kann. Deshalb traf ich mich am Anfang meiner Amtszeit mit den sechs Brüdern unter vierzig, um mit ihnen zu diskutieren, wie sie die Zukunft sehen und wie wir unser Zusammenleben längerfristig sichern können.»

«Der diesjährige Wahlkampf bestand vor allem aus Köpfen»

Auf dem Rückweg ins Kloster Einsiedeln nahm sich Abt Urban Zeit für die individuellen Fragen der Teilnehmenden. Vor einer spätherbstlichen Kulisse aus rot-goldenen Bäumen, die ersten Frost ansetzten, berichtet Urban von seinem Leben als Abt im Kloster und erzählt, wie er über aktuelle Themen fern der Kirche denkt. Auch beim Abschluss-Apéro im Innenhof des Klosters Einsiedeln wurden Themen wie Politik aufgegriffen. Angesprochen auf seine Schwester, die Zürcher CVP-Nationalrätin Barbara Schmid-Federer, meint Abt Urban, dass er stets ein unbeschwertes Verhältnis zur Politik hatte: «In diesem Jahr bestand der Wahlkampf jedoch aus vielen alten und neuen Köpfen. Die bisherigen Positionen der Parteien sind bekannt, neuere Konzepte waren schwer auffindbar. Doch die Probleme, die das Parlament zu lösen hat, sind da: Auch neben der Flüchtlingsthematik und unserem Verhältnis zur EU gibt es viel zu besprechen.»

«Franziskus bringt Menschen auf den Weg»

Kurz vor Messebeginn in der Klosterkirche erzählt Urban Federer bei einem Glas Einsiedler Weisswein, was er von der zurzeit stattfindenden Familiensynode und von Papst Franziskus erwartet, den er bereits zweimal treffen durfte: «Gewisse Menschen sind von Franziskus enttäuscht, weil er nicht mit Antworten kommt, sondern Prozesse anstösst. Das ist allerdings das Wichtigste, denn Asien und Afrika haben andere Fragen als Europa. Eine Kirche kann nicht vom Zentrum aus regiert werden.» Er selbst sei deshalb nicht enttäuscht von dem Jesuiten-Papst: «Franziskus ist beliebt, obwohl er viel verändert. Viele Menschen werden von Veränderungen verunsichert, haben sogar Angst davor, dass das Gefüge durch Wandel in einen totalen Umbruch kommt. Doch was Franziskus macht, ist Menschen auf den Weg bringen. Das zeigt sich insbesondere bei seinem solidarischen Umgang mit den Armen.»

Erwartungen an die Familiensynode

Damit konfrontiert, dass er eine offenere Position zur Homosexualität habe als beispielsweise der Churer Bischof Vitus Huonder, bestätigt Abt Urban: «Von der Familiensynode erwarte ich eine andere Sprache gegenüber Homosexuellen. Für mich bleibt der Kern der Welt die Familie und die Weitergabe des Lebens, doch alle Menschen haben eine Daseinsberechtigung.» Der Einsiedler Abt ist überzeugt, dass sich die Sprache der katholischen Kirche gegenüber Homosexuellen ändern werde: «Die Frage ist, wie lange es geht und wie gerne das gemacht wird.»

Auf die Frage, ob ewige Treue nicht ein Bild der Vergangenheit sei und geschiedene Wiederverheiratete wieder zur Kommunion zugelassen werden sollten, antwortet Federer: «Für die Kirchenlehre sollten wir uns nicht schämen: Zu meiner Zeit als Lehrer beobachtete ich, dass auch der neuen Generation Treue wichtig ist. Jedoch finde ich auch hier die momentane Sprache der Kirche nicht gut. Der Dialog muss stattfinden, und wir sollten zueinander hinwachsen.»

Asylsuchende in Einsiedeln

Zum Schluss der Veranstaltung berichtet Abt Urban, begleitet vom Glockengeläut der Klosterkirche, von den Erfahrungen, die das Kloster mit den aufgenommenen Flüchtlingen macht: «Uns tut es gut, andere Realitäten zu sehen, und wir hatten bereits viele positive Erlebnisse mit den Asylsuchenden. Durch die verschiedenen Kulturen kommt es manchmal zu Missverständnissen, die durch das Suchen eines Dialogs geklärt werden müssen. Auch hier zeigt sich, dass der gemeinsame Dialog mit Menschen das allerwichtigste ist.» (sb)

Hinweis für Redaktionen: Bilder zu diesem Anlass können direkt bei Sandro Bucher bestellt werden unter sandro.bucher@hotmail.com.

Unterwegs mit Abt Urban Federer | © Sandro Bucher
18. Oktober 2015 | 08:00
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«Unterwegs mit…»

Das Projekt «unterwegs mit…» des Vereins Sakrallandschaft Innerschweiz gibt der Bevölkerung die Möglichkeit, Persönlichkeiten aus verschiedenen Bereichen kennenzulernen. Die Wanderung führt jeweils entlang einer ausgewählten Strecke des Wegstreckennetzes «Himmlische Pfade» der Sakrallandschaft Innerschweiz. Mehr Informationen zum Projekt «unterwegs mit…» vermittelt: www.sakrallandschaft-innerschweiz.ch